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hatten die Pferde lange gewartet, nun aber rissen sie uns fort im heftigsten Gallop. Meine Mutter, mein väterliches Haus, meine Vaterstadt verschwand, der heimische Boden entfloh, Feuerfunken sprühten umher, hinaus in die fremde Welt rissen uns die schnaubenden Pferde.

Meine Schwester umklammerte mich mit Tränen. Ich aber konnte nicht weinen. Ich wusste ja schon, dass es keine Tränen und keine Worte für meine Empfindungen gab, und betrachtete die Menschen, welche die ihrigen dadurch auszudrücken suchten, mit fortwährendem Erstaunen. Ich hielt meine Schwester, und sah schweigend in die Ferne.

Als wir die Gränze erreichten, schien sie des Trostes nicht mehr fähig, ihre Tränen flossen unaufhaltsam, und sie bestürmte uns mit Bitten, sie in ihrem vaterland zu lassen. Antonio züchtigte sie mit dem beissendsten Spotte. Nun schwieg sie wie ich, und in Kurzem waren wir auf italienischem Boden.

Der reine Himmel, die balsamische Luft, der lachende Frühling, zu einer Zeit, wo sie ihr väterliches Haus mit Schnee bedeckt verlassen hatte, das Alles schien meine arme Schwester wohltätig zu zerstreuen. Um so tiefer verwundete es mich, als ihr Mann fortfuhr, sie mit boshaften Witzeleien an ihren vorigen Schmerz zu erinnern. Als er ihr aber mit hämischem Lächeln vorschlug, wofern sie ihn nicht begleiten wolle, stehe es ihr nun frei, wieder zurückzukehren, war es, als werde mir das künftige Schicksal der Unglücklichen durch einen Blitzstrahl erleuchtet.

Zum erstenmale brach ich das Schweigen, und stellte ihn, sobald ich es vor meiner Schwester unbemerkt tun konnte, dieser Aeusserung wegen zur Rede. Er versicherte, sie sei völliger Ernst; im Fall ich aber nicht Lust habe, meine Schwester zu begleiten, könne ich bei ihm bleiben, und solle es recht gut haben.

Ich fühlte meine Wangen plötzlich erkalten, dann all mein Blut gewaltsam hineinströmen; aber meine Schwester trat zu uns, und ich schwieg.

Mit Einbruch der Nacht erreichten wir Florenz; hörten aber zu unserm Erstaunen, dass Antonio alle nötigen Vorkehrungen traf, diese schöne Stadt schon am dritten Tage zu verlassen.

Sogleich fragte ich meine Schwester, wo sich die beiden Wechsel, welche hier umgesetzt werden sollten, befänden. Sie sagte mir, dass Antonio sie schon zweimal gefordert, aber mit andern wichtigen Papieren, welche ganz unten in ihrem Koffer lägen, noch nicht habe erhalten können.

Mit Heftigkeit entriss ich ihr die Schlüssel, liess augenblicklich den Koffer in mein Zimmer bringen, fand die Wechsel, und verbarg sie mit einem Ringe von grossem Werte in meinem Bette. Die Juwelen meiner Schwester waren leider in Antonio's Koffer.

Ich schloss kein Auge, und diese Nacht schien mir die längste meines Lebens. Kaum war es Tag, als ich zu dem Kaufmann eilte, und ihm Alles entdeckte. Er sagte mir, dass er zwar noch keine Nachricht erhalten, mir aber, wenn ich es verlange, die Summe auszahlen wolle. Ich beschwor ihn, es nicht zu tun, und die Sache ihren gewöhnlichen gang gehen zu lassen.

Schon war ich von meiner Schwester vermisst worden, und Antonio fragte mich, wo ich gewesen? Ich sagte es, und versicherte, ohne auf seine wütenden Blicke zu achten, dass es nun wohl unmöglich sein werde, am dritten Tage weiter zu reisen. Ich aberrief erwerde es möglich machen! – und stürzte fort, ohne weiter auf uns zu achten.

Meine unglückliche Schwester, äusserst befremdet und erschüttert, tadelte meinen Vorwitz, wie sie es nannte, und beschwor mich, ihren Mann doch ja nicht wieder auf solche Weise zu reizen. Ich antwortete, wie gewöhnlich durch Schweigen; kämpfte aber doch mit mir selbst, ob ich ihr nicht Alles entdecken solle.

Noch war ich nicht mit mir einig, als Antonio zurückkehrte. Er kommt! – sagte ich nun schnellfürchte nichts und verlass dich auf mich! Alles, was ich tat, war notwendig. Mit diesen Worten verliess ich das Zimmer, und verschloss mich in das meinige.

Zu meinem Erstaunen blieb Alles ganz ruhig. Ich wurde zum Essen gerufen, und hätte mich nicht Antonio's giftiges Lächeln gewarnt, ich würde ihn für unbefangen gehalten haben. Aber eben dieses schreckliche Lächeln erregte mir Zweifel, und ich eilte noch spät zu dem Kaufmanne, mich zu überzeugen.

Er hatte nichts ausgezahlt, und Antonio mit der Weisung zurückgeschickt: er werde sich an die person halten, welche den Wechsel vorgezeigt habe. So ging ich dann einigermassen beruhigt zu Haus, und fiel endlich in Schlaf.

Ich erwachte sehr spät, und fand meine Schwester in grosser Unruhe. Antonio hatte sich Nachts von ihrer Seite geschlichen und war abgereist, ohne dass Jemand im haus Auskunft geben konnte, wohin. Was glaubst du davon? – rief meine unglückliche SchwesterIch brauche nichts zu glaubenantwortete ichIch weiss Alles! Was zu retten war, ist gerettet! dein Herz ist leider verloren! doch hoffentlich nicht auf immer. Fasse dich! Was ich dir gestern sagte, wiederhol' ich dir heute: du kannst dich auf mich verlassen. Willst du zurückkehren ins väterliche Haus?

Sie schrie laut auf bei diesen Worten und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Willst du nichtwohlan! so machen wir uns selbst ein Schicksal.

Das Schicksal macht sich nicht! – rief sie laut schluchzend. –

Wir wollen sehen! – erwiderte ichWäre dein Herz nur geheilt!

Nimmer! – fiel sie ein