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Fremden gehört zu haben, der, nach der Wirtin Aussage, wohl noch tief schlafe. Erst in dem Tore der Residenz trafen sie mit dem Wagen des Unbekannten wieder zusammen, der an ihnen vorüber, in eine Seitengasse hineinfuhr. Luisens Herz klopfte gewaltsam. Die neue Welt schloss sich ihr in einem Augenblick auf, wo alle alte, mühsam niedergekämpfte, Anforderungen an Fernando wieder in ihr erwachten. Jede ungewohnte Erscheinung fiel so gewichtiger in ihr aufgeregtes Innre. Die bunte Menschenmasse wogte in vielfachem Treiben durch die Strassen hin, und zog sie mit in ihr verworrenes Gewühl hinein. Hohe Häuser, geschmückte Läden, weite Plätze, erhabne Kunstwerke, aller Prunk, wie jeder erhöhete Wille des Lebens, redete zu ihr, und überglänzte die bleiche Dürftigkeit und den frostigen Hunger, der langsam neben ihr hinschlich.

Auguste wohnte in der gesuchtesten Gegend der Stadt. Alles atmete hier verfeinerten Lebensgenuss. Die elegante Welt zog in tausendfachen Gestaltungen vor Luisens stets angeregten Blicken hin, und liess sie zu keiner eigentlichen Anschauung oder innren Betrachtung kommen.

Nach wenigen Stunden erschien die Baronin, von Emiliens Ankunft benachrichtet, diese abzuholen. Luisens Unglück hatte sie versöhnt. Alles, was sie deshalb gesagt und nicht gesagt hatte, war eingetroffen; ihr tiefer blick in die verworrnen Weltändel gerechtfertigt, und sie selbst als weise Menschenkennerin anerkannt. Ihres hohen Ansehns bei Luisen gewiss, empfing sie diese mit leutseliger Herablassung, und lud sie sogar zu einer Abendversammlung des kommenden Tages bei sich ein, welche sie, wie sie hinzusetzte, sogleich in die rechte Bahn bringen und mit dem Besten, was es in der Stadt gebe, bekannt machen würde. Nur Eins, Liebe, fuhr sie belehrend fort, muss ich Ihnen zuvor noch sagen, weil es einen entschiednen Einfluss auf Ihren Success in der Gesellschaft haben wird; versäumen Sie es ja nicht, den ältren Frauen mit der gesuchtesten Aufmerksamkeit entgegenzutreten, weil sie es sind, die den Ruf der Jüngern gründen und ihn allein bei den schwankenden, durch augenblickliche Eindrücke bedingten, Meinungen erhalten. Die Männer werden unbewusst von diesen Orakelsprüchen beherrscht, die erst als vielfach bearbeitete allgemeine stimme der Welt zu ihnen dringen und den die hellsehendern, jüngern Frauen nicht zu widersprechen wagen. Luise wusste nicht recht, ob sich ihre Beschützerin zu der klasse der Matronen zähle, und vermied daher, anders als durch eine dankende Verbeugung, zu antworten, da sie doch in sich sehr entschlossen war, die achtung keines Menschen zu erschleichen, und alles dem günstigen oder ungünstigen Eindruck überlassen wollte, den ihr erscheinen auf die Herzen machen werde.

Nicht ohne Verlegenheit trat sie indess des andern Tages an der Baronin Hand in den glänzenden Kreis. Eine Menge unbekannter Namen überhörend, welche ihr die gastliche Wirtin nannte, bemerkte Luise nichts als dasselbe höfliche Lächeln, das von Mund zu Mund nach jedem Bewillkommungsgrusse flog, und wie ein gebrochner Stral über alle Gesichter zuckte, ohne eine bleibende Spur zurückzulassen. Vergebens suchte Luise ein Auge, auf welchem das ihre ruhen könne. Dieselbe teilnahmlose Hingebung an die oft genossnen, wiederkehrenden Freuden trieb die Blicke gleichsam hin und her, und goss einen Schein des Gleichartigen über alle Gestalten. Um sie bekümmerte man sich nach der ersten Begrüssung weiter nicht. Sie war weder Ausländerin, noch unter der schützenden Aegide dieser Gesellschaft erzogen; ein deutscher, unbefreundeter Name verhallte wie er genannt war. Auguste und Emilie mussten alte Bekannte aufsuchen; die Baronin war vielfach beschäftigt. Zum erstenmal im Leben empfand Luise eine demütigende Zurücksetzung. Im Kampf mit dem Streben, eine würdige Haltung zu behaupten, und dem Gefühl, dass diese in der wachsenden Verlegenheit immer mehr schwinde, trat Stein zu ihr. Ein herzliches Wort, das unmittelbar aus dieser offnen, reinen Seele in die ihre überging, rückte sie schnell über den Druck des Augenblicks hinaus. Sie sprach innig und frei, indess das tonlose Rauschen der Menge sie umschwirrte.

Die Baronin hatte dennoch, ihrer Menschenkenntniss vertrauend, einiges über Luisens Schicksal fallen lassen, wodurch sie diese den Gemütern ganz unvermerkt näher rückte, und ihre Aufmerksamkeit gewann! Die alten Damen sahen in ihr ein unglückliches Opfer heutiger Verderbniss, die jüngern fanden sie sehr interessant, den Zug stiller Schwermut um den schön geschweiften Mund unwiderstehlich, und die Männer bemerkten, ein frühzerstörtes häusliches Glück sei eine brücke, die über das weite Meer conventioneller Formen und lästiger Versuche, unmittelbar in die Gunst der Frauen führe. Desto besser, sagte ein junger Offizier, dem eine Dame Luisens geschichte schon ziemlich verstellt erzählte, desto besser,

La vertu est une isle escarpée et sans bord

On n'y peut plus rentrer, dès qu'on en est dehors.

Abscheulich! rief die Dame, konnte sich aber doch nicht entalten, dem liebenswürdigen Freigeist einen schmeichelnden blick zuzuwerfen.

Unvermerkt hatte sich indess um Luisen ein kleiner Kreis von Frauen und Männer versammelt, die, im Gespräch mit Emilien, sich an sie und Stein anschlossen. Mit Bewundrung bemerkte Luise unter ihnen eine schöne weibliche Gestalt, deren edle Haltung und Züge ihr bekannt schienen, und sie dunkel in die Vergangenheit zurückführten. Eine grosse innere Bewegung arbeitete unverkennbar auf dem feinen Gesichtchen, und trieb ihre Blicke unwillkührlich zu einen zartgebildeten, schlanken Mann, dessen weiches abgespanntes Wesen seltsam gegen die Uniform abstach, die er auch nur des herkömmlichen Gebrauches wegen zu tragen schien. An einen Pfeiler geschmiegt, gleichsam um sich selbst tragen zu helfen, sagte er mit vorgebeugtem kopf und leiser stimme zu Emilien: Sie sind so glücklich gewesen