und ich am Ende für ein Gebilde meiner Phantasie hielt.
Jetzt nicht mehr! – rief er. –
Wie kann ich? – fuhr ich fort – Da liegt die Krone und die Palme und gestern sah ich sie ja zum zweitenmale mit Ihnen. –
O ich bin ein armer Mann! – rief er abermals, und warf sich in einen Sessel.
Sein Zustand drang mir tief durch die Seele. Dankbarkeit begeisterte mich. Mein Fürst und mein Wohltäter – hub ich an – geben Sie dem Schmerze nicht Raum! Kann es Sie beruhigen, wenn mein ganzes Herz offen vor Ihnen liegt, wohlan blicken Sie hinein! und so möge mich Gott in der letzten Stunde verlassen, wofern Ihnen eine Empfindung, deren ich mir bewusst bin, verborgen bleibt!
Er sah mich gerührt und zweifelhaft an.
Lesen Sie dann! – fuhr ich fort – und wenn Ihnen dieses Blatt entdeckt, dass Ihre Weissagung erfüllt ist; so erfahren Sie auch zu gleicher Zeit, dass dieses wunderbare Mädchen ein überirdisches Wesen für mich ist. Das kann es bleiben. Nur seinen Anblick entziehen Sie mir nicht! sonst möchte meine schon umdüsterte Seele gänzlich verfinstert werden.
O! – rief er – es ist geschehen! Ich wollte mein Unglück und musste es wollen. Wer konnte mich schützen vor meinem eigenen Willen?
Ich mein Fürst kann es vielleicht! Ich kann, ich darf vielleicht ihrem edlen Willen Einhalt tun. O wie tief fühl' ich mich beschämt, gezüchtigt, für so manche Künstlerlaune, die ich dem feinfühlendsten, edelsten Menschen und Fürsten entgegensetzte! Möchte mein Blut fliessen, diesen Fleck in meinem Leben zu vertilgen! oder möchte' ich würdig sein, ihm, der es zu einem himmlischen erheben wollte, einen himmlischen Lohn durch ewige Entsagung zu bereiten!
Zu spät! – rief er – das Schicksal hat längst schon bereitet! Wen sie liebt, dem wird sie gehören! verwahrte sie der Andere hinter dreifachen Riegeln.
Wen wird sie lieben? – fiel ich ein – als den grössesten Menschenfreund, ihren grössesten Wohltäter? der mit dem Strale seiner hohen Vernunft ihre schöne Seele erleuchtet.
O! – rief er lächelnd – sie kann unserer Vernunft, wie unseres Lichtes entbehren! Ihre Vernunft ist die höchste Liebe! Liebe ihre höchste Vernunft! Ihr Herz hell und tief, wie der blaue Himmel! Ihr ganzes Leben und Weben nichts als Wahrheit und Licht!
Ich hab' es gesehen! – fiel ich ein – denn meine Knie wollten sich beugen. Sie ist meine innigste, heiligste Erscheinung. Ich habe sie gesehen, lange, eh' ich sie sah!
Diese unbesonnenen Worte verwundeten abermals sein edles Herz. Er sprang auf und verliess mich.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Mir ist, als wäre ich in den Himmel gekommen. Des Nachts träum' ich auch immer von Engeln, träume, dass ich schon die Harfe und das Clavier spielen könnte, und dass sie mir zuhörten. Die Harfe, die mir immer etwas schwer vorkommt, und mich manchmal, weil ich sie noch nicht recht zu halten verstehe, ein wenig drückt, ist mir im Traume ganz leicht. Ja, ich schwebe mit ihr frei in der Luft, singe aus voller Brust Lieder, die ich in meinem Leben nicht hörte, greife voll Zuversicht in die saiten, und bebe von unaussprechlicher Wonne, wenn sie ertönen.
O meine herzallerliebste Mutter! was bin ich so selig! Sehe sie! ich kann gar nicht mehr beten, wie sonst, und Gebete aus den Gebetbüchern kann ich auch nicht mehr beten. Ich kann nur die hände falten, und manchmal auf das Clavier, und manchmal auf die Harfe blicken. Und dann kann ich das Weinen nicht mehr lassen, denn ich bin gar zu selig, und der ganze herrliche Tag, wo ich so viel lernen werde, steht mir vor Augen.
Wenn ich nun so gar nicht mehr weiss, was ich sagen und wie ich beten soll, dann tröste ich mich mit der Nacht, wo ich in den herrlichen Liedern, die ich nie gelernt habe, Alles sagen kann, was ich jetzt muss verschweigen.
Der vortreffliche Mann, der Fürst, wusste wohl, was mir gut war. Er sah, dass ich Manches dachte, was ich nicht ausdrücken konnte. Er hat mir eine Sprache gegeben, und in dieser Sprache will ich ihm danken.
Seit mehreren Tagen hab' ich ihn nicht gesehen; denn er hat der Frau Präsidentin gesagt: ich solle nicht kommen. Anfangs erschrack ich darüber. Aber die Frau Präsidentin sagte: er habe gar zu viel Geschäfte, und dürfe nicht gestört werden.
Herrn Stephani sehe' ich nun alle Tage; aber es ist sonderbar, wir sprechen kein Wort miteinander. Das tut auch nichts; denn wenn ich nur seine stimme höre, ist's einerlei, mit wem er spricht.
Herzliebste Mutter! ich sagte ihr einmal, er gliche einem trauernden Engel. Sehe Sie nur in die grosse Bilderbibel. Da wo der junge Tobias zu seinem Vater kommt. Gerade so, wie der Engel, der dabei steht, sieht er. Aber traurig ist er nicht mehr. Besonders nicht, wenn er einem unvermutet entgegen kommt.
Gestern trug ich gerade einen Veilchenbusch, den ich heimlich für die Frau Präsidentin gezogen hatte, in ihr Schlafzimmer, und gerade, wie ich in die tür trat, kam er mir entgegen.
Es waren Fremde bei der Frau Präsidentin