1810_Fouqu_019_58.txt

ich hörte sie nur von Fernando, er selbst hat sie aus seiner Muttersprache in's Deutsche übertragen, aber das beweist nichts, gar nichts. Die beiden Andren wurden hierdurch ebenfalls überrascht. Wenn er's wäre, sagte Emilie, grade hier, mit uns auf einem Wege, es wäre doch fatal! Es ist unmöglich, unterbrach sie Luise schnell, ich sagte Ihnen ja, er sei in französische Kriegsdienste gegangen, was soll er hier wollen? Was sichert Sie denn, fiel Auguste ein, dass dies Vorhaben ausgeführt, ja dass es im Ernst gefasst ward. Ich dächte, Sie wüssten, was von Aeusserungen aus diesem mund zu halten sei. Hier trat endlich die Wirtin, von Marianen begleitet, und mit allem zu ihrer Bequemlichkeit Erforderlichen versehen, hinein. kennen Sie den Fremden schon länger? fragte sie Auguste spöttisch, dass Sie ihm so viel Vorzüge vor Ihren übrigen Gästen einräumen? Gott nein! erwiderte jene betreten, es ist ja ein Ausländer, aber der Herr sind so ungestüm, dass man nur eilen muss, ihn zu befriedigen. Ein Ausländer? wiederholte Emilie; wissen Sie nicht, von welcher Nation? Ein Franzose, glaube ich, erwiderte sie. I, mein Gott, dass ich recht sage, ein Italiener; ja, ja, ein Italiener, man kunfundirt sich so leicht, und denn die Uniform! Eine Uniform? fragten alle drei. Ja, ich weiss selbst nicht, ob es eine ist, sagte sie, aber es sieht so aus. Wenn es Ihnen gefällig wäre, fuhr sie fort, so könnten Sie miteinander speisen, die gnädigen Damen würden gewiss Unterhaltung finden. Gott bewahre uns! scholl es aus einem mund; wir bitten Sie sogar, setzte Auguste hinzu, unsrer auf keine Weise gegen den Herrn zu erwähnen. Nun, wie Sie befehlen, sagte die Wirtin, durch ihre Heftigkeit aufmerksam gemacht, und wenig geneigt, der letzten Aeusserung zu achten.

Je mehr ich nachdenke, sagte Luise, als sie allein waren, je unwahrscheinlicher ist's mir, dass Fernando ohne alles Gefolge, ohne allen äussren Glanz, in der Residenz erscheinen würde. Er fordert so viel vom Leben, er selbst tut so viel dafür; wie sollte er sich in dieser unbedeutenden Aussenseite unter das bunte Gewühl einer Hauptstadt mengen! Sie vergessen, sagte Auguste, dass er mehrere Rollen hat; kennen Sie seine jetzigen Zwecke? Luise fuhr indess fort, Gründe aufzusuchen, sich und die Andren vom Gegenteil zu überführen und die bange Wahrscheinlichkeit wo möglich durch einige Zweifel anzugreifen. Der Abend verging auf diese Weise schnell genug. Bei ihren Nachbar war es indess ganz still geworden. Er schlafe, so schien es den Damen, welche auch früher als gewohnlich Ruhe suchten. Luise warf sich indess noch lange im Bette hin und her, als die leisen, gemessnen Atemzüge ihrer Gefährtinnen von ihrem glücklichen Schlafe zeugten. Jetzt, da ihr Niemand widersprach, da sie keine neuen Gründe mehr aufzufinden wusste, jetzt kam es ihr ganz glaublich vor, dass Fernando nur durch eine dünne Wand von ihr geschieden, nahe bei ihr lebe und atme; ja es ward ihr mit jedem Augenblick gewisser. Von dieser Vorstellung geschreckt, von tausend quälenden Erinnrungen gemartert, warf sie die lästige Decke von sich, und schlich zum Fenster, um reine Luft zu schöpfen. Ohne innres, festes Denken, starrte sie zerstreut in die dunkle Nacht hinein, als ein leises Schluchzen, dicht neben ihr, sie erschreckte. Das Haus war für den Nutzen erbaut, kein Raum verloren, die Fenster daher nur durch sehr schmale Pfeiler getrennt. Luise erkannte leicht, dass jener Ton aus dem ebenfalls geöffneten Fenster des Nebenzimmers komme. Aufs höchste gespannt, unterschied sie bald einzelne Worte in italienischer Sprache, die flüsternd durch die Dunkelheit hinschwirrten; plötzlich hörte sie deutlich wie in Unmut sagen: Fernando, Fernando! wohin verirrst Du Dich! Was suchst Du? was kannst Du hoffen? bist Du denn auf ewig verloren! Kalter Nachtwind fuhr hier schneidend an den Häusern vorüber. Die stimme schwieg; bald ward auch das Fenster geschlossen. Luise hörte nichts mehr; unbeweglich auf ihrem platz, wiederholte sie sich jene Worte, die sie mit der peinlichsten Unruhe erfüllten. Unglücklich also, dachte sie. Sie erkannte ihn ganz in dieser schmerzlichen Heftigkeit, in diesem Unmut über sich selbst. Was drückt ihn aber so sehr? Was suchte er jetzt? Wüsste er vielleicht –? Dies seltsame Zusammentreffen! Die gleiche Richtung ihres Weges! Wenn er unerkannt in ihrer Nähe lebte! Wenn er sie immer beobachtete! Wenn er dennoch treu ergeben – – Eine Bewegung der schlafenden Auguste zog sie unwillkührlich zu ihrem Bette zurück. Halb träumend sank sie in die Kissen. Bald darauf war ihr, als sei von dem allen nichts geschehen. Sie musste sich besinnen, ob sie wirklich am Fenster gestanden habe. Dann fiel es ihr plötzlich ein, dass es gar nicht Fernandos stimme war, die sie hörte, dass wohl wohl alles ein Blendwerk sein könne; und dennoch drang Fernandos Name, den sie doch bestimmt vernommen, immer wieder in ihr herauf und neckte und quälte sie, bis sie verzweifelnd die Augen schloss und die bange Seele dem dumpfen Schlafe hingab.

Nach wenigen Stunden ward es wieder lebendig um sie. Auguste trieb zum frühen Aufbruch an, da sie gern vor Abends das Ziel ihrer Reise erreichen wollte. Sie reisten ab, ohne das mindeste von dem