zog unter einem Packet Papieren eine goldne Kapsel hervor, die Eduards und Violas Bildniss entielt. Luise betrachtete wehmütig die edlen Züge, die in Glück und Freude erblüht, in eine Zukunft voll Schmerz und unerfüllten Hoffnungen hinaussahen. Viola war einfach, dennoch der herrschenden Mode zuwider, phantastisch gekleidet; farbiger Stoff wand sich vielfach, wie ein Turban, um ihr dunkles Haar und ein hellblauer Mantel hing nachlässig über der rechten Schulter. Beides gab ihr ein fremdes Ansehn, das Luisen besonders wohlgefiel. Die grossen, wunderbaren Augen und das feine Lächeln um den schön geschweiften Mund, wurden ohnehin durch den orientalischen Kopfputz noch mehr herausgehoben. Eduard trug eine rote Uniform, die unmittelbar in die heutige Zeit versetzte. Schöne Züge im reinsten verhältnis, ein frisches, festes Ansehen und blondes Haar zeigten den Norddeutschen unverkennbar an.
Als Luise die Kapsel wieder zu den Papieren legte, bemerkte sie, dass diese von einer breiten Flechte der schönsten schwarzen Haare zusammengehalten wurden, während ein kleines Siegel, gleichsam zum Wahrzeichen, darüber hing. Dies Packet, sagte Matilde, ihren Blicken folgend, fand ich nach dem tod der Gräfin in einem verborgenen Fach ihres Schreibetisches. Da es versiegelt war, durfte ich es nicht eröffnen, und aus andren Rücksichten mochte ich es nicht verbrennen. Viola hatte eine Freundin in Neapel zurückgelassen, die früher ihre Vertraute war und von der sie öfters Briefe empfing, die sie jedesmal sehr bewegten. Wahrscheinlich sind dies jene Briefe, deren sorgfältiges Aufbewahren von einer innren Wichtigkeit zeugt. Ich erwartete lange, dass man sie zurückfodern würde, da ich ohne hinlängliche Gewissheit sie unmöglich fremden Händen zuschicken konnte. So sind sie denn bis hieher unversehrt in dem Kästchen geblieben; jetzt möge Julius darüber entscheiden, dem ich sie nächstens zu übergeben gedenke. Könnten es nicht Briefe von Eduard sein? fragte Luise. Nein, erwiderte Matilde, das Kästchen verschliessend; ein flüchtiger blick auf die Handschrift hat mich vom Gegenteil überzeugt.
Beide schwiegen eine Zeitlang, in eignen Gedanken verloren. liebes Kind, hub Matilde nach einer Weile an, ich sah noch einmal in die Vergangenheit zurück und liess jene begebenheiten an Dir vorübergehn, um Dich von dem Glück zu überzeugen, das Deiner in einer Verbindung erwartet, die stille anhänglichkeit in ungestörtem Fortschreiten gründete. Glaube mir, jene leidenschaftliche Wallungen, die den Sinn aus der Ferne durch ein scheinbar regsames Leben bestechen, welken die eigentliche Frische des Gemüts und geben ihm eine bloss kränkliche Heftigkeit, die aus Mangel an Kraft entspringt. So verwirrt sich der Mensch im Innren und findet niemals wieder das rechte Gleichgewicht. Deine Liebe zu Julius ist mit Dir aufgewachsen und hat sich mit allen andren Kräften Deiner Seele zugleich entwickelt. Ich liess Dich den Weg ungehindert fortgehn, der Dich einer ruhigen Bestimmung zuführt. Nichts widersprach Deiner Neigung, und reizte sie, ihre Schranken zu überfliegen. Kein ungewöhnliches Ereigniss unterbrach den einfachen gang Deines Lebens. Die Welt, mit allem was sie Täuschendes entält, blieb Dir fremd. Du trittst jetzt an der Hand des edelsten Mannes in einem Augenblick hinein, wo sehr ernste Pflichten Deine Aufmerksamkeit fodern. Wie sollte ich an Deinem Glück zweifeln, wie solltest Du je etwas Wünschenswerteres begehren können? Ich weiss nicht, warum mich dennoch Deine regsame Phantasie, die jedes neue Bild begierig auffasst, warum mich Dein heftiges Gemüt, selbst in seinen edelsten Aufwallungen, ängstet. Du bist jetzt so oft gedankenvoll; ich sah Dich wohl früher die Hand nach Kleinigkeiten ausstrecken, um sie bald darauf gleichgültig zurückzuziehen. Dein Sinn schweift umher, auch jetzt – Du hörst mich nicht – Luise! – Liebe Mutter, erwiderte jene, ich denke an Julius, und wie es möglich ist, dass er seinen beiden Eltern so unähnlich ward. Möchtest Du ihn anders? fragte Matilde ernst. Auch ist er ihnen, fuhr sie fort, nicht so unähnlich als Du denkst; ihre gänzlich widersprechende Naturen haben sich sehr glücklich in ihm verschmolzen, und was äusserlich schwer und trübe an ihm haftet, das hat ihm des Grafen absichtsvolle Erziehung gegeben, der, allen natürlichen Anlagen zuwider, einen schlauen Weltmann aus ihm bilden wollte, und eben dadurch den freimütigen Knaben missmütig und unsicher machte. Wie es wohl auf dem Falkenstein aussehen mag? fragte Luise, durch neue Vorstellungen abgezogen: hat die Zeit nicht allmählich alle Spuren von Violas Glanz verwischt? Ich weiss es nicht, erwiderte Matilde, seit dem tod Deines Vaters, der der Gräfin bald folgte, bin ich nicht dort gewesen. Allein sowohl der Graf, als neuerlich der Baron Velteim, Julius Vormund, sollen alles wohl erhalten haben. Sie schwieg hier, durch Luisens stetes Abspringen verletzt, und beide trennten sich bald darauf, beklommen, und im Gefühl eines inneren Missverstehens, geängstet.
Als Luise am folgenden Morgen die Augen aufschlug, stand Mariane, die Kammerfrau ihrer Mutter, mit bekümmerten Mienen vor ihrem Bette, und schien den Augenblick ihres Erwachens erwartet zu haben. Ach, liebes fräulein, hub sie sogleich an, die gnädige Frau hat die ganze Nacht hindurch gelitten und ist jetzt kränker als zuvor; Sie werden am besten bestimmen können, ob man den Arzt holen soll? Luise war an das stete Uebelbefinden ihrer Mutter gewöhnt, und wusste, dass es nie gefährlich ward; allein jetzt traf diese Nachricht ihre vom Schlaf befangnen Sinne so unerwartet, dass sie lange wie betäubt vor sich hinsah, und nicht den Mut hatte, ihr dumpfes Gefühl zu befragen. Gleich, gleich, rief sie,