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drei Monate lang, auf dem Herzen tragen, und er könne damit das Mädchen retten.

Wie so?

Ja, das Stückchen Tuch müsse ihr dann auch aufs Herz gebunden werden. Habe der junge Mensch aber, in der Zeit, wo er es getragen, etwas Böses gedacht oder getan; so helfe es nichts.

Nun wie ging es? Half es wirklich?

Ach sie haben keinen solchen jungen Menschen gefunden.

Ich glaube es! Aber du, Gretchen, könntest das einmal mit dem Maler versuchen.

Ich hab' es schon versucht.

Du hast es versucht?

Ja! aber auf eine andere Art. Die Dame setzte noch hinzu: wenn auch die Leute einen solchen jungen Mann gefunden hätten, wär' es noch immer die Frage gewesen, ob er die Liebe des Mädchens gewünscht hätte. dafür sei aber auch Rat. Man brauche nur nicht das Stückchen Tuch dem Mädchen gerade aufs Herz zu binden, sondern nur Alles, was sie an sich trage, und berühre, damit zu bestreichen, so werde sie doch gleich ruhig und alle ihre Leidenschaften gemässigter.

Und du?

Ja, mein seliger Vater sagte immer, all dergleichen sei Aberglauben. Man sieht aber doch heute zu Tage, dass manches für Aberglauben gehalten worden, was es nicht ist, sondern wirklich tief in der natur liegt. So dachte' ich dann: hilft es nicht, so schadet es doch auch keinem Menschen, du kannst es immerhin versuchen. Du trägst ein solches Stückchen Tuch? Ja, ich trage es. Und nach drei Monaten wirst du es ihm aufs Herz binden lassen? Gott bewahre! Warum Gott bewahre? Es wäre ihm ja dann für immer geholfen. Ach Gott, nein! ich mag es nicht! Das ist sonderbar! Du willst ihm helfen, und dann willst du es wieder nicht. Ach, gnädiger Herr! – rief ichVerstehen sie mich doch nur recht! Ich will ja wohl, dass ihm geholfen; aber nicht, dass er gezwungen werde, mich zu lieben. Ich sehe nicht einsagte er nun ganz heftigwarum du dich so sehr dagegen wehrst! Liebe ist ja Liebe, sagst du, sie mag kommen, woher, und mag vermischt sein, womit sie will. Wie schlecht er dich Anfangs auch liebt, er wird es schon einmal lernen. Ach, gnädiger Herr! – rief ich nun, und konnte das Weinen nicht mehr zurückhaltendas hätte ich nicht geglaubt, dass Sie meine einfältigen Worte so gegen mich kehren, und so durch und durch bös auf mich werden würden! Was ich Ihnen jetzt vertrauete, hat noch kein Mensch, ja meine Mutter nicht einmal erfahren. Nicht wahr? – sagte er nun recht bitter lächelndes gereuet dich, dass du so aufrichtig warest? Doch nein! es darf dich nicht gereuen, und du musst nun aufrichtig bleiben, sonst verliert ja der Scharlach seine Kraft.

Das war mir nun ein rechter Stich durchs Herz. Ich riss das Stückchen Tuch hervor, hielt es ihm hin und rief: nehmen Sie es, gnädiger Herr! wenn Sie das glauben. Sie haben keinen Freund, sagen Sie, und trauen keinem Menschen recht mehr, als mir. Aber nun trauen Sie ja auch mir nicht mehr, und da sind Sie noch viel unglücklicher als der arme junge Herr.

Er sah mich mit grossen Augen an, nahm das Stückchen Tuch und betrachtete es von allen Seiten. Dann ging er schnell damit zum Fensterich erschrack und dachte; er wolle es hinaus werfen; denn er glaubt doch nicht daran, das konnte' ich an seinen Mienen sehenverbarg es in seinen Busen und kam dann wieder ganz freundlich auf mich zu.

Gretchen! – sagte erich sehe nun wohl, dass wir beiden, der arme Maler, so wie ich, uns nur deines Mitleids zu erfreuen haben. Viel können wir uns freilich nicht darauf einbilden.

grosser Gott! – rief ichwas könnten Sie sich denn auch darauf einbilden? –

Lass das! – sagte eruntersuche das nicht! Was wir auch könnten; du hast uns davor geschützt. Geh lieber Engel! (es war närrisch, dass er mich nun mit einemmale einen Engel nannte, nachdem er kurz zuvor geglaubt hatte, meine ganze Aufrichtigkeit komme von dem Stückchen Tuche her). Ich habe mancherlei zu überlegen, besonders aber, wie ich dir meine grossen und manchfaltigen Schulden abtragen will.

So nahm ich dann mein Körbchen, und ging voller Gedanken über all das Sonderbare, was ich von dem Fürsten gesehen und gehört hatte.

Er ist wohl, wie sie immer gesagt hat, dass die Männer sind, aufbrausend und launisch, aber doch gleich wieder gut und herzlich, und gar nicht so, wie der Herr Vetter sagt, dass die Fürsten sind. Sie sieht auch, herzliebste Mutter! dass ich ihr Alles, wie sie es verlangt hat, schreibe. Das werde ich auch immer tun, damit sie weiss, dass sie nicht nötig hat, angst meinetwegen zu sein.

Nun lebe sie wohl, herzliebste Mutter! Ich arbeite viel auf die Weihnacht für die Frau Präsidentin; denn die Reihe der lieben Kinder ist gar zu lang, und sie kann es nicht allein bestreiten. Wenn der Bote aber zurückkömmt, habe ich doch einen ganzen Pack Geschriebenes wieder fertig. Man braucht nur ein bischen früh aufzustehen, so muss sich Alles schicken.