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, einige Zeit in der Einsamkeit auf dem land zuzubringen, während mich das Leben hier fast erdrückte.

Noch immer die alte Unzufriedenheit! rief Emilie lachend. Wie kann es anders sein, erwiderte jener, dies abgenutzte Treiben hier, das mich wie ein Ball hin und her wirft und alle Ruhe und allen Genuss raubt, presst mir oft die Brust so zusammen, dass ich mein ganzes verhältnis zerbrechen und in irgend einen Winkel der Erde fliehen möchte, wo ich wenigstens allein sein könnte, wenn ich will! Aber mein Gott, Sie ungalanter Mensch, was quält Sie denn bei uns? fragte Emilie. Alles! rief er; mein Stand, die ganze Welt, alles was Ansprüche an mich zu haben glaubt und mir meine Ruhe missgönnt. Seine Blicke gleiteten während dem nachlässig an Luisen hin, und fielen wie von ungefähr auf die schöne Frau, die, eine Träne zerdrückend, angelegentlich mit Stein zu sprechen schien. Auf Ehre! Horst, rief jener freigesinnte, Offizier, schon mehreremal von Emilien als der hübsche Baron Roll erwähnt, der seiner höhern Taktik zu Folge Luisen näher gerückt war, auf Ehre, Sie werden ein Menschenfeind! Was haben Sie nun gegen unsere Stadt? Mich dünkt, Sie und ich hätten nicht über sie zu klagen; oder rechnen Sie den reichen Schatz von Erfahrungen, den wir gegen ein paar missmütige Stunden eintauschten, für nichts? Auf Ehre, ich gebe ihn um meinen ganzen Credit nicht weg, der denn doch der eigentliche Point unsrer Existenz ist. Und, Luisen fixirend, ohne sich ihr gleichwohl vorstellen zu lassen, fuhr er, wie unter bekannter Voraussetzung fort: Sie, Frau Gräfin, werden mir gewiss in Kurzem Recht geben, wenn Sie unsre Welt mehr kennen lernen. Sie waren noch nicht im hiesigen Teater? – Sie sahen noch nicht Richter und die schöne Antonie spielen? Luise hatte kaum Zeit es zu verneinen, als er, sich zu Stein wendend, aufs neue anhub: A propos, man will uns ja den Shakespear nun auch goutiren lehren; ich denke man spricht von einer Vorstellung Heinrich des Vierten. Da werden wir Offiziere nur gleich Urlaub nehmen müssen, um den Schluss zu hören, denn solch Stück spielt seine 24 Stunden in einer Angst weg. Er lachte laut über den glücklichen Einfall, der den Andern schon bekannt war, und als vielfach bewundert, das Patent des Witzes erhalten hatte. Ich glaube selbst, entgegnete Stein, dass sich der Shakespear weder für unsre Bühne, noch unser Publikum passt. Des Komischen wegen? fiel Auguste ein. Sein Sie versichert, wir verstehn die privilegirten wie die anderweitigen Spassmacher zu würdigen. Roll verschmerzte den Stich, und wandte sich ausschliessend an Luise, die er mit einem Heer unbedeutender fragen bestürmte. Horst schwankte indess mit unsichren, schleichenden Schritten zu der Dame, welche Luisens Aufmerksamkeit früher erregte. So in Gedanken, Frau von Seckingen? fragte er lächelnd, was beschäftigt Sie so ausschliessend? Der Wechsel der Dinge, entgegnete sie, nicht ohne Heftigkeit. Unbesonnene, flüsterte er, und wandte sich unwillig ab.

Eine kleine Bewegung in der Gesellschaft liess hier auf die Ankunft eines neuen Mitgliedes derselben schliessen. Luisens Herz klopfte unwillkührlich; sie dachte dunkel an den Unbekannten, an Fernando, als Frau von Seckingen ausrief: ach, mein Bruder! und die Baronin in dem Augenblick, von dem russischen Obristen begleitet, vor Luise trat, erfreut, ihr einen alten Bekannten zuzuführen. Ohne irgend eine schmerzliche Erinnrung zu berühren, begnügte sich der gewandte Mann, den gegenwärtigen Augenblick allein herauszuheben und eine Reihe froher Bilder einer glücklichen Zukunft daran anzuschliessen, welche ihm Luisens Anwesenheit in der Residenz versprach; dann das Gespräch immer leichter und freier verschlingend, zog er bald die anmutige Schwester mit hinein, deren Herz sich willig so freundlicher Berührung öffnete, seit sie nichts mehr unmittelbar störte, da Horst gleich nach des Obristen Ankunft verschwand. Luise fühlte sich in der kunstlosen, wie von selbst fortlaufenden, Unterhaltung immer behaglicher, und trat zwischen den beiden edlen Gestalten fest und sicher auf die glatte Fläche der neuen Welt hin, die sie vor wenig Augenblicken noch erschreckte. Allein je mehr ihre Teilnahme für beide Geschwister wuchs, je mehr beunruhigte sie das Schicksal der bekümmerten Frau, welches ihr noch drückender schien, seit der Obrist sagte: Liebe Sophie, Dich erwarten Briefe von Deinem Mann. Er hat mir auch geschrieben, und sagt, dass seine Geschäfte ihn noch lange in Paris aufhalten könnten. Der Mann lebt noch? dachte Luise; also wieder eine missratene Ehe! und sicher ein edles Herz, das sich selbst täuscht! – Dieser Gedanke fiel störend in ihre Freude, und hätte fast die alte Wehmut wieder angeregt, da sie in demselben Augenblick Stein an Emiliens Seite, mit allen Zeichen unbefriedigter sehnsucht, wahrnahm, und hier auf beiden Gesichtern auf's neue das Aushängeschild einer verfehlten Wahl sehen musste; allein des Obristen freundliches Bemühen hob sie bald über jene beunruhigende Betrachtungen hinaus. Diese hohe, klare Erscheinung, auf der ein vielfachgestaltetes Leben keine Spur zerreissender Leidenschaften oder verfehlten Strebens zurückgelassen hatte, schien, in ihrem milden Ernst, recht dazu geeignet, Luisens achtung zu erzwingen, die sich auch bald eines kindischen, durch zufällige Verirrungen angeregten, Unglaubens schämte, und sich voll Heiterkeit den beseligenden Einflüssen einer entstehenden Freundschaft hingab, ein Wechsel, der Augusten nicht entging, und ihr für diesen und viele folgende Tage Anlass zu Neckereien und nicht immer ganz schmeichelhaften Anmerkungen