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? – O trügt mich nicht die stimme meines Herzens! – – Geduld! das kann nicht verborgen bleiben.

Gretchen an ihre Mutter.

Herzliebste Mutter!

Wie danke ich es meinem geliebten Vater in der Erde, wie dank' ich es ihr, herzliebste Mutter! dass sie mich früh vor Hochmut und vor allem Tand, der vom ewigen Frieden abziehen kann, gewarnt haben. Wie leicht könnt' ich sonst nun eine dumme Törin werden, und glauben, das, was das Glück mir gäbe, oder was andere in übertriebener Einbildung mir zuschrieben, wäre ich selbst. Nein! nein! herzliebste Mutter! vertraue sie nur auf Gott! Er hat mich bisher vor solchem dummen Uebermut bewahrt, und wird es auch ferner.

Es kam mir einmal der schlechte Gedanke, ich wolle ihr, herzliebste Mutter! etwas verheimlichen, damit sie sich nur keine unnötige sorge machen möge. Aber das war Abends, und als ich am andern Morgen meine Haare flocht, und sie vor dem Spiegel aufstecken wollte, konnte ich mich schon nicht mehr ausstehen. Vor Unmut fing ich bitterlich an zu weinen, dann aber fasste ich mich und dachte: es gehe, wie es wolle! deiner herzliebsten Mutter sagst du mal Alles.

Was meint sie nun wohl, herzliebste Mutter! sei auf dem Bilde, was Herr Stephani malt, vorgestellt? – Ich selbst, sagt der Fürst. Nicht wahr, sie erstaunt? Ich aber bin noch weit mehr erstaunt, und habe nichts davon glauben wollen. Ich solle nur Fränzchen fragen, und ob ich mich nicht erinnere, wie das Kind gesagt habe? ich werde am meisten darüber erschrecken und mich freuen.

Nun erschrack ich wirklich, und zwar so, dass ich kein Wort mehr vorbringen konnte. Glaubst du nun noch nichtfuhr der Fürst fortdass du eines Trones würdig bist?

Gnädigster Herr! – antwortete ich, und fing heftig an zu weinenwessen ich würdig bin, das weiss ich wohl! nämlich, dass sich Gott meiner erbarme, und mich vor Hochmut bewahre.

Mein Gott! – rief erwas bewegt dich so tief?

Gnädigster Herr! – sagt' ichich weiss es selbst nicht recht; aber mir ist schon seit einigen Tagen so zu Mut; denn ich sehe wohl, dass mein Leben ganz anders wird, als ich es mir gedacht habe.

Wie hast du es dir gedacht? – So soll es werden! das beteure ich dir bei meiner fürstlichen Ehre!

Gnädiger Herr! – rief ich, weinte noch viel stärker, und fiel ihm zu FüssenSie werden Ihr Wort erfüllen! denn Sie haben es immer getan.

So werde ich es ferner tun. Und darum steh' auf, und sage mir Alles.

Nun stand ich auf, und sagte: wie gern wollt' ich es, wenn ich es nur recht könnte.

Du wirst es können. Sammle dich, und verbanne alle Gedanken der Furcht.

Gnädigster Herr! – hub ich nun anSie verstehen mich am besten, wenn ich von dem Leiden der Menschen, und von dem Wunsche, ihnen zu helfen spreche. Werden Sie mich aber auch verstehen, werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich ein Wohlgefallen an der Niedrigkeit, ja, dass ich eine ordentliche sehnsucht nach ihr habe? – Gnädigster Herr! Ihre Zimmer sind schön; Ihre Gemälde sind unaussprechlich schön; aber wie viel Niederschlagendes ist in ihrer Nähe. – Man braucht nur einen der Menschen, die hier aus- und eingehen, zu sehen, fort ist alle Freude. Eine Angst, eine Beklommenheit überfällt einen. – Man muss fort, und oft dünkt einem, irgend ein Unglück folge dicht auf der Fersedünkt einem, fliehe man nicht schnell, werde man sich selbst verlieren.

Mir das, Gretchen!

Ach! ach! – rief ich nun schluchzendich weiss es wohl, dass ich Ihnen weh tue! und Gott ist mein Zeuge! wie Sie mir letztin erzählten: Sie haben mich im Traume mit ein Paar Flügeln gesehen, dachte' ich gleich: ach, hättest du nur ein Paar solche Flügel! wärst du nur ein recht starkes übermenschliches Wesen! du rissest ihn gleich heraus, und brächtest ihn dahin, wo Fried' und Seligkeit ist.

Wo ist Friede? Wo ist Seligkeit? – auf Erden nicht mehr!

Da sei Gott vor! Ach gnädiger Herr! wüssten Sie nur, wie einem so in einem kleinen, reinlichen Stübchen zu Mute ist! Ein weisser hölzerner Tisch, ein Strohstuhl, ein reinliches Bettchen. Ach, so wie in meines Vaters haus! Und des Sonntags noch Alles ganz anders! und an den Festtagen himmlisch schön! und keine Lüge, kein Betrug! Alles ein Herz und eine Seele! Und das man weiss, was man hat, haben Tausende, und ist deswegen Niemanden etwas genommen worden, und wenn man es verliert, kann es durch Arbeit alle Tage wieder erworben werden.

Wie? dieses ruhige Glück wäre das, was du suchst? du? die hinaus will in die Welt unter Not und Jammer!

Ich sprach nicht von mir, gnädiger Herr! Ich wollte nur sagen, dass es gewiss noch Fried' und Seligkeit auf Erden gibt.

Welches beides dennoch von dir verschmäht wird.

O glauben Sie das nicht, gnädiger Herr! Wer weiss aber besser, als Sie, dass der eine Mensch so