1812_Fischer_017_30.txt

die Kunst verloren.

Gretchen an ihre Mutter.

Herzliebste Mutter!

Ich konnte das vorigemal nicht weiter schreiben; denn ich war gar zu heftig erschüttert. Ach der Fürst ist ein guter Herr; aber er verändert sich gar zu plötzlich, und kann oft böse werden, wenn man es am wenigsten denkt.

Ich schrieb ihr, dass Herr Stephani ihn mit in das Zimmer genommen; was er gewiss keinem andern Menschen getan haben würde. Anfangs schien der Fürst auch höchlich darüber erfreut. Er umarmte Herrn Stephani, und sah sehr gütig dabei aus. Mit einemmale aber wurde er heftig, und sein Gesicht gänzlich verändert. Es entstand ein Wortwechsel, ich hörte den Namen Rosamunde, und ehe ich es mich versah, stürzte der Fürst ganz entrüstet durch das Zimmer; so, dass seine Leute kaum herbeifliegen und ihm folgen konnten.

Herr Stephani kam nicht zu Tische; malte aber auch nicht; sondern ging gleich auf sein Zimmer. Mir war es unmöglich, einen Bissen zu essen, und das Herz schlug mir so gewaltig, dass ich kaum Atem holen konnte.

Die Frau Präsidentin wollte wissen, was vorgegangen sei; aber ich konnte ihr nichts sagen, als: dass ich den Namen Rosamunde gehört, und dass der Fürst ganz aufgebracht davon gegangen sei. Sie sah vor sich nieder und sagte: das ist sonderbar! Mir aber wurde so angst, dass ich geschwind hinausgehen, und bitterlich weinen musste.

Ach, es ist mir so, wie ich ihr schon einmal geschrieben habe: dass mir der Hass wie eine ordentliche Verrückteit vorkommt. Sage sie mir auch um Gotteswillen! was sollen die Menschen auf der Erde, wenn sie sich nicht lieben wollen? – Sie weiss es, vielleicht noch nichtdenke sie einmal, herzliebste Mutter! die Erde schwebt so in der Luft, wie die Sonne und die Sterne. Nun ist es mir manchmal (sage Sie es aber keinem Menschen) als schwebte ich über der Erde. Die grossen Länder, die gewaltigen Ströme, kommen mir dann sehr klein vor, die Menschen noch kleiner, und ihr Zank und Streit erscheint mir nicht bloss wie Verrückteit; sondern wie völlige Raserei.

Ach, wie unnatürlich ist es, dass sie nicht in fester Liebe zusammenhalten, um dem gewaltigen Schicksale, was sie, bedräuet, zu widerstehen. Denn, herzliebste Mutter! ich muss es ihr nur frei heraus sagen, dass ich von der Allmacht Gottes nicht so denken kann, wie uns geboten wird, von ihr zu denken. Seine Güte aber stelle ich mir noch viel grösser vor, als man sie uns schildert, und das ist auch mein einziger Trost, jetzt, da mich der Fürst in der geschichte unterrichten lässt.

Ach, herzliebste Mutter! hätte ich nicht schon einmal angefangen, und wäre ich nicht jetzt begierig, an das Ende zu kommen, nimmermehr hätt' ich mich damit abgegeben. Etwas Schrecklicheres und Empörenderes, als schon auf dieser Erde vorgefallen ist, kann sie sich gar nicht denken. Aerger, als reissende Tiere haben Menschen gegen einander gewütet, und unter tausendmalen hat die Unschuld neunhundertmal der Bosheit unterliegen müssen.

Das Alles, sagen die gelehrten Leute, konnte, sobald der Mensch frei bleiben sollte, nicht anders sein. Aber, herzliebste Mutter! sie sagen das nur so, um sich etwas vorzumachen; bluten sie aber unter den Klauen eines Wütrichs, so langen sie nicht mehr damit aus.

Nein! nein! Gott ist gewiss nicht allmächtig! sonst hätt' er das Böse gehindert. Es war, das sieht man tausendfältig bestätigt, eine Kraft, welche sich ihm von Ewigkeit her widersetzte, und die er von Ewigkeit her bekämpfte. Wie dieser Kampf endigen wird, ist, glaube sie mir, liebste Mutter! noch lange nicht entschieden.

Ach, wir blödsichtigen, in leidenschaft und Irrtum taumelnden Kinder! kennen vielleicht noch lange nicht die Sorgen unseres grossen, liebevollen Vaters. – Schaudern und Entsetzen würde uns vielleicht ergreifen, wenn sie uns offenbar würden. Wohl mögen wir beten: dein Reich komme! erlöse uns von dem Bösen! – Glaube sie mir, herzliebste Mutter! in diesen Worten unseres göttlichen Lehrers liegt weit mehr, als wir denken; so wie in seiner Versicherung: ich hätte euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.

Unzähligemale aber wiederholte er, dass Liebe und Reinigkeit des Herzens das einzige seie, was Not tue. Ach er wusste, dass das Eine zu dem Andern führe, und dass das Reich des Bösen am sichersten dadurch zerstört werde.

So glaube auch ich, liebste Mutter! dass die Macht Gottes durch jeden schönen Gedanken, durch jede liebevolle Handlung der Menschen vermehrt werde, und dass, wenn sie sich in Liebe und Tugend vereinigten, sein Reich kommen würde und müsste.

Aber, o Gott! wenn die Erde ganz dem Bösen hingegeben würdesänke! sänke mit allen denkenden und empfindenden Wesen, welche keinen geheiligten Willen, keine Kraft hätten, sich über sie zu erheben! – sänke in die bodenlose Tiefe! zerschellte, zerschmetterte, zerstiebe! – Oder wenn sie ganz zur Hölle würde! Wahrheit und Gerechtigkeit verhöhnete Schattendie göttliche Gestalt des Menschen durch Laster bis zum Unkenntlichen verzerrtdas Siegel der ewigen Verworfenheit ihm aufgedrücktgebeugt zur Erdekriechend wie ein Wurmdie Ahnung der Unsterblichkeit, mit ihr sie selbst auf ewig verloren!!

Bei diesem entsetzlichen Gedanken hörte ich ein durchdringendes Geschrei.