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Caroline Auguste Fischer

Margarete

Ein Roman

Von der Verfasserin von

Gustavs Verirrungen

Stephani an seine Verwandten.

Scheltet nur! es ist nichts angefangen, noch weniger vollendet. Eure Empfehlungsschreiben sind nicht abgegeben und euere Aufträge nicht besorgt. Der Alte! – werdet ihr rufen. O nein! nicht ganz der Alte. Seit acht Tagen, die ich hier bin, noch kein Schauspiel besucht, alle Kunstschätze unbesehen, alle mondhellen Nächte durchschlafen.

Ihr werdet das Alles begreifen, wenn ich euch sage, dass Bernhard plötzlich in Dienstesangelegenheiten verreist war, von meiner Ankunft nichts wusste und nun gerade am Abende vor seinem Geburtstage zurückkehren wollte. Da nahmen mich dann sogleich die Kinder in Beschlag und forderten Altäre, verschlungene Namen und Illuminationen. Das herrliche Weib, die Mutter, schämte sich beinahe ihres Ungestümms; doch ging ihr der Tadel auch nicht von Herzen, und so machten die kleinen Quälgeister mit mir, was sie wollten.

Bernhards Ueberraschung war unbeschreiblich. Er vergass im ersten Augenblicke Weib und Kind. O die glückseligen Menschen! Ich sage euch, mein sehnsüchtiger Geist ist befriedigt, oder wenn ihr wollt, eingewiegt, seitdem ich das Alles so dicht um mich her sehe.

Die Kinder nennen mich den grossen Bruder und Abends mag ich mich flüchten, wohin ich will, sie wissen mich aufzufinden und an das Rasenplätzchen zu bringen, wo des Erzählens kein Ende wird; es sei denn, dass uns die Mutter zum Abendessen herein treibt.

Gelingt es ihnen aber nicht, mich von der Gegend zu entfernen, komme ich früher als sie, so bin ich unbeweglich und sie müssen mich allein lassen. Auch des Morgens dürfen sie mich nicht stören. So hoffe ich doch noch etwas zu stand zu bringen und, seid nur ruhig, euere Aufträge sollen auch besorgt werden. Es ist eine liebliche Gegend und schon vom südlichen Hauche belebt. Landschaft möchte ich aber doch nicht hier studiren: denn, wie gesagt, es bleibt Alles beim Lieblichen, und Scenen wie bei uns, fehlen ganz und gar. Um so treuer widme ich mich dem historischen Fache, für welches ich, wie ihr wisst, unschätzbare Kleinode hier finde.

Ob das nun der Zweck meines Lebens werden soll? – Ich bitte euch, lasst mich! lasst mich doch! Ich gebe euch nichts zu bereuen, darauf könnt ihr bauen.

Wenn nun der Anblick himmlischer Schönheit mich erquickt, wenn mein umdüsterter Geist heller, mein hochpochendes Herz ruhiger wird, handle ich dann wider euch? wider mich? Denkt an euere Angst, ich würde mich der Bühne widmenwar sie gegründet? Vertraut nur der Mutter, wenn ihr mir wieder nicht glaubt. Sie wusste immer früher als ich selbst, was ich wollte. Ich bin im Schauspiele gewesen, und es hat mich wunderbarer als jemals angezogen. Besonders tief hat mich das Ballet erschüttert. Sie haben Tänzer! eine Tänzerin! bei dem allwissenden Gott, das ist ein geschöpf sonder Gleichen! Tränen des Entzückens füllen mein Auge, wenn ich daran zurückdenke.

Ich weiss nicht, warum man bei uns so viel Komisches in das Ballet verflicht. Hier ist Ernst, hoher, heiliger Ernst. Ich kann, ich mag euch noch nicht sagen, welche Ahnungen das Alles in mir erweckt hat. Ich wollte, ihr kämet und sähet selbst. Seht, ich prüfe, vergleiche, finde nichts ihr Gleiches, Aehnliches; nicht einmal unter den Werken der Kunst. Das ist Alles tot neben ihr.

Nur in dieser Lebendigkeit, sagen ihre Feinde, liege der ganze Reiz ihrer unvergleichlichen Schönheit. Die Toren bilden sich ein, das sei Tadel. O dass sie den Blicken dieser Menschen Preis gegeben ist! die ihren Wert kaum ahnen. Ob sie das weiss? Ob sie weiss, wie sie verkannt wird? sonderbar genug hat mich bis jetzt eine gewisse Scheu abgehalten. Aber soll sie das ferner? Sie ist nicht männlich diese Scheuund was fürcht' ich? – Wahrlich es fehlt mir die Antwort! Wohin ich sehe, wohin ich gehe, da schwebt sie. Diese Scheu war Ahnung, Ahnung, dass sie mein ganzes Wesen umfangen würde. Ich denke nichts mehr, als sie.

Bernhard scheint mich zurückhalten zu wollen. Wovon? Von Anbetung der höchsten, seelenvollsten Schönheit, die ich je sah? Und ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf mir. Sie ahnet, dass ich sie kenne; verstehen wir keiner den Andern. Doch hat sie noch kein Wort von mir gehört. Wie könnt' ich auch sprechen, wenn diese Rosenlippen sich öffnen! O nur diesen Mund möchte' ich euch zeichnen!

Ein erbärmlicher Mensch, ein Graf, bat mich letzt um ihr Bild; aber ich schlugs ab und gab vor, Porträt sei nicht mein Fach. Doch stellt er sich, als gäbe er die Hoffnung nicht auf, und meinte, wenn sie mir nur sitzen wolle, würde ich mich schon erbitten lassen. Erbitten! Morgen! Morgen! Aber dass dieser Mensch mich bei ihr einführt, soll ich es dulden? Nein, wie sie es auch nimmt, ich gehe früher.

Matilde erblasste, da sie es hörte, und Bernhard ward rot, wie vor Zorn. Bald hätte mich das erbittert; doch Matildens blick machte, dass ich mich schnell wieder fasste. Die Kinder drängten sich dicht um mich her, als geschähe ein Unglück, und Bernhard verliess plötzlich das Zimmer. Die guten besorglichen Menschen nehmen das Alles ganz anders, befürchten eine gemeine