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das Zimmer öffnete, leuchtete uns mit einemmale eine ganze Christbescherung mit allen neun Kindern entgegen. Anfangs sah ich nichts als die Kinder; plötzlich aber stralte mir vom andern Ende des Tisches ein Mädchen im Gewande der Himmelskönigin entgegen.

Ich trete näher, sehe ein Wunder unvergleichlicher Schönheit, eine Jungfrau im höchsten Sinne des Worts. Meine Knie wollen sich beugen. Da nimmt sie die Krone vom Haupt, und reicht sie mir mit einem Palmzweige. In dem Augenblicke fällt ein Lichtstral in meine Seele. Ich erkenne das himmlische Kind, was mir im Fieber einst Trank reichte. Aber die göttliche Erscheinung wendet sich von mir und verschwindet.

Betäubt staun' ich ihr nach, da tritt der Fürst zu mir, betrachtet schweigend, was sie mir gegeben, wendet sich dann ebenfalls schnell, beinahe unwillig von mir weg, und verlässt uns.

Noch erstaunter betracht' ich nun die Gabe, als eins der Kinder ruft: sieh Mutter! Gretchen hat die Kron' und den Palmzweig Herrn Stephani gegeben!

Wer ist Gretchen? – frag' ich nun schnell. –

Sie ist die Tochter eines Landschulmeistersantwortet Matildenach unserer Stadtsprache, ein ganz ungebildetes Mädchen; aber gewiss die engelreinste Seele, die man finden kann.

Ja wohl! – fiel Bernhard einund nie habe ich sie in einem passendern Kleide gesehen. Sie hat mich auf das herrlichste überrascht; doch schien sie es noch mehr, als wir Alle. Sieh doch nach ihr und bitte sie, diesen Abend bei uns zu bleiben.

Matilde aber kam mit der Antwort zurück: ihr sei nicht wohl, und sie habe gebeten, sich schnell nach haus begeben zu dürfen. Es ist wahrscheinlich nichts als Schrecken und Ermüdungfuhr sie fortmorgen wird sie wieder hergestellt sein, und wir werden ihr hier im haus Alles bescheren können. Auf diese Worte fingen die Kinder an zu jubeln, und ich trat gedankenvoll in mein Zimmer.

Den andern Morgen holten sie mich mit der Nachricht: es solle Gretchen beschert werden, der Fürst sei da; wolle sich aber mit uns im Nebenzimmer verbergen, um recht zu sehen, wie Gretchen erstaunen und sich freuen werde.

Ich sah sie wieder. O du himmlische, himmlische Unschuld! Du liebenswürdigstes aller Geschöpfe, die auf Erden geboren wurden! wofern du nicht gerade vom Himmel stiegest. Du meine innigste, heiligste Erscheinung! die ich oft auf der Leinwand darstellen wollte, damit ich sie auch mit körperlichem Auge schauen möchte; die dann aber zerfloss, nicht sichtbar werden wollte. Die ich dann schnell wieder, wie ein heiliges geheimnis, in mein Innerstes verschloss, trauernd, dass es mir nicht vergönnt sei, dich als sichtbare Gotteit den Menschen zu hinterlassen.

O du atmest wie ich! Körper bist du dennoch geworden. Sei, werde unsterblich! oder verschwinde nur nicht von der Erde, bevor meine Augen sich schliessen! Was soll ich sehen, wenn ich dich nicht mehr sehe? –

So weit hatte' ich geschrieben, als ein Geräusch mich aus meiner Entzückung weckte. Es war der Fürst.

Was treibst du? – fragte erAlle deine äusseren Sinne waren verschlossen. Man meldete mich dir, ich trat mit Geräusch zu dir ein, und du bliebst unbeweglich.

Ich beteuerte, dass kein Mensch bei mir gewesen, dass ich ihn gesehen habe, ohne zu begreifen, woher er so plötzlich gekommen. Gleichwohlantwortete erist mir mein Laufer auf deiner Schwelle begegnet. Aber, wie gesagt, du warest der Erde völlig entrückt. Hätt' ich dich malend gefunden, wär' es begreiflich gewesen; aber mich dünkt, du schriebst, oder hattest geschrieben.

An meinen liebsten Verwandtensagt' ichdessen Briefe an Alle und für Alle gelten. Man sieht mir viel nach, und so schreibe ich ohn' alle Rücksicht. Auch wird ein Brief in unserer Familie wie ein Heiligtum gehalten, und ein Jeder, der daraus das Geringste verriete, würde ein Verbrechen zu begehen glauben.

Eine Lehre für mich! – rief erdenn wie dürft' ich nun, wie sehr mich mein Herz dazu drängt, nach dem Inhalte fragen? –

Er hielt inne und schien auf Antwort zu warten. Ich aber sah schweigend vor mich nieder. – Eins aberfuhr er fortist mir dennoch vergönnt, raten ist mir nicht untersagt. Du schriebst, so rat' ich nun, von der, von welcher du immer schreibst. Er sah mich forschend an, ich wollte seinen blick vermeiden; aber eine brennende Röte überzog meine Wangen.

Nicht? nicht? – rief er, und ging, als er keine Antwort bekam, in heftiger Bewegung auf und ab, blieb dann plötzlich wieder vor mir stehen, ergriff meine Hande, und sagte mit der höchsten Wehmut: Stephani! du schriebst nicht von ihr? nicht von Rosamunden? –

Nein! – sagt' ich halblaut, und wandte mein Gesicht von ihm weg.

Du wendest dich weg? – rief erdu schreibst nicht von ihr? So weiss ich.... und plötzlich hielt er wieder inne, und ging, kämpfend mit sich selbst, auf und ab. Stephanifing er dann wieder andas einzige sage mir! von wem schriebst du?

Von dem wunderbaren Mädchenantwortete ich nunwelches mir in Gestalt der Himmelskönigin erschien, mir im Fieber einst Trank reichte, Niemand wollte gesehen haben,