. Niemand konnte es ihm sagen, und so liess er mich gestern zu sich rufen. Ich sah den Laufer durch die Glastüre, konnte wohl denken, dass es mir gälte, und trat heraus zu bitten: der Fürst möge mir erlauben, ihm Abends aufwarten zu dürfen. Ich war auf den Morgen bestellt. Die seltene Güte dieses grossen Menschen macht einen dreist, und er ahnet nicht einmal, dass diese Dreistigkeit etwas Ungeziemendes entalte.
Während ich aber mit dem Laufer sprach, war Fränzchen, ein Kind von zwei Jahren, mit seinem Steckenpferde durch die offene tür getrabt, und stand nun, wie versteinert, vor dem Bilde. Sobald er zu sich selbst kam, rief er überlaut: Gretchen! Gretchen! und wollte im vollen Gallop wieder davon.
Aber ich nahm ihn gefangen, bedeutete ihm, dass es eine grosse Freude, wie am Christabend werden solle, aber Niemand etwas davon wissen dürfe. Wolle er artig und verschwiegen sein, so solle er Farben und Pinsel bekommen, und mir unten an dem Bilde malen helfen.
Er versprach Alles; verlangte aber sogleich Pinsel und Farben, legte sein Steckenpferd zur Seite, und machte sich an das Geschäft. Jetzt wurden ihn die andern draussen gewahr, und verlangten nun auch eingelassen zu werden. Er aber versicherte ihnen sehr ernstaft: das könne nicht geschehen. Sie seien viel zu laut und unartig; er aber sei artig und verschwiegen, habe auch Farben und Pinsel, und sie mögen nur gleich weiter ziehen, und uns nicht stören. Wollen sie nun etwa böse darüber werden, und sein Steckenpferd zerschlagen, so gehe das auch nicht; denn er habe es bei sich behalten.
Es ist ein herrliches Kind, mit einem grossen, brennenden Dichterauge. Ich will ihn unter die himmlischen Heerscharen, von denen die Heilige angebetet wird, versetzen, und mich soll wundern, ob er sich findet. Wenn sie aufsteht, sich setzt, sich zu den Kindern beugt – wie ganz anders, als die übrigen weiblichen Körper! – keine Begierde, leidenschaft in irgend einer Bewegung. O, wie soll ich es ausdrücken! – Nichts, nichts Irrdisches! Heilig! heilig vom himmlischen haupt bis zur Ferse! und nie wird das sichtbarer, als wenn sie steht.
Will ich dann mit einem Worte meine ganze Seligkeit ausdrücken, so sage ich leise: die Jungfrau! – Ich weiss nicht, ob ihr den erhabenen Reiz dieses Wortes nachempfindet? – Mir ist es die höchste Musik. Auch sage man von der Göttlichkeit der männlichen Gestalt, was man wolle, zu dieser Heiligkeit erhebt sie sich nicht. Ich weiss wohl, was man mir einwenden kann. Aber versteht mich!
Die höchste männliche Schönheit, welche jemals dargestellt ist, wurde entweder zum Kampfe gerüstet, oder nach siegreich gekämpftem Kampfe dargestellt (Jupiter, Apoll). Tief in der Seele jener Künstler, welche das Ideal männlicher Schönheit darstellten, lag also die Ahnung: dass Kraft; keinesweges Sittlichkeit das Erste sei, wonach sie zu streben haben.
Ihr zweifelt? – Wohlan! macht die probe! Werft die Kraft weg! lasst Schönheit und Sittlichkeit. Habt ihr einen Mann? – Das behaupten wir nicht! – ruft ihr – Haben wir die Kraft als notwendiges Erforderniss geläugnet? Aber schön, zum edlen Zwecke geleitet, harmonisch, mit einem Worte: sittlich soll sie sein. Das aber läugne ich euch geradezu. War Jupiters, Apolls Kraft eine sittliche? – Aber läugnet einmal, dass es eine männliche war!
Was folgt hieraus? – dass das Ideal der männlichen Schönheit nie ohne Kraft, wohl aber ohne Sittlichkeit, um wie viel mehr ohne Heiligkeit bestehen könne.
Führt nur keine Venus an! denn wofern sie euch mehr, als idealisirter Liebreiz ist, tut ihr ihr zu viel Ehre. Ich aber spreche von einer Jungfrau im höchsten Sinne des Worts, und vor der fällt eure Venus nieder; sei es auch, dass sie in dieser Stellung jene an Reiz tausendmal übertreffe. Was beweisst das für euch? – Aber denkt euch einmal den knienden Jupiter, den knienden Apoll – Wahnsinn! – Nicht wahr? Ihr gesteht es?
Oder seid ihr noch nicht zufrieden? Wollt ihr der Proben noch mehrere? Gut! so fragt euch dann: wer ist der unmännlichste Mann? der Hässlichste? der Unsittlichste? – Keinesweges! es ist der Schwächste. Nun fragt weiter: welches ist das unweiblichste Weib? – das stärkste? das hässlichste? – keinesweges! es ist das unreinste, das unsittlichste.
Und so müsst ihr dann zugeben: dass, wollt ihr Männlichkeit mit einem Worte ausdrücken, ihr Kraft, Weiblichkeit, ihr Reinheit, oder, was dasselbe ist, sittliche Schönheit sagen müsset.
Gesteht, ihr seid überwunden! und wenn ihr es nicht gesteht; so kommt und seht mein Bild. Ich bin weit von der Furcht entfernt, ihr möchtet das Alles für kindischen Dünkel nehmen. Ihr kennt mich ja. – O nein! nein! ich will mich nicht halten! will laut triumphiren, dass es mir gelang, dass ich gewürdigt wurde, die Himmlische darzustellen. O, ich bin zu selig, als dass ich irrdische Rücksichten nehmen könnte.
Verzeiht dem Künstler! ich halte das Bild für eine
Angelegenheit der Menschheit. Schlösse der Tod einst das Auge des heiligen Mädchens, ihr und andere könnten sagen: es habe niemals gelebt. Eure Venus müsste dann das Höchste bedeuten, und ein ganzes herabgewürdigte Geschlecht