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Augen.

Ach, herzliebste Mutter! von einer solchen Musik hat sie gar keine Vorstellung! Kann auch kein Mensch, der sie nicht gehört, eine davon bekommen. Mir war als sei mein Geist schon vom Körper befreit, und schwebe gerade hinauf zu dem Allgütigen.

Nur manchmal wurde ich in meinem himmlischen Traume durch die Kommenden und Gehenden gestört. In einem solchen Augenblicke sah ich ein ganz schwarz gekleidetes, und ebenfalls verschleiertes Frauenzimmer hereintreten. Ihr gang war ganz ungewöhnlich, mehr ein Schweben zu nennen, und schien von dem Augenblicke, da sie eintrat, mit der Musik im Einklange.

Nicht weit unter unserm stuhl kniete sie nieder, und war in dieser Stellung unaussprechlich schön; so, dass ich mein Auge nicht mehr von ihr wenden konnte. Immer hoffte ich, sie werde, wie mehrere Frauenzimmer, den Schleier zurückschlagen, aber vergebens.

Jetzt hatte sie ihr Gebet verrichtet, setzte sich; und heftete, nach der Wendung ihres Kopfes zu urteilen, ihren blick unbeweglich auf den Hochaltar, der uns zur Linken war, und den ich bis dahin noch nicht beachtet hatte.

Nun aber folgte mein Auge dem ihrigen, unddenke sie sich, herzliebste Mutter, um Gotteswillen mein Erstaunen! erblickte mein eigenes Bild im Gewande der heiligen Jungfrau. Ich sah schnell wieder weg, und hätte vor Scham und Schrecken in die Erde sinken mögen. Aber jetzt sah ich auch die Fremde sinken, und bei diesem Anblicke kehrten alle meine Lebensgeister zurück. Ich wandte mich plötzlich um, machte mir Platz durch die Kinder, und eilte hinunter in die Kirche, der Fremden zu hülfe.

Sie schien völlig erstarrt, und ihre Augen waren geschlossen. In dem Augenblicke, wo wir sie in den ersten Wagen bringen wollten, lief ein Bedienter herbei, und liess schnell einen andern vorfahren. Ohne ihn weiter deswegen zu befragen, brachten wir sie hinein, und ich setzte mich ihr zur Seite.

Wir hielten vor einem prächtigen haus, der Bediente eilte hinein, und gleich darauf liefen zwei junge Mädchen herbei, und schrien laut auf, als sie den Wagen öffneten, und das Frauenzimmer leblos in meinen Armen erblickten.

Aber gerade dieses Geschrei schien sie zu erwekken. Sie schlug die Augen auf voll unaussprechlichen Schmerzens, blickte mich lange mit sprachlosem Erstaunen an, und schloss sie dann wieder, wie für immer. Wir eilten nun, sie in ihre Zimmer zu bringen.

sonderbar fiel es mir, ungeachtet meines Schrekkens auf, dass sie alle Rosenwäldern glichen, und ich sah gleich darauf bestätigt, was ich oft unsern Vater behaupten hörte, dass der Rosenduft äusserst heilsam und der einzige, sogar im Uebermaasse, nicht schädliche sei.

Die Fremde erholte sich augenblicklich, und winkte verneinend, als sie von einem arzt sprechen hörte. Ich bat sie, etwas Stärkendes zu sich zu nehmen, und sie nickte bejahend. Hierauf entfernten sich die Mädchen, um es herbei zu holen, und wir blieben allein.

kennen Sie mich? – fragte sie nach einigem Stillschweigen.

O nein! – sagte ich.

Sind sie niemals im Schauspiele gewesen? –

Nein! – sagt' ich wieder; aber in dem Augenblicke wurde mir Alles klar, und ich rief, mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend: Rosamunde!

Ja, ich bin Rosamundeantwortete sieaber warumsetzte sie mit einem forschenden Blicke hinzuwaren Sie niemals im Schauspiele?

Ich kann es wirklich nicht recht sagen ... es hat sich nicht so gefügt.

Und Sie haben auch niemals einiges Verlangen darnach bezeigt?

Nein, niemals.

Das muss doch irgend einen Grund habenwiederholte sie. –

Ach ja! – antwortete ichden hatte es auch. Ich hörte, dass Frauenzimmer mit auf das Teater kommen, und das tat mir gar zu leid; denn sie müssen ja dort ganz anders scheinen, als sie sind.

Und die Männer?

Ja, die sind ohnehin bei so vielen Gelegenheiten gezwungen, sich öffentlich zu zeigen, und sagen selbst, dass es ihnen ganz unmöglich sei, immer zu scheinen, was sie sind.

Und das wäre der wahre und einzige Grund, der Sie abhielt?

Nein! – sagt ich, und fühlte, dass ich sehr rot wardes hatte auch noch einen anderen.

Und der war?

Ich wusste, dass ich auch Sie dort sehen würde, und liebte Sie damals nicht, weil ich glaubte, dass Sie Herrn Stephani mutwillig unglücklich machten.

Die Mägde kamen nun wieder herein, und ich konnte nicht fortfahren. Sie aber nahm ihnen das, was sie brachten, schnell ab, und winkte ihnen, uns zu verlassen.

Sie liebten mich damals nichtsagte sie nunund jetzt?

Sehe ich wohl, dass Sie Recht hatten, und Herrn Stephani besser kannten, als wir Alle.

Sie antwortete nichts, aber ihr Gesicht wurde noch bleicher. Nach einiger Zeit richtete sie sich auf, und sagte: meine Brust schmerzt mich. Man soll doch zum arzt schicken.

Ich eilte hinaus. Aber, denke Sie sich, herzliebste Mutter! mein Entsetzen, als ich sie schwimmend im Blute, und einer toten ähnlich wieder fand.

Auf mein Geschrei stürzten die Mädchen herein, und gleich darauf kam auch der Arzt. Sie hatte einen Blutsturz bekommen, und war nur auf kurze Zeit noch zu retten.

Die Mädchen wehklagten, und mir wollte die Angst den Atem benehmen. Doch war ich fest entschlossen, sie nicht mehr zu