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, ehe nur der hundertste teil des Ganzen kenntlich hervortrete, rief er fast ungeduldig: Welch mühseliges Vorbereiten zu dem flüchtigen Genuss! Aber, fuhr er fort, das scheint wohl auch nur so. Für Sie ist es wirklich nicht mühevoll. Sie haben bei jedem Stich das Ganze vor Augen, und leben so den Augenblick tausendfältig, den Sie sich erst schaffen wollen. Warum ist das nicht im Grossen wie im Kleinen. Wie leicht vergessen wir bei einem sauern Gange das Ziel, wohin er führt! Und ist nicht am Ende das ganze Leben ein solcher gang, den wir uns recht eigentlich erschweren, da wir gewöhnlich nur auf die nächsten Schritte vor uns sehen?

Was macht Sie denn heute so ungewöhnlich ernst? fragte Luise. Ich verstehe Sie nicht, lieber Freund! Die lustige Spielerei will kein so trübes Gesicht.

Er beugte sich schweigend auf ihre Hand, die nachlässig mit den goldnen Fädchen der Stickerei spielte. Wie denn? sagte sie ernster, ist das nicht bloss Zufall? lieber, lieber Freund, ist Ihnen etwas begegnet? haben Sie Kummer?

Ja wohl, rief er sehr bewegt, ja wohl, ich habe Kummer! ach meine Luise! Sie sollten mich nicht so schwach sehen. Der Mann muss dem Verhängniss fest entgegentreten. Ich werde mich auch sogleich wiederfinden. Ihr lieber freudiger blick fiel nur so zerreissend in meine bewegte Brust. Ich wollte Ihnen heute, auch morgen, noch nichts sagen, und nun überrascht mich das so. Vergeben Sie mir, Luise. O um's himmels Willen, unterbrach sie ihn, nur geschwind, was ist es denn, was kann es denn sein!

Ein Befehl meines Hofes ist es, entgegnete er, der mich, da mein Geschäft hier so weit eingeleitet ist, um es einem Andren zu übertragen, nach Petersburg zurückruft, und zu einer neuen Mission nach Persien vorbereitet.

Beide schwiegen eine Weile. Mir bleibt nichts übrig, als zu gehorchen, fuhr er sodann fort. Ich gehöre meinem vaterland, und darf mich ihm auf keine Weise entziehn.

Nun, fiel Luise schnell ein, warum erschrecken wir denn auch! Was hindert uns dennoch, ungetrennt zu bleiben? Ich folge Ihnen, wohin Ihr Beruf Sie führt. Das wollten Sie, Luise? fragte er gerührt, das könnten Sie wollen? So grosses Opfer dürfte Ihr Freund kaum annehmen.

Lieber, unterbrach sie ihn, wie nennen Sie nur ein Opfer, was so natürlich ist, und kaum einer überlegung bedarf, da ich ohne Schmerz ein Vaterland hinter mir lasse, das nichts als trübe Erinnrungen einschliesst.

Er drückte freudig ihre beiden hände an sein Herz. Ich habe das nicht glauben, ich habe es nicht hoffen mögen! rief er; und nungewiss, in der Liebe wird den Frauen eine Kraft und ein Wille, der den Glauben der Männer weit überfliegt. Aber wenn nun fremde Sitten, wunderliche, ungewohnte Erscheinungen, plötzlich eine Scheidewand zwischen Ihnen und die heimatliche, befreundete Welt ziehen, meine Luise, werden Sie immer an diesem Herzen Trost und Ersatz suchen?

Sie sagte ihm darauf recht wahr und zuversichtlich, wie sie es empfand, dass sie in seiner Nähe allein noch Ruhe und Schutz gegen oft erwachende, innre Störungen finden könne, dass seine Milde und klarheit keinen Zweifel und keine Besorgniss in ihr aufkommen lasse, und die Zukunft sich recht hell vor ihr ausdehne.

So innig und durcheinander beruhigt, mit dem festem blick auf ein vereint heitres Leben, schickten sie sich beide zu dem Feste des kommenden Tages an, und teilten recht freudig die allgemein empfundene Lust.

Sorgfältig und höchst edel gekleidet, traten sie zur bestimmten Zeit in die vielfach gemischte Welt. Ein wunderliches Grauen überfiel Luisen, als die schwirrenden, lispelnden Töne aus den starren Lippen zu ihr hindrangen. Die grössere Beweglichkeit der Gestalten und der Tod auf ihren Gesichtern, hatte etwas so Widriges für sie, dass sie kaum die gaukelnden Neckereien des zierlichen Arlechino bemerken, noch die Pracht anderer Erscheinungen gehörig würdigen konnte. Die Zigeunerin streifte an ihr vorbei, und Cesarios Hand fassend, sagte sie mit komischer Geberde:

Ich sage Dir wahr,

Mein Auge ist klar,

Der Trug liegt versteckt,

Ich hab' ihn entdeckt.

Drum leih' mir Dein Ohr,

Und sieh' Dich wohl vor,

Wenn Dirs geglückt,

Bist Du berückt.

Was Du umfasst,

Es wird Dir zur Last,

Neckt Dich und quält,

Wie Du 's erwählt.

Euch allen droht List.

In kürzerer Frist

Als Ihr's erwogen,

Seid Ihr betrogen.

Es drängten sich mehrere Masken dazwischen. Luise sah nur die verworrene Menge hin und her wogen und ward gedankenlos mit fortgerissen. In dem wachsenden Gedränge lispelte eine stimme dicht an ihr Ohr: Hat die Büssende in dem Treibhause Blumen für Julius Grab gesammelt; oder will sie sich mit neuen Myrten schmücken? Sie wandte sich erschrocken nach der Seite des Sprechenden, ein dichter Haufe schwarzer Dominos arbeitete sich durcheinander hin, Cesario stand in einer entfernten Loge und sah der lustigen Verwirrung eine Weile müssig zu. Lassen Sie uns dem Magier dort näher treten, sagte Stein, ich wette, es ist der Maler. Luise sah überall nur den ungeschmückten Grabhügel und jene fremde Hand, die sie so frostig darauf hinwies. Stein hatte indess den Magier angeredet und ihn befragt: ob er ihm die Tiefen seines verworrenen Schicksals aufdecken wolle. Das Furchtbarste, erwiderte eine dumpfe stimme, fasst Dich schon mit