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und alle Blüten eines kaum erschlossnen Daseins höhnend zerstörte. Und hat er denn nicht Recht? sagte sie. Betöre ich mich nicht selbst? Was ist es denn, was mich in ihm erschreckt und zusammenwirft, wie das zagende Verbrechen, wenn es nicht die unselige Liebe ist, die wie ein Fluch auf mir liegt. Die erdrückt nun und zertritt die letzte Hoffnung. Alles, alles ist vorbei. Ich muss dem höhern Rufe folgen.

Sie sah den Gedanken so lange und fest an, bis er sie durchleuchtete wie ein stiller Tag, in welchem kein Wechsel ist und kein Schmerz. Aus der vollesten innren überzeugung erwuchs ihr Wille und Kraft. Sie übersah die Zukunft mit festem blick. Nichts konnte sich ändern, nichts den Schluss des Schicksals nach eigner Willkühr lenken. Alles blieb wie es war, bis an das Ende ihrer Tage; aber da trat der Tod wie ein seliger Engel zu ihr und drückte ihr die müden Augen zu, die nicht länger aus ihren dunklen Hölen sahen, sondern den blick nach innen richteten, wo sich eine wundervolle Welt voll nie geahndeter Herrlichkeiten auftat. Sie sah das alles wirklich und versank in höchster Entzückung, halb schlummernd, in die heiligen Tiefen des Unsichtbaren.

Als sie erwachte, war es Tag geworden. Die Lichte brannten nicht mehr. In den Gassen lebt' es und regte sich's wieder. Mariane war auch munter geworden, und räumte im Zimmer umher. Allein die Erinnrung jener Seligkeit war ihr so lebhaft geblieben; sie glaubte so fest an eine höhere Offenbarung, die sie in der Stille der Nacht wahrhaft empfangen habe, dass das erwachende Leben sie nicht stören konnte. Und als sie nun gezwungen war, auf's neue in dasselbe mit einzugreifen und sich um das nächste Aeussre zu bekümmern, ward ihr Vorsatz nur noch fester. Ohne sich grade ängstlich zu drängen und zu treiben, sah sie ruhig alles kommen, wie es nun kommen musste.

Ein Billet der Baronin war das Erste, was sie an die tausendfältigen Verwirrungen der Welt erinnerte. Diese schrieb ihr:

"Ich könnte besorgt wegen Emilien sein, wenn ich nicht voraussetzte, dass sie meiner ruhigen Vernunft traute, und allenfalls darauf hin eine Unbesonnenheit wagen zu dürfen glaubt. Sie ist noch nicht zu mir zurückgekehrt. Wahrscheinlich ist sie bei Ihnen und Augusten. Ich bitte Sie, mir darüber Auskunft zu geben, so wie über die Veranlassung ihres Wegbleibens. Auf jeden Fall soll sie meine Missbilligung fühlen. Sagen Sie ihr das, ich ersuche Sie darum."

Luise erinnerte sich jetzt erst an Augustens letzte Worte, und wie sie gesonnen gewesen sei, zu der Baronin zu fahren, wo sich die ganze Verwicklung auflösen sollte. Sie begriff nicht, was sie daran verhindert und zugleich bewogen habe, Emilien bei sich zu behalten. Sie wollte zu ihr gehen, um sie deshalb zu befragen, als ihr Mariane sagte, dass die Leute im haus ihre herrschaft vergeblich bis jetzt erwarteten, und Niemand wisse, was er er davon denken solle. In grosser Besorgniss schrieb daher Luise der Baronin, was sie selbst durch Augusten erfahren hatte, und wie sie diese noch zuletzt an Werners Arm auf dem Wege zu ihr gesprochen habe, weshalb man bei Werner allein die nötigen Erkundigungen einziehen könne. Von Emilien aber wisse sie nichts, und begreife ihr Verschwinden so wenig wie das von Augusten.

Nach einigen Stunden trat Stein bleich und zerstört in Luisens Zimmer. Eine ungeheure Torheit oder Niederträchtigkeit, rief er, ist in dieser Nacht vorgefallen. Werner, der Maler, Emilie und Auguste, alle sind fort! Alle Nachforschungen sind vergeblich, Niemand will etwas von ihnen wissen. Ich komme sogar von Francesca. Sie schwört, der ganze Handel sei ihr fremd. Sie habe wohl den Maler in Italien gekannt, und ihn deshalb hier in ihr Interesse ziehen müssen, ohne gleichwohl seine weiteren Verbindungen und Pläne zu kennen. Geschienen habe es ihr freilich, als liebe er Emilien, und trachte im Stillen, seinen Wünschen nachzugehn, auch Emilien sei oft etwas Aehnliches entfallen, doch könne sie das alles auf keine Weise verbürgen. Luise konnte ihm nicht länger verhehlen, was sie selbst darüber wusste. Dennoch sahen beide nicht, wie das Ganze zusammenhing, besonders, in wie weit Werner und Auguste darin verwikkelt waren. Was suchen wir, sagte Stein, den Grund einer Torheit auf, die so grundlos in sich selbst ist, dass sie, wie sie entstanden, auch zerfällt. Ich wende mich auf immer von dem verächtlichen Spiel, und lasse sie sich wechselseitig verderben.

In dem Augenblicke fuhr die Baronin, in einem völlig gepackten Reisewagen, vor das Haus. Sie kam auf wenige Augenblicke zu Luisen, und kündigte ihr an, dass sie im Begriff sei, auf ihr Landgut zu gehen. Es sei dies ein Mittel, das Gerede der Welt zu verwirren, und eben dadurch in den Augen der Meisten unzuverlässig zu machen. Durch ihre Abreise gewinne es das Ansehn, als habe sie die fehlenden Personen begleitet. Wenigstens würden das Manche glauben, und ehe man der Sache auf den Grund käme, wäre wohl alles längst schon im alten Gleise. Und Sie, Herr von Stein, setzte sie hinzu, gewinnen auch dadurch Musse, ihre Nachforschungen geheim und mit möglichster Schonung zu betreiben. Ich möchte ungern weiter forschen, erwiderte dieser. Gönnen Sie mir meine Unwissenheit. Ich fürchte, gnädige Frau, Sie wünschen sie sich auch in Kurzem zurück. Die