möge nur Alles so machen, wie sie, dann werde es nicht auffallen.
Herzliebste Mutter! frage sie doch den Herrn Pfarrer: ob ich das tun soll, und ob es auch Recht ist3?
Stephani an seine Verwandten.
Das Bild ist vollendet, in Gretchens Abwesenheit fortgetragen, und über dem Hochaltare aufgestellt. Ich sehe zu meiner Freude, dass ich die Höhe und die Entfernung richtig berechnet, und die wahre Proportion zu den Umgebungen gefunden habe.
Gretchens Vetter, ein Handwerker, der sich zum Künstler erhebt, hat beim Aufstellen geholfen, und sein Entzücken kaum mässigen können. Ich habe mir seinen wahrhaft patriarchalischen Kopf, im Augenblicke der überirdischen Freude, sogleich abgezeichnet, und finde, dass er einer der schönsten Menschen gewesen sein muss. Er ist Margaretens Mutter Bruder, und die Schönheit ohne Zweifel schon lange erblich in dieser Familie.
Ich denke den Fürsten mit diesem kopf auf das herrlichste zu überraschen. Noch herrlicher aber wird er sich mit einer Figur im weitfaltigen Gewande, auf dem nach Pisa bestimmten Bilde, ausnehmen.
Der Alte wusste noch nichts von Gretchens Entschlusse, und geriet in das höchste Erstaunen. Als ich ihm aber sagte, dass sie ihrer Freiheit durchaus nicht beraubt werde, fasste er sich, blickte noch einmal mit gefaltenen Händen und Tränen im Auge nach dem Bilde und sagte: Ach, ich habe es lange gedacht, dass sie auf dem gewöhnlichen Wege nicht bleiben werde! Ihr Sinn war niemals auf Irdisches gerichtet. Aber, teuerster Herr! sagen Sie doch unserm gnädigsten Fürsten im Namen eines armen Mannes den demütigsten Dank, dass er sie vor dem Einsperren bewahrt hat. Es wäre ein Nagel zu meinem Sarge gewesen.
Auch zu dem meinigen, liebster Alter! erwiderte ich, drückt' ihm die Hand, und entfernte mich schnell.
Als ich zu haus kam, fühlte ich erst meinen Verlust. Ach, der Platz, auf welchem das Bild gestanden hatte, war leer, und das ganze Zimmer eine Wüste. Aber Gretchen war vom Fürsten noch nicht zurück, und so eilte ich, die schon angefangene Zeichnung zu dem Bilde nach Pisa sogleich an die Stelle des vorigen setzen zu lassen.
Alles im haus ist in ungewöhnlicher Bewegung. Die Kinder springen lächelnd hin und her, machen allerhand bedeutende Zeichen, und als das Bild weggetragen wurde, war des Flüsterns kein Ende.
Auch mir kommt dieses fest ganz anders vor, als alle, die ich jemals erlebte. Ein unüberwindlicher Trübsinn, den selbst die Kunst nicht zerstreut, hält meine ganze Seele umfangen, und es dünkt mich, als fürchte ich nicht bloss den bekannten, sondern einen noch fremden Schmerz, welchen das Schicksal mir bereitet. Ich kann mich zu keiner neuen Arbeit entschliessen und tue nichts, als die vorigen mustern.
Es ist auffallend, wie ich in meinen ersten Entwürfen nur nach dem Leidenschaftlichen gestrebt, und erst später Sinn für das Harmonische bekommen habe.
Bisher fehlte mir die Zeit zu dieser Uebersicht; jetzt ist sie die einzige Beschäftigung, zu welcher ich fähig bin, und wird mir in der Tat sehr anziehend und lehrreich.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Da es der Herr Pfarrer erlaubt, werde ich mit in die Kirche gehen, und habe es auch der Frau Präsidentin gesagt. Wir sind mit Allem fertig, und die Kinder freuen sich über die Maassen.
Herzliebste Mutter! wie schön ist es doch, wenn es auf Ostern geht! Man freut sich nicht bloss wegen der Auferstehung des Heilandes, sondern auch wegen der Auferstehung der ganzen natur.
Unsere Winter sind freilich nicht mit den nördlichen, von welchen sie und der selige Vater erzählten, zu vergleichen. Die mögen wohl schrecklich sein; aber hier sind sie eine wahre Wohltat des himmels.
Und, herzliebste Mutter! – Ach, wie soll ich's nur recht sagen? – dünkt ihr nicht, als läge etwas ganz Wunderbares in der Frühlingsluft? – Ach, es ist nicht bloss die stimme der Vögel, das Sumsen der tausend und tausend Würmchen, die zum neuen Leben erwachen, ach es ist noch ganz etwas Anderes. Mutter! herzliebste Mutter! wenn ich so des Morgens, gleich nach Sonnenaufgang unter die Blumen gehe, rauscht es an mir vorbei in einem Getön, dass mein Innerstes von hoher Wonne erbebt. Es spricht zu mir, aber nicht menschliche Worte; doch fühl' ich, was sie bedeuten; aber mit Worten ausdrücken kann ich es auch nicht. Singen konnte' ich es, und sing' es auch, wenn ich allein bin. O Mutter, es antwortet mir! – Ist das Gott? – O geliebte Mutter! ich glaube, das ist Gott.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Wo soll ich anfangen, ihr das viele Wunderbare, was mir in diesen Tagen begegnet ist, zu erzählen?
Wir gingen unter herrlichem Glockengeläute in die Kirche, und fanden eine unzählbare Menge Leute in derselben versammelt. Auch der Fürst war schon da, und sass dicht neben unserm stuhl. Ich war verschleiert, wie fast alle Frauenzimmer in der Kirche, und sehr froh, es zu sein. Ich hätte mich des vielen Herumsehens geschämt, und hätte es doch wohl nicht lassen können.
Ich glaube, man muss an die Pracht des katolischen Gottesdienstes gewöhnt sein, um nicht durch dieselbe zerstreut zu werden. Mir wenigstens war es Anfangs unmöglich, mich zu sammeln. Nun aber ging die prächtige Musik an, und alles verschwand vor meinen