würde vielleicht seine hohe Bestimmung verkennen, und glauben, es sei nicht mehr wert, als wir es gelten lassen wollen.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Vor einigen Tagen war der Fürst da, kam gerade in das Wohnzimmer, und sah Herrn Stephani malen. Er wollte wissen, welch ein Gemälde es sei; aber Niemand konnte ihm Auskunft geben. Da liess er mich rufen und sagte: nicht wahr, Gretchen! du weisst, was er malt? Nein! gnädigster Herr! – antwortete ich – Es weiss es kein Mensch, ausser Fränzchen. Sehen Sie! da steht er schon wieder bei Herrn Stephani. Aber wir können nichts aus ihm bringen: als dass es ein Weihnachtsbild sei, er auch mit darauf stehe, und daran helfe, weil er artig und verschwiegen sei, und dass ich am meisten darüber erschrecken und mich freuen werde.
Und Stephani?
Ja, der spricht mit Niemand mehr, scheint auch nichts von Allem, was um ihn vorgeht, zu bemerken. Selten kommt er zum Essen, und dann haben wir an den Kindern genug zu wehren; denn er gibt ihnen Antworten, die gar nicht auf ihre fragen passen. Dann lachen die kleinen Schelme, wir mögen winken, wie wir wollen. Die Aeltesten aber reden ihn gar nicht mehr an, sondern betrachten ihn mit einer zärtlichen Furcht, und machen gleich Platz, wenn er irgendwo durchgeht.
Aber mit dir Gretchen spricht er doch?
Ich wüsste die Zeit nicht, dass er ein Wort mit mir gewechselt hätte!
Er wollte vor einigen Tagen zu mir kommen.
Ach, gnädigster Herr! zürnen Sie ja nicht deswegen auf ihn! Er liebt und verehrt Sie vor allen andern Menschen; aber er vergisst Alles, was nicht das Bild ist.
Unmöglich! – rief er – oder das Bild ..... Dann hielt er plötzlich inne, und sah mich an, als ob er mir bis auf den Grund des Herzens sehen wollte.
Was sehen Sie mich nun so an, gnädigster Herr? – sagte ich – Trauen Sie mir nun schon wieder nicht, und glauben, dass ich mehr weiss, als ich sage?
Nein, Gretchen! – rief er wieder – ehe glaube ich, dass ich mehr weiss, als du sagst.
Da er aber so laut rief, hatte Herr Stephani ihn gehört, und kam zu uns herein. Er entschuldigte sich sehr, dass er nicht gekommen. Aber der Fürst sagte: lassen Sie das! lassen Sie das! Doch warum sind Sie so grausam gegen uns? – Keiner Ihrer Freunde weiss, was Sie arbeiten.
Es ist ein Altarblatt – antwortete Herr Stephani – was die Stadt Pisa bei mir bestellt hat.
Der Fürst wollte nun eben fragen: was es denn vorstelle, da erschrack Herr Stephani so, dass er ganz rot wurde, öffnete plötzlich die tür, und liess den Fürsten hineingehen. Er muss gewiss befürchtet haben, ich würde das Bild auch sehen wollen; denn er sah mich so bittend und so angstvoll an, dass es mir im Herzen wehe tat, und ich geschwind sagte: lieber Herr Stephani! ich will nicht mit hinein.
Da sah er mich noch einmal an, und es war, als wolle er mir mit diesem Blicke seine ganze Seele geben.
Herzliebste Mutter! diesen blick werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Denn es ist mir, als hätte ich wirklich mit diesem Blicke etwas bekommen, und als sei es mir hier mitten in der Brust geblieben.
Stephani an seine Verwandten.
Der Fürst hat das Bild gesehen, und ist heftig dadurch erschüttert worden. Lange staunte er es sprachlos an. Dann fiel er mir plötzlich um den Hals und sagte: versprich mir, dass du erfüllen willst, warum ich dich bitte! – Ich erschrack; denn ich ahnete, was er wollte.
Du tust es nicht! – rief er – Mir nicht? deinem Freunde nicht, der Alles für dich tun würde? Ich bitte dich, sage nicht nein! Mache den Pisanern eine Copie. Lass mir dieses Bild. – Die hände sanken mir nieder.
O, mein Gott! – rief er abermals – du kannst es nicht? –
Ich muss es können – antwortete ich – sobald Sie es wollen.
Er schwieg, und betrachtete das Bild von neuem. Sage mir aufrichtig – hub er dann wieder an – warst du wirklich entschlossen, dieses Bild wegzugeben? –
Nein – sagte ich – aber ich habe mich oft deswegen getadelt.
Wie so?
Die Pisaner haben keine Copie von mir gefordert.
Glaubst du, dass sie den Unterschied fühlen?
Ich fühle ihn.
Aber was würdest du am Ende getan haben?
Ich weiss es nicht.
Die idee bleibt dieselbe.
Die idee – aber die Ausführung! –
Wie? du getraust dich nicht?
Wie viel ich mir trauen, mit Recht trauen konnte, musste die Folge erst lehren.
Wie viel Zeit hat man dir gelassen?
Das ist die Hauptschwierigkeit. Man wünscht sehnlich, die Kirche möge zu Ostern eingeweiht, und das Bild zugleich aufgestellt werden.
Sie können dir nichts vorschreiben.
Nein. Aber sie haben mich dringend gebeten.
Es ist himmelschreiend, dieses Bild von dem volk verräuchern zu lassen.
Doch wird es schwerlich mehr, als gerade an diesem Orte wirken.
Wohlan, so trete ich mit ihnen in Unterhandlung. Wir haben auch Kirchen. Mag es dem volk dann bleiben