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Gewalt über sie ausüben. Ich war nicht einen Augenblick im Irrtum hierüber, erwiderte der Graf; allein unsre Freundin, die alles zu ernst und wichtig für das wirkliche Leben nimmt, sah Dich schon von den feindlichen Geistern der Falkensteine gefangen. Wir scherzten bald alle über die Begebenheit, und als wir bei unsrer Rückkehr Besuch aus der Nachbarschaft antrafen, überliess sich Viola der allerheitersten Laune, die sich immer mehr steigernd, zuletzt alles wie im Rausche fortriss. Ich war daher sehr überrascht, als sie in der Nacht ernst und mit sichtlicher Anstrengung vor mein Bett trat. Erschrick nicht, liebe Matilde, sagte sie leise, ich habe mit Dir zu reden, und Du musst besonnen sein, um mich anhören zu können. Sie zündete darauf mehrere Lichte an, und verteilte sie so, dass das ganze Zimmer hell erleuchtet war, dann setzte sie sich zu mir, und, indem sie den Kopf fest in meine Kissen verbarg, sagte sie: ich bin törigt genug gewesen, eine Unruhe übertäuben zu wollen, die schon längst an mir nagt und gestern stechend hervorgerufen ward. Es ist vergebens, ich bin erschöpft und kann den peinlichsten Vorstellungen nicht länger widerstehn, die nun mit doppelter Gewalt über mich herfallen. Sie schwieg einen Augenblick und überliess mich einer unbestimmten, fast scheuen Begier, mehr zu erfahren. Schon vor mehrern Monaten, hub sie nach einer Weile an, während ich, über sie gebeugt, mit gespannten Mienen meine Blicke auf sie heftete, schon vor mehrern Monaten träumte mir, ich höre in der Klosterkirche die Messe, und wolle nun den Rückweg antreten. Es war, als sei der Graf mit mir, denn ich sah mich wiederholt nach jemand um, der zu mir gehörte und in der Kirche zurückblieb, weshalb ich auch den rechten Ausgang verfehlte. Ich stieg mehrere Stufen hinunter und lief lange in den dunklen Gängen umher, wobei ich eine entsetzliche Angst vor dem Fallen hatte. Endlich kam ich wieder in die Kirche zurück. Es war Niemand mehr darin, die Kerzen waren ausgelöscht und alle Zugänge verschlossen. In der bittren Not schrie ich laut um hülfe; da bewegte sich das grosse steinerne Bild der Ahnfrau und schritt auf mich zu. Ich wollte fliehen; allein sie fasste mich, und als ich recht hinsehen musste, erblickte ich zwei wunderschöne Knaben an ihrer Hand, wovon der eine, wie eben geschossnes wild, stark an der rechten Seite blutete. In dem Augenblick öffnete sich die Pforte, mir war, als hörte ich eine bekannte stimme, und ich stürzte mit dem blutenden Knaben heraus. Der Traum liess einen Eindruck zurück, den die Gewissheit, aufs neue Mutter zu werden, mit jedem Tage schärfte. Du kannst nun begreifen, wie mich die Erzählung des Grafen, die mir erst den rechten Aufschluss gab, erschüttern musste. Liebe Viola, sagte ich fast so bewegt als sie, Dein Zustand führt ganz naturlich schwere Träume und düstre Vorstellungen mit sich. Das darf Dich weiter nicht befremden, lass sie nur nicht so unbeschränkt über Dich herrschen, Du wirst das alles sicher in Kurzem leichter ansehn, und die Erste sein, die darüber lacht. Viola blieb indess still und sinnend. Von da an konnte sie nichts zerstreuen, und ich weiss nicht, ob es ein Glück zu nennen ist, dass sie, durch innre Qualen zerstört und aufgerieben, vor ihrer Niederkunft an einem Nervenfieber starb.

O gewiss, gewiss, fiel Luise schnell ein, denn so etwas, das unaufhörlich im inneren drückt und nagt, ist zehnfacher Tod. Das kennst Du doch wohl schwerlich aus Erfahrung, sagte die Mutter. Nein, erwiderte Luise; allein schon der blosse Gedanke daran hat so etwas Peinliches für mich, dass ich ihn nicht lange festalten mag.

Matilde bemerkte, dass es kühl werde, und liess sich nach haus führen. Hier begrüsste sie der alte Georg mit der herzlichen Teilnahme, die er für alles empfand, was seinem Herrn teuer war. Luise freuete sich, jemand zu sehen, der Viola gekannt und lange Zeit auf dem Falkenstein gelebt hatte, da ihre Phantasie kein andres Bild festalten konnte und unaufhörlich in jenen Kreisen umherschweifte. Allein Georg blieb hierüber sehr einsilbig. Die Gräfin hatte nie in seine einfache Art und Weise gepasst und er fand an manchem Aergerniss, was den Sitten seines Landes fremd war. Luise schalt den guten Alten herzlos, und rief sich selbst jeden interessanten Moment aus Matildens Erzählung herauf.

Sie starb also, sagte sie am Abend zu ihrer Mutter, ohne Eduard wiederzusehn? Erfüllte er denn nicht noch in den letzten Augenblicken ihre ganze Seele? Ich habe Dir gesagt, erwiderte Matilde, dass die Gräfin zuletzt nur einen Gedanken festielt, der alle Erinnerungen erstickte. Mein Bruder war längst für sie, wie für mich, verloren, da wir wohl Beide nicht länger an seinen Tod zweifeln konnten, seit der Graf einst unaufgefordert von ihm sprach, und versicherte, keine Nachforschungen gespart zu haben, ohne gleichwohl etwas Beruhigendes zu erfahren. Ihn hatten wohl früher die Wellen begraben und alle Glut seines kranken Herzens gestillt!

Matilde öffnete, während sie sprach, ein elfenbeinernes Kästchen, das sonst immer verschlossen auf ihrem Schreibtisch stand und von jeher Luisens Aufmerksamkeit erregte. Wohl tausendmal hatte diese mit einer Nadel an dem feinen Schlösschen gedreht, und erwartet, es solle aufspringen und ihr die verdeckte Herrlichkeit zeigen. Heute geschah nun ganz von selbst, was sie so lange wünschte: der Deckel sprang auf und Matilde