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Knaben liebkosete, und ihm allerlei Spielwerk mitbrachte, bat sie dieser, mit ihm in Garten zu gehen, wo so viel schöne Blumen blüheten. Es war ein warmer Maitag, und sie mochte ihm wohl den Gefallen tun. Das Kind war aber noch matt, und konnte nicht weit gehen. Sie führte ihn also in eine Laube, und nachdem sie ihm hohe Wasserlilien und Kalmus gepflückt hatte, setzte sie sich zu ihm, lehrte ihn von den gespaltenen Stielen und langen Blättern schöne Ketten machen, und erzählte ihm da von dem Jesuskinde aus einem bekannten Volksbuche, wie es so gern mit andern Kindern gespielt, und dabei alles zum Besten gewandt und den Bekümmerten geholfen habe. Einst, sagte sie, war Jesus nah bei einem Brunnen und setzte sich auf einen Stein, da kam ein Kind mit einem Kruge, um wasser zu schöpfen, aber es liess den Krug fallen, und der Krug zerbrach in tausend Stücke. Als das Kind nun so sehr weinte, und sich vor seiner Mutter fürchtete, da streichelte ihn Jesus mit den kleinen Händchen, und sagte, weine nicht, ich will dir helfen, geh nur und hole mir die Scherben, und da diese nun vor Jesum lagen, da machte er den Krug wieder ganz, so dass man nicht sehen konnte, dass er zerbrochen gewesen war. Eben wie sie die letzten Worte sagte, fiel nicht weit von ihr ein Schuss. Der kranke Knabe schreckte heftig zusammen, und barg den Kopf in ihren Schooss. Luise redete ihm zu, und suchte ihn auf alle Weise zu beruhigen, als sie selbst durch ein ungewöhnliches hin und her Laufen ausserhalb des Gartens verstört ward. Sie wollte nach der Tür eilen, konnte aber wegen des Knaben nur langsam gehen. Dieser hatte mit einer Hand seine Blumenbüsche zusammen gefasst, und hielt mit der andern die Kette und Luisens Kleid. So schlichen sie an der Hecke entlang, als plötzlich hinter derselben ein Mann, wild und verstört, vor Luisen hinstürzte, und heftig rief: Sie werden mir fluchen, Sie müssen mir fluchen, gewiss, gewiss, ich habe ihn ja ermordet! – Sie erkannte schaudernd den Jagdjunker, und wie ein Blitz fuhr der Sinn seiner Worte durch ihre Seele. – Fernando! rief sie. Ja, ja schrie Carl, da tragen sie ihn hin. Luise sah auf, zwei Männer hoben eine Tragbahre in das Haus hinein. Tod? fragte sie sanft, und aller Schmerz eines langen Lebens presste sich in einzelne herabrollende Tränen zusammen. – Noch nicht, aber bald, erwiderte Carl. Sie reichte ihm die Hand. Lassen sie mich ihn noch einmal sehen, sagte sie, jetzt habe ich nichts mehr zu scheuen, die Stunde versöhnt uns alle. Der Knabe drängte sich furchtsam an sie, er wollte nicht von ihr weichen, und sie konnte ihn jetzt am wenigsten hart zurückweisen. So traten sie in das Krankenzimmer. Fernando lag auf einem Sessel der Tür gegenüber. Er richtete sich völlig auf, als Luise nahete. Gott mein Gott! rief er die arme ausbreitend, so finden wir uns dennoch wieder! aber wiederkehrende Schmerzen überwältigten ihn bald, und rissen ihn wimmernd auf sein Lager zurück. Luise kniete neben ihm, der Knabe reichte dem Kranken unaufhörlich seine Blumen hin, und sagte, er solle nur still sein, Jesus werde ihn bald helfen, der habe ihm auch geholfen. Fernando musste endlich die Blumen nehmen, ihr frischer Duft belebte ihn für einen Augenblick, er küsste des Knaben Stirn, welcher ihm auch nun die schöne Kette zeigte, und sie spielend um ihn und Luisen schlang. Jesus Christus sei gelobt! rief Fernando, Luisens Hand ergreifend, sein Auge brach, er sagte nichts mehr. – Da trat der Mönch herzu, er legte seine Hand segnend auf des Sohnes Stirn, und liess ihn still an seiner Brust verscheiden.

Als er nun neben Julius begraben, und alles ruhiger und seliger in Luisen war, erfuhr sie durch Carl, wie eine unbedeutende Neckerei, beide bei zufälligem Zusammentreffen im nächsten Städtchen aneinander brachte, dass Fernando darauf nach dem Kloster geritten, Carl ihm aber in seinem Grimm gefolgt sei, und der hitzigste Wortwechsel zuletzt Blut gefordert habe. Fernando war an derselben Stelle gefallen, wo ihn Julius früher verwundet hatte. Gott hat es so gewollt, tröstete ihn Luise. Das war schon längst bestimmt, und Sie ein unschuldiges Werkzeug ewiger Vergeltung.

Sie lebte von da noch viele Jahre ein stilles, erbauliches Leben, durch nichts unterbrochen, weder in übergrosser Freude noch Schmerz. Der Obrist ward durch seinen Beruf und Familienverhältnisse gezwungen, von ihr entfernt, im Nördlichen Asien, den wichtigen Posten eines Gouverneurs dortiger Provinzen zu übernehmen. Er bewahrte immer eine treue Liebe für Luisen, und starb endlich unvermählt. Minchen blieb Luisens treue Gefährtin. Einst erschien dieser nach langer Zeit die Ahnfrau wieder im Traume, jugendlich und reich geschmückt, wie sie sich zu ihr neigte, und sie küsste. Noch selbigen Tages schloss Luise die müden Augen, nachdem sie ihre fromme Stiftung dem Kloster vermacht, und Minchen zur Vorsteherin derselben ernannt hatte.