fragte Luise, so feine Stickerei? Warum nicht, entgegnete jene, dann ist alles so still und heimlich, Lottchen steht wie ein freundlicher Geist vor mir, ich sehe ihre hellen Blicke, und denke wie schön sie in dem Kleide sein wird, und alles geht leicht und gut. Der Alte rief aus dem Nebenzimmer. Wilhelmine eilte schnell zu ihm, kehrte indess sogleich zurück, um Luisen zu dem guten Onkel zu führen, der herzlich nach ihr verlangte.
Während das sorgsame Mädchen, teils um den
Kranken, teils in häuslichen Verrichtungen, auswärts beschäftigt war, sagte Luise dem Prediger, wie es sie überrascht habe, die alte Jugendfreundin so unerwartet zu finden, und wie sie sich freue, die liebreiche Pflegerin bei ihm zu wissen. Das fromme Herz! rief jener gerührt. Sie ringt so still mit dem grossen Leid, das an ihr nagt, und überfliegt es oft, indem sie sich unaufhörlich in die tätigste Wirksamkeit für Andre verliert. Sie drückt der Schmerz nicht; er hebt sie und zieht sie unwiderstehlich zu denen, die noch etwas vom Leben erwarten, und denen sie freudig ihr ganzes Dasein opfert, ja sie schilt sich, wenn ihr eigne Sorgen den Sinn verfinstern und sie nicht mit der ganzen, lebendigen Kraft ihre seelige Bestimmung verfolgt. Und das ist alles so lieb und natürlich und so klar empfunden. Ich wüsste nicht, fuhr er nach einer Weile mit erheitertem Blicke fort, ich wüsste nicht was ich auf Erden noch wünschen könnte, als in den Armen dieses Engels zu sterben. Wilhelmine trat hier, mit einem Blumentopf im Arm, herein, und ihn auf ein Tischchen neben dem Bette des Kranken setzend, sagte sie: die Veilchen hat mir Gärtners Riekchen so mühsam gezogen, und nun ist sie noch früher als die kleinen Blumen verblüht. Also doch gestorben? fragte der Prediger; Du hofftest gestern noch. Ja, sagte sie, die Augen waren so klar und sie kannte mich auch; aber das war auch das letzte Aufblitzen des kleinen Lichtchens. Die beiden andern Kleinen bringen mir eben den Blumentopf, und bitten mich um ein Krönchen für die Schwester. Das liebe Kind! Sie starb so fromm, und wusste recht eigen um ihren Tod und dachte an mich und an Albert, von dem ich ihr gesagt, dass er im Himmel auf uns warte! Das liebe, liebe Kind! Grosse Tropfen fielen aus Wilhelminens Augen. Sie wandte sich ab und ging still zur Tür, als der Onkel sie fragte, wo sie hin wolle. Zu den Kleinen, erwiderte sie, die warten auf mich, sie wollen die Krone mitnehmen; ich muss sie nur winden, die arme Mutter verlangt es nach dem letzten Schmuck ihres Kindes.
Wer ist Albert? fragte Luise, als Minchen sie verlassen hatte. Ein junger Arzt, erwiderte der Alte, dem das arme Mädchen verlobt war. Ihre stillen Gemüter schlossen sich während einer langen Krankheit, aus der der milde Freund Wilhelminens Mutter rettete, fest aneinander. Derselbe Zug durch die Bedürftigkeit und Sorgen des Lebens hin den einzelnen Freuden nachzugehen und die arme Menschenbrust augenblicklich von dem grossen Druck eines beengten Daseins zu erretten, führte sie zusammen, und machte ihre Verbindung zu der innerlichsten und heiligsten, als der Tod ihn wenig Tage vor der Hochzeit aus ihren Armen riss. Sie trug das herbe Geschick mit grosser Kraft, und ist seitdem nur noch fester und innerlicher geworden, da sie nun nichts mehr auf dieser Welt für sich hofft. Aber in dem Maasse, wie sie sich in sich selbst abschliesst, gibt sie sich Andren hin. Sie ermüdet nicht, jedem die Hand zu reichen, um ihn schnell durch die dunklen Gewinde irdischer Mühseligkeit durchzuhelfen, den klaren blick dabei auf ein höheres Ziel richtend, dem sie still entgegengeht, wie sehr sie auch Schmerz und sehnsucht oft beengen.
Der Alte redete noch lange so fort und erfrischte sich an dem reinen Stral des milden Gestirns, das den Abend seines Lebens erhellte, als Luise durch den sinkenden Tag an ihre Rückkehr erinnert ward. Wie sie zu Wilhelminen kam, fand sie diese mit dem Kranze beschäftigt. Die beiden Kinder standen vor ihr und spielten mit der kleinen Fahne von Zittergold, worauf eben Riekchens Nahme eingeschnitten war. Luise sah den blassgrünen Rossmarin in einander flechten, und drüber hin in den spitzen Blättern flokkige Purpurseide, wie den letzten Stral des sinkenden Abendrots spielen. Ach Minchen! rief sie bewegt, an ihre Brust sinkend, Todtenkronen und Brautkleider gehen durch Deine hände, Du umwindest Dir selbst den Pfeil, den Du so immer tiefer in die wunde Brust drückst.
Dies also, dachte sie im Gehen, ist nun aller Lohn und aller Genuss des Lebens? Schmerzenslust! Wonne unter blutigen Tränen! Wer sieht euer doppeltes Antlitz und bebt nicht vor seinem eignen Loose zurück! Ein lautes Geräusch weckte sie indess aus ihren Betrachtungen. Sie sah einen stattlichen Reisewagen an sich vorüber in ihren Hof fahren. Halb erfreut, halb verlegen, beflügelte sie die Schritte und trat fast zugleich mit zwei Damen in das Haus, in denen sie nicht ohne Erstaunen Augusten und Emilien erkannte Die Erstere ging ihr etwas feierlich entgegen, und sagte mit gehaltnem Ton, wie die kurze Bekanntschaft keinesweges ein so unerwartetes erscheinen rechtfertige wohl aber die innigste Teilnahme, die ein Band sei, welches über Zeit und Verhältnisse hinausreiche. Emilie hingegen sank ihr weinend in die arme und versicherte ihr liebkosend, dass sie so oft an sie gedacht und sich so