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O vermessne, höchst vermessne Viola! rief Luise, mit blutendem, gewaltsam bewegtem Herzen. Wie hast Du Dich an das Heiligste gewagt, und uns alle in Dein finstres los verstrickt! So nahe also, so ganz nahe lag mir mein Glück, und nun –! Ihr war, als hätten die Worte der Markise jene oft beweinten, immer noch lebendigen, Gefühle gerechtfertigt; ja sie sah sich als die frühere Verlobte Fernandos an, dem man sie absichtlich, widerrechtlich entrissen habe. Von da an wich jede stillere Ergebung, alle Süssigkeit sanfter, auflösender Schmerzen aus ihrer Seele. Verzweifelnd sträubte sie sich gegen die Hand des Schicksals, die fremde Gewalten vernichtend auf sie gelegt. Jener einzige blick in eine hellere Welt zog ihre Umgebungen so eng zusammen, dass sie oft schreiend aus der gepressten Brust atmete. Einzig beruhigte es sie, sich augenblicklich in die von der Markise flüchtig angedeuteten Verhältnisse zu versetzen. Die bange Zeit zurückdrängend, ging sie, ein glückliches Kind, spielend an Fernandos Hand, dem weiten Meer entlang, das so lockend und sehnsüchtig aus der Ferne herübersah. Leicht bewimpelte Fahrzeuge segelten vorüber, auf ihnen, Männer in fremder Tracht, oder leicht verschleierte Frauen. Von der Landseite beugten sich hohe Orangen zu ihnen herüber; Fernando wand sich behend den schlanken Stamm hinan und liess die glühenden Früchte in ihren Schoos fallen. Zwischen hin erschien die Markise, eine milde weibliche Gestalt, an deren Herzen beide ohne Schmerz und ohne Störung heranwuchsen und vereint die erweiterten Kreise einer geahndeten, unaussprechlich reizenden Welt betraten. Wie anders! rief sie dann, von der nackten, dürren Gegenwart aufgeschreckt, wie anders wär' es so gekommen! Und warum durft' es nicht so sein? – Sie konnte über die Frage nicht hinaus, und verhärtete und erbitterte ihr Gemüt gegen alles, was das Leben ihr noch Trostreiches geben konnte.

So umgewandelt, schroff und herbe, sich gegen das unvermeidliche Verhängniss auflehnend, sank ihr Innres immer mehr zusammen, ohne dass ein lebendes Wesen, ein vertrauliches Wort es erfrischend berührte. Die leichtgeknüpften, frühern Verbindungen hatte Julius Tod meist gelöst, entferntere Bekannte schwiegen, verlegen, wie sie ihre Teilnahme äussern sollten, ohne der störenden Missverhältnisse zu gedenken. Der alte Geistliche lag krank, schon seit Monaten mit eignen Leiden kämpfend. Luise hatte es immer verschoben, ihn zu besuchen, weil sie, wie so viele Unglückliche, von jedem Tage etwas Neues, Ungewöhnliches, erwartete und mit beruhigterm Gemüt an das stille Lager zu treten hoffte. Als aber alles blieb wie es war, und das Verlangen nach dem sanften Trost ihres alten Freundes sie einmal recht lebendig erfasste, machte sie sich auf den Weg, und trat durch das sauber geschnitzte, von dunkler Vinca umrankte Gitter des Pfarrhofes, als folgende Worte einer weiblichen stimme aus dem haus herüberklangen:

Weiss auf weissem Grund gewoben,

Blumen, seid so bleich und fremd,

Hab' zum Brautschmuck euch erhoben,

Webte ja kein Todtenhemd.

Ach, ihr blasset, bunte Seiden,

Von der kranken Hand berührt,

Die im Spiel die eignen Leiden

Mühsam so herauf geführt.

Tau'ge Perlen, senkt euch nieder

Auf das luftige Gewand;

Schlingt euch um die Blumen wieder

In ein helles Tränenband.

Luise war indess hineingegangen, und öffnete, da die stimme schwieg, die Tür der Wohnstube, in deren grund ein schönes, bleiches Mädchen an einem Stickrahmen sass, und, überrascht durch ihr erscheinen, von der Arbeit aufsah. Luise erkannte auf den ersten blick eine frühere Gespielin, des Predigers Nichte, die vor mehrern Jahren sein Haus verlassen hatte, und jetzt, Luisen unbewusst, darin zurückgekehrt war. Willkommen, liebes Minchen! rief sie, von allen lieben Erinnrungen der Kindheit durchbebt, wie finde ich Sie so unerwartet hier? Sie kennen mich also dennoch wieder? fragte jene wehmütig lächelnd. Wie sollte ich nicht, fiel Luise schnell ein; mir ist in diesem Augenblick, als sei noch alles wie sonst! wenn ich so kam und Sie abholte, und wir die ersten Veilchen auf dem Kirchhofe suchten. Ich werde das nie vergessen! Ich sehe noch die kleinen Kränze, die wir dann an die Linden über die Kirchmauer hingen, und uns freueten, wenn sie nach mehrern Tagen noch frisch und duftend im Winde spielten. Beide wandten sich unwillkührlich nach dem Fenster, der Mauer gegenüber. Die alte Linde streckte ihre nackten Zweige in den kalten Winter hinaus, weisser Reif überzog sie und hing in starken Tropfen herunter. Wie in einem Spiegel den trüben Wechsel ihres eignen Lebens erkennend, senkten Beide die Blicke zur Erde. Sie hatten eine Schwester, hub Luise endlich wieder an, ein schönes, frohes Kind. Sie ist recht freudig herangewachsen, entgegnete Wilhelmine, und feiert in Kurzem ihr Hochzeitfest. Ich sticke eben jetzt das Brautkleid. Also nicht das Ihre? fragte Luise. Ein leises nein, o nein! bebte auf Wilhelminens Lippen. Sie war zum Rahmen getreten, und rollte in grosser Bewegung den feinen Musselin auseinander, um Luisen die Arbeit zu zeigen. Die weissen, leicht hingeworfnen Blumen riefen dieser die trüben Worte des Liedes zurück. Es ist wohl recht mühsam? fragte sie, ihre Erschütterung zu verbergen. Gar nicht, erwiderte Minchen, wieder gefasst und freundlich. Ich kann nur bei Tage so wenig dabei bleiben; ich muss dem Onkel fast immer vorlesen, wenn er nicht schläft, wie jetzt, daher arbeite ich meist des Nachts. Des Nachts?