– Apfel wollt' er gewiss sagen. Aber ich zeigte auf seinen Tisch, wo schon zwölf der allerschönsten lagen. Da schämte er sich, und liess mich plötzlich wieder los. Den andern Tag kam ich wieder und brachte ihm Erdbeeren und Blumen. Er nahm sie, setzte sie schweigend vor sich hin, und reichte mir die Hand. Wer pflückt die Erdbeeren? – fragt' er dann.
Ich, gnädigster Herr!
Aber du hast ja so viel zu tun.
Dazu muss immer Zeit werden.
Aber die Erdbeeren sind jetzt selten. Du musst wohl lange suchen?
Das schadt nichts! Ich tue es ja gern.
Aber gestern sagtest du mir, du dächtest an den jungen Maler in des Präsidenten haus am meisten. Das Suchen stöhrt dich aber.
O ganz und gar nicht! indem ich suche, kann ich ja denken, was ich will.
Du hast Recht! Du kannst denken, was du willst – sagte er, liess meine Hand los, stand plötzlich auf, und ging wieder, was er immer tut, wenn ihm etwas nicht Recht ist, mit grossen Schritten auf und ab.
Gnädiger Herr! – sagt' ich darum gleich – es wird noch wohl so herauskommen, dass Sie nicht allein böse auf den armen jungen Herrn, sondern auch auf mich sind.
Wer sagt dir, dass ich böse auf euch bin?
Ach gnädigster Herr! ich bin nur ein einfältiges Mädchen; aber wenn Jemand bös auf mich ist, das kann ich gleich merken, und wenn Sie so mit grossen Schritten auf und ab gehen, da weiss ich immer schon, wie viel es an der Zeit ist.
Gretchen! – sagt' er nun mit einemmale wieder lächelnd – ich gebe dir mein Ehrenwort, dass du nicht weisst, wie viel es an der Zeit ist. Sei ruhig! Ich bin weder bös auf ihn, noch auf dich; würde es nur dann sein, wenn du anders sprächest, als du dächtest.
Das wär' schön! – rief ich.
Nein! nein! – fuhr er fort – ich weiss, dass du das nicht kannst und nicht willst. So sag' mir aber denn einmal, was denkst du nun so immer über den Maler und sein verhältnis mit der Tänzerin?
Ach, gnädigster Herr! wie soll ich Ihnen das beschreiben! Sagte mir Einer: hundert Meilen von hier wächst ein Kraut, was ihm helfen kann, ich ginge und holte es herbei. Oder sagte Einer: ich will ihm helfen; aber du sollst mir dein ganzes Leben dafür dienen; ich riefe geschwind: hilf ihm, und ich will dir mein ganzes Leben dafür dienen und arbeiten, dass mir das Blut aus den Händen spritzt.
Aber Gretchen, wenn du nun das Alles tätest, und es würde ihm wirklich dadurch geholfen, weisst du dann aber auch, dass er es erkennen würde?
Gnädigster Herr! – antwortete ich – dergleichen tut man nicht, dass es erkannt werde. Wollte Gott, ich könnt' ihm nur helfen! möchte' er es meinetwegen nimmermehr erfahren.
Jetzt ging er wieder eine ganze Weile mit grossen Schritten tiefsinnig auf und ab. Hat er dich niemals gesehen? – fragt' er endlich.
Niemals! ausser da er krank war; aber da wusst' er ja nichts von sich selbst.
Hast du auch niemals gewünscht, er möge dich sehen?
Ach Gott, nein! ich habe es immer gefürchtet.
Gefürchtet? –
Ja! denn ich weiss schon vorher, dass ich in grosse Verlegenheit kommen und mich sehr einfältig benehmen werde. Im Stillen ihm dienen, seine Schmerzen lindern, ist meine innigste Freude. Dass schon einiges davon bekannt wurde, hat mich eine Weile ganz betrübt gemacht. Mir war, als würde mir was genommen. Jetzt hab' ichs verschmerzt, und ist mir wieder so still und heilig in seinem Zimmer, wie in einer Kirche.
Was malt er jetzt?
Ich habe nicht gesehen, dass er etwas Neues angefangen; aber man hat genug an dem, was fertig ist, zu sehen.
Weisst du auch, warum er nicht malt?
Sie ist krank.
Ja! und ihr Zustand bedenklich. Die ärzte sprechen sehr zweifelhaft davon. Wenn sie stürbe –
Dann wäre der gute Herr für uns Alle verloren.
Vielleicht auch für immer gerettet.
Das glaube' ich nicht! Was sie ihm war, wird keine ihm werden.
Sie liebt ihn nicht.
Das ist es eben.
Warum ist es das eben?
Ich kann es auch nicht begreifen; aber die Frau Präsidentin sagt es.
Die Präsidentin. Aber du, was sagst du?
Ach, gnädiger Herr! ich hab' es ja schon gesagt, dass ich es nicht begreife. Aber wie vieles gibt es nicht, was man nicht begreift. So erzählte letzt eine Dame bei der Frau Präsidentin, ein junges Mädchen habe sich in einen ganz wilden, ausschweifenden jungen Menschen verliebt, so dass die Eltern gar nicht mehr gewusst hätten, was sie mit ihr anfangen sollten. Da habe ihnen eine Freundin geraten, sie sollen einen jungen Mann, der aber über 18 Jahre alt sein müsse – ein Mädchen brauche nur 14 zu sein – aufsuchen. Habe dieser junge Mann noch niemals aus Eitelkeit einem jungen Mädchen gefallen wollen – aus Liebe schade es nichts – und überhaupt noch keine bösen Gedanken gehabt; so dürfe er nur ein Stückchen von dem feinsten Scharlache Nachts und tages,