und seiner Umgebungen. Er machte Luisen aufmerksam auf die königliche Grösse des Ganzen, welches doch keinesweges drückend sei für die nahestehenden Gegenstände, was er allein als wirkung höherer Kunst angab. Denn diese, sagte er, kann niemals etwas für sich allein betrachten, sondern findet nur in dem innren Zusammenhang aller notwendigen Bedingungen das richtige verhältnis für jedes Einzelne, während die blosse Pracht alles um sich her vernichtet. Dies zeigt sich am auffallendsten im Orient, wo ein an sich untergeordneter Zweck alle höheren Strebungen beherrscht. Selbst die Denkmäler alter Kunst sind dort störend geworden, weil sie, losgerissen von Zeit und Ort, keinen gnügenden Eindruck gewähren, sondern dem unbefriedigten Gemüt schmerzliche Betrachtungen entreissen, was dem Wesen der Kunst zuwider ist, die sonst unsre innre Gesammteit, Fülle und Kraft hervor ruft, und den ganzen Menschen göttlicher und freier macht.
In diesem Sinne war die Kunst wahrhaft in ihn übergegangen, und seine Liebe zu ihr konnte daher nur von denen ermessen werden, die ihn in allen Beziehungen seines Lebens verstanden.
Luise suchte während dem sich selbst zu entgehn, und liess es an lebhaften Aeusseruugen nicht fehlen, die das Gespräch nur mehr in seinem Lauf fortdrängen sollten. Allein sie war niemals frei genug in sich selbst, um irgend etwas, das sie zufällig berührte, für Augenblicke liegen zu lassen, und mit Besonnenheit mehreres aufzufassen. Eines beschäftigte sie alsdann so ausschliessend, dass sie für alles andre entweder gar nicht da war, oder doch zerstreut und kalt erschien. So konnte sie es jetzt nicht aus den Gedanken bringen, warum Cesario ihr gerade in dem Moment habe nahe sein müssen? und weshalb sein erscheinen, oft so halb und versteckt, sie in Ungewissheit, selbst darüber lasse, ob er es sei oder nicht? Ihr fiel ein, dass, gleich wie ganz verschiedenartige Menschen, die späterhin einen gewichtigen Einfluss auf unser Schicksal haben, sich früher in unsrer Erinnrung zusammen stellen, ohne dass wir sie in irgend einer Beziehung zu einander dachten, die natur der Umgebungen und die Stimmung, welche diese in uns erwecken, gleichfalls bedeutend sei für das Zusammentreffen mit diesem oder jenem. Sie sann vergeblich, auf welche Weise Cesario mit in ihr Leben verflochten sein könne, und hatte zugleich eine Scheu, es zu entdecken, da sie überall so ungelegen von ihm gestört ward.
Der nächste Morgen verjagte indess diese Wolken. Sie war die folgenden Tage heitrer als je, vielleicht weil sie sich von mehrern ihrer Bekannten zurückgezogen hatte, und allein in des Obristen und Sophiens Gesellschaft lebte. Diese schien auch wieder ruhig und gefasst. Luise bemerkte leicht, dass nur eine Aussöhnung mit Horst dies bewirkt habe, obgleich dieser in ihrem engeren Familienkreis keinen Zutritt hatte. Sie begriff eben so bald, wie sehr ein solches Gefühl geschont sein wolle, und ohne dagegen zu eifern, begnügte sie sich, ihre Freundin in einer vertrauten Stunde zu fragen, wie sie nur dies verhältnis mit ihren sonstigen Ansichten und Begriffen vereine.
Das ist nun so, entgegnete jene. Ich rede ungern darüber. Vieles kommt in Anregung, was besser verschwiegen wird. Doch glaube mir, gutes Kind, Vergehn aus Liebe begangen, büssen sich nur durch Treue ab. Dies ist weder so leicht, als eine herzhafte Rückkehr zur Pflicht schwer ist. Zu dem Letztren bewegt uns oft gerade das, was uns früher verlockte, sehnsucht nach einem Herzen, das uns versteht und verstehn will. Wir glauben so leicht, es gefunden zu haben, während es uns in allen Verhältnissen ziemlich gleich unerreichbar ist. über die ersten poetischen Träumen der Jugend hinaus, halten es die Männer kaum der Mühe wert, in das innre geheimnis unsers Wesens einzudringen, dessen Selbstständigkeit sie nie anerkennen, dessen höhere natur sie sich gern verbergen, um der gewöhnlichsten und natürlichsten Rücksichten überhoben zu sein. Da es denn nun überall auf die Aufopferung unsrer selbst angesehen ist, was zaudern wir, dies Opfer da zu bringen, wo wir in der Bewahrung und dem Heilighalten der Liebe uns vor uns selbst bewahren? Ich wenigstens bin resignirt, und kann mich in dieser Resignation nur mit mir und meinem Vergehn aussöhnen.
Du bringst Dich also der Liebe und nicht dem Geliebten zum Opfer? fragte Luise.
Sage mir, erwiderte jene, wie soll ich die eine ohne den andren denken, ohne auf immer mit meinem Gewissen zu zerfallen? Soll ich um ein Geringeres, als die höchste Bedingung meines Lebens, Schwur und Pflicht verletzt haben? Und wenn ich mich täuschte, war es nicht die Liebe, welche den Zauber hervorrief? Aber es ist falsch, dass die Liebe uns täusche. Sie, das einzig, ewig Wahre, zeigt uns die Menschen allein wie sie sind. Von ihr durchdrungen, haben sie für Momente wirklich erreicht, wonach sie, früher und später, durch den ganzen Kreislauf eines langen, beschwerlichen Lebens ringen. Nur wie die Aussenwelt wieder nach ihnen greift und ihre Täuschungen auf sie zurückwirft, sinkt die Liebe in die stille Nacht ihres verborgnen Lebens zurück. Allein, ich habe ja doch den geliebten Mann in jenen göttlichen Momenten gesehen, und so will und werde ich ihn immer sehen.
Der Obrist unterbrach sie hier, indem er ihnen die Ankunft der Baronin meldete, welche auch sogleich eintrat.
Endlich! sagte diese gutmütig, zu Luisen gewandt, finde ich Sie. Böses Kind! Nun sollen Sie mir nicht wieder entgehn. Ich entführe Sie sogleich. Alle Freunde und Bekannte sind bei mir versammelt. Alle