ihr einziger Fehler.
Heute verstehst du dich wohl selbst nicht.
Ich glaube doch. Nehmen Sie ein gesundes Kind, in den ersten Monaten seines Lebens, befreien sie es von seinen Windeln; oder noch besser, sorgen Sie, dass es nie welche gehabt habe, legen Sie es auf den Rasen, schützen Sie es vor Hitze und Kälte, und vor einem unbefriedigten Bedürfnisse. geben Sie nun Acht auf die Bewegungen dieses Kindes, und Sie werden erstaunen, keine einzige unmalerisch, im Gegenteile alle höchst graziös, höchst malerisch zu finden.
Woher kommt das?
Daher: dass die Grazie tief in der heiligen natur liegt, und eben deswegen allen heiligen Gegenständen vorzugsweise zukommt. Daher: dass sie nur der höchsten Unschuld eigen ist, und eben deswegen nur bei ganz unverdorbenen Kindern, oder bei Menschen, welche diese göttliche Reinheit nie verloren, gefunden werden kann; nicht sowohl dem Plumpen und Rohen, als dem Erlernten und Conventionellen entgegengesetzt ist. Wer dieses bezweifelt, kann augenblicklich durch die französische Grazie überzeugt werden.
Und die griechische?
Wird ewig das Wunderbarste dieser wunderbaren Nation bleiben. Sie wurde dargestellt, ohne begriffen zu werden. Ein Produkt reiner Naivität. Denn offenbar sagten die Griechen mit ihren Werken mehr, als sie sagen wollten, oder sich bewusst waren, gesagt zu haben. Inspirirte, die ihre selbstverkündigten Orakel nicht verstanden. Gleichwohl können nicht alle ihre Werke von dem Conventionellen freigesprochen werden, und ermangeln eben deswegen der wahrhaften Grazie. Eine Behauptung, der man noch so lange widersprechen, als man fortfahren wird, Reiz mit Grazie zu verwechseln.
Wie aber, wenn man dir sagt: deine Grazie solle Unschuld und nicht Anmut heissen?
So würde ich das nicht zugeben, sondern nur eingestehen, dass sie nicht ohne Unschuld bestehen könne, ohne darum die Unschuld selbst zu sein. Wer das Erste wiederum bezweifelt, betrachte nur einen, in allen sogenannten Künsten der Grazien vollkommen geübten Wüstling, und sehe zu, ob er sich das heimlich Verrenkte, Widrige und Unharmonische seiner Bewegungen läugnen kann.
Gewiss und wahrhaftig gibt es aber doch Menschen, welche, obwohl durchaus unschuldig, der Grazie gänzlich entbehren.
Allerdings! und dieses beweisst abermals, dass sie nicht die Unschuld selbst ist.
Nun! was ist sie denn?
Die zarteste Blüte vollkommen menschlicher Organisation! Welche leider durch Erziehung oft im Keime erstickt, oft, wenn dieses auch nicht geschehen, durch widriges Schicksal am Entfalten gehindert, durch Laster völlig zerstört wird; deren Anblick aber, wo sie sich noch findet, das Auge des Kenners mit hohem Entzücken erfüllt.
Rosamunde!
Rosamunde hat sie im hohen, Margarete im höchsten von mir erblickten Grade. Und man kann mit Wahrheit sagen: die ganze Fülle der menschlichen Gotteit, der göttlichen Menschheit ruhe in ihr.
Bei diesen Worten wandt er sich von mir weg, und ging mit heftigen Schritten auf und ab, ergriff dann aber sichtbar gerührt meine Hand, und sagte: O du fühlst ganz ihren Wert! aber dir wird sie nicht werden, und mir auch nicht.
Nach langem Stillschweigen setzt' er hinzu: weisst du, dass sie uns verlässt? –
Nein! – sagt' ich – auch ist es mir unglaublich.
Unglaublich? – Warum?
Ach ich kann es nicht sagen! aber es widersteht Allem, was ich denken kann. Warum sollte sie uns verlassen?
Weil sie das Glück, welches sie hier geniesst, nicht mehr tragen kann.
Ich sah ihn an, ohne zu antworten.
Ja! ja! – fuhr er mit bitterm Lächeln fort – bei einem hölzernen Tische, einem Strohstuhle, einem reinlichen, aber ärmlichem Bettchen, in einem niedrigen Zimmerchen, da kann man viel glücklicher sein, als bei uns. Und wenn nun Sonntags, oder wohl gar Festtags die Glocken läuten, dann steigt die Glückseligkeit bis zu einem überirdischen Grade! – Es ist zwar ganz hübsch bei uns, meine Gemälde, unter anderm, ganz erträglich; aber was sie umgiebt, gar zu hässlich. Ich ein armer, mitleidswerter Mann, den man gern, wär' es nur möglich, aus dieser höllischen Pracht reissen möchte, und da dieses nun nicht möglich ist, rate was geschieht!
Ich sah ihn abermals, von der Bitterkeit seines Tones erschreckt, fragend und stillschweigend an.
Du errätst es nicht? – Nun wohl, so erfahre es dann! Ein Kloster wird gestiftet; ich selbst muss es stiften. Nicht etwa, damit sie die Oberste und Alles darin nach ihrem Willen eingerichtet werde. O nein! das ist ihr Alles ganz gleichgültig, lästig sogar. Die Hauptsache ist und bleibt, dass sie ein Kleid, wie die Andern bekomme, damit sie nicht erkannt, nicht verlacht werde, wenn sie nach Osten und Westen zieht, die Kranken, Notleidenden, Verwundeten aufzusuchen. Ja! ja! staune, wie du willst! Das bleibt die Hauptsache. Und wenn du ihr auch die unbeschreibliche Glückseligkeit des hölzernen Tisches, des Strohstuhles und des niedrigen Zimmerchens verschaffst; so wähne darum nicht, sie zu halten: denn so lang' es noch Tausende gibt, die auch das nicht haben, bleibt sie dir nicht. Bedürfte sie der Gesundheit nicht unumgänglich, würde sie es unfehlbar unerträglich finden, nicht krank zu sein, weil Tausende es sind. Wie es aber dir, wie es mir geht; ob wir von sehnsucht verzehrt werden – das kümmert sie nicht. Der himmlische Vater, auf welchen sie sich freilich in