er mit grossen Schritten auf und ab, und sagte kein Wort mehr. Da schlug die Glocke aber zwölf, und ich durfte nicht länger mehr warten. Leben Sie wohl, gnädigster Herr! – sagt' ich nun – Ich muss fort; denn die Kinder kommen jetzt zu haus, und stürmen sonst gleich zu der Frau Präsidentin, und plagen sie gar zu sehr. Morgen aber, wenn Sie es erlauben, komme ich wieder, und höre, ob Sie mir meine Bitte gewähren. Den andern Tag kam ich wieder, und da ich unangemeldet hineintreten darf, hatte er mich nicht bemerkt, und sass in tiefen Gedanken. Mir wurde bange; denn er sah finster aus, und ich hatte nicht das Herz, ihn anzureden. Endlich bemerkte er mich, und kam sehr freundlich auf mich zu.
Du da, Gretchen? – sagte er – plötzlich, wie eine Erscheinung! Eben so plötzlich sah ich dich diese Nacht; aber mit einem glänzenden Flügelpaare. Du erhobst dich in die Lüfte, ich wollte dir folgen, sank aber bald ermattet auf die Erde zurück. Ich erwachte in einer trüben Stimmung, die mir bis zu dem Augenblicke, wo ich dich sah, geblieben ist.
Glauben Sie denn auch an Träume, gnädiger Herr?
Wie du willst! Ich glaube daran und glaube nicht daran. Aeusserlich weiss ich gewaltig viel dagegen vorzubringen; innerlich bin ich vielleicht abergläubischer, als irgend ein Anderer.
Das ist sonderbar!
sonderbar und natürlich, wie so vieles in der Welt, wie du selbst, Gretchen.
Wie ich?
Ja gewiss! du bist die sonderbarste und dann doch die natürlichste Erscheinung meines ganzen Lebens!
Ei mein Gott, gnädiger Herr! wie sollte das zugehen?
Sage selbst, Gretchen! bist du wohl so, wie andere Mädchen? denkst du wohl an Männer, ihnen zu gefallen? Auch nur an einen Einzigen, ihn zu besitzen? so zu besitzen, wie die Frau den Mann?
Ei, mein Gott! das ist wirklich sonderbar! Woher wissen Sie denn das?
Ich weiss es, weil ich dich beobachte. Lange habe ich geglaubt, du machest mit Stephani eine Ausnahme; jetzt glaube' ich es nicht mehr; denn ich sehe dich von Anderer Leiden noch tiefer, als von den seinigen erschüttert. Ja, du willst das Haus, wo er ist, verlassen, und dein Leben fremden Unglücklichen widmen. Oder irrte ich? war es nicht so?
O nein, gnädigster Herr! Sie irrten nicht. So war es. Ich sag' es ja! es begreift und versteht mich kein Mensch so, wie Sie.
Auch nicht Stephani?
Das weiss ich nicht; denn wir haben, so lange wir uns kennen, gar wenig mit einander gesprochen. Aber wenn es auch wäre, so hat er doch nicht die Macht, mir ausführen zu helfen, was Not tut.
Also nur wegen der Macht ziehst du mich vor?
Ach, gnädigster Herr! ist denn hier von einem Vorzuge die Rede? – Ich liebe ihn unbeschreiblich, ich liebe und achte Sie eben so unbeschreiblich. Kann das nicht mit einander bestehen?
Aber du sagtest mir einst, es komme dir vor, als sei Stephani dein Verwandter, du denkest unaufhörlich an ihn, und wenn hundert Meilen weit ein Kraut wüchse, was ihm helfen könnte, du würdest es holen.
Ja gewiss, gnädigster Herr! und das tät' ich auch jetzt, wenn er es bedürfte.
Bedarf er es nicht mehr?
Ich glaube nicht. Er scheint durch Rosamunde nicht mehr zu leiden, scheint in seiner Kunst ganz glücklich zu sein. Betrübt ihn noch etwas, so ist es, glaube ich, wenn er, ohne es zu wollen, Sie, gnädiger Herr! erzürnt.
Weswegen aber glaubst du wohl, dass ich mit ihm zürnen könne?
Ach; ich begreif' es nicht!
Wohlan! so erfahre es dann! Deinetwegen zürne ich mit ihm.
grosser Gott! meinetwegen? –
Ja, deinetwegen. Er glaubte Rosamunden zu lieben, und sieht, dass er irrte. Er glaubt jetzt dich zu lieben – wie, wenn er nach einiger Zeit auch sähe, dass er irrte? –
Was könnte das schaden, gnädiger Herr?
Was es schaden könnte! – Es würde dich unglücklich machen.
O glauben Sie das nicht, gnädigster Herr! Es wäre ja nur ein Irrtum, und wenn ich das weiss, wie kann es mich unglücklich machen?
Was wäre ein Irrtum?
Dass er mich nicht mehr zu lieben glaubte. Denn sollte es wahr werden, so müsste ich schlecht und böse werden. Aber würde es auch ohnedem wahr, so kommt es ja, so lange man auf Erden ist, nicht darauf an, wie sehr man geliebt wird; sondern, wie sehr man liebt, und geliebt hat.
Bei dem allwissenden Gott, das Erhabenste und Göttlichste, was ein Mensch sagen kann! Wer lehrte dich das?
O, gnädigster Herr! – rief ich lachend – so Etwas weiss man aus sich selbst; das braucht man nicht zu lernen.
Du weisst es aus dir selbst. Wer sonst noch? –
Viele! aber sie vergessen es, und denken an tausend andere Dinge, die sie für wichtiger halten. Gäben sie aber nur Acht, wie unglücklich es sie macht, dass sie immer dieses und jenes wünschen, was sie entweder gar nicht, oder nur dadurch, dass sie