aus den menschenleeren, unbewohnten Zimmern entge entrat, die man sorglich bis zu ihrer Rückkehr verschlossen hatte. Ihr war, als öffne sich ein gefängnis, wie sich der Schlüssel drehte und die verhaltne Luft aus der geöffneten Tür drang. So jung und so früh beendet, dachte sie, und sah betrübt im nahen Spiegel die blühende Gestalt, die in aller Frische der Jugend Anforderungen an ein freudigeres Dasein machte. Fernandos Worte drangen aus dem grund ihres Herzens herauf, und schienen eine Entsagung zu verspotten, der Schmerz und Reue folgten. Wehmütig gedachte sie der vorüberrauschenden Klänge der Citer. Hier war alles stumm und tot. Nur die trägen Schritte ihrer müssigen Diener unterbrachen die tiefe Stille um sie her.
Wochenlang schleppte sie dies beengte, dumpfe, Leben mühsam mit sich fort, als ein schöner Herbsttag mit seinen sinkenden Nebeln und der hell hervorbrechenden Sonne sie unwillkürlich in's Freie lockte. Ein klarer Luftstrom zog erfrischend durch das gepresste Herz. Sie blickte um sich. Jenseits des Sees rollten sich die Dünste wie fallende Schleier zusammen, und zeigten ihr ein schönes, sonst so oft besuchtes Birkenwäldchen, das heute mit seinem goldgelben herbstlichen Schmuck fast fremd wie ein unbekanntes Eiland vor ihr lag. Sie ging den See entlang und trat in eine Fähre, die, durch ein Seil regiert, in das Wäldchen führte. Von dem ruhigen Wasserspiegel getragen, ward ihr leichter; die trübe Welt schien von ihr abgeschnitten, die kleinen kreisenden Wellen führten sie spielend in eine neue Heimat. So betrat sie das Ufer, und ging zwischen den Bäumen hin, der Landstrasse zu, die hier vorüberführte. Ein lauer Wind trug vom nahen dorf einzelne Töne eines Kirchenliedes zu ihr her. Sie erinnerte sich, dass es Sonntag und die Gemeine um den frommen Greis versammelt sei. Eine Liebe, dachte sie, wehet durch diese Stimmen. O mein Gott, du bist so gross und gut, du sänftigst in einem Augenblick alle Schmerzen einer trüben, langen Woche! lass deinen Frieden auch über mich kommen. Da raschelte etwas neben ihr in den welken Blättern. Ein Reisender wollte vorübergehen. Georg! rief Luise, ihn erkennend, Georg! wie finde ich Dich hier? Der Alte stand alsobald mit einem Briefe vor ihr, und reichte ihr denselben, ohne ein Wort zu sagen. Schnell das Siegel erbrechend, las Luise Folgendes:
"Liebe Luise! Ich versprach Dir bei Deinem Hiersein, bald diese Gegend zu verlassen. Ich halte schneller Wort, als ich es damals glaubte. In wenig Stunden trete ich eine lange, weite, Reise an. Mir ist wohl und wehe, nun es so weit kommt. Ach wir werden uns wohl so bald nicht wiedersehn! Lebe denn wohl, meine Luise! Lebe wohl, mein höchstes Glück auf Erden."
Wie denn, Georg, sagte Luise, und er blieb zurück? Der Alte senkte weinend die Augen zur Erde. Wollte er mich doch nicht mitnehmen, stammelte er leise. Ging er denn so weit von uns? fragte Luise. Ach ja! ach ja! wimmerte Georg, weit hin! – wohin ihn die zunehmende Krankheit zeiter unablässig rief, in den Tod! der hat ihn nun gefasst! O mein Gott! seufzte Luise. Beide konnten lange nicht reden. Schweigend wankten sie neben einander an das Ufer hin, und traten in die Fähre, ohne recht zu wissen, was sie taten. über das wasser hin klangen die Töne aus der Kirche immer vernehmlicher. Georg faltete andächtig die hände, und während Luise im dumpfen Schmerz das schlaffe Seil des Fahrzeugs aufrollte, begleitete er die fernen Stimmen folgendermassen:
Noch schauen wir im dunklen Wort;
Noch reisst uns mancher Irrtum fort,
Und unser wankender Verstand
Hat abgewandt
Von Gott, oft Gottes Rat verkannt.
Zweites Buch
Ein Band nach dem andren hatte sich jetzt von Luisens Herzen gelöst. Die ausgestorbne Welt lag wie ein öder Kirchhof um sie her, in dessen kaltem Grabeshauch sie wie eine einsame Blume traurig hin und her schwankte. Ohne Liebe, ohne Hoffnung barg das Leben nichts mehr von allem, was allein Leben gibt. Jedes geheimnis der innersten Seele schien ausgesprochen, jede Frage beantwortet, alles an seinem Ziel zu sein. Was sie tat und was sie dachte, kehrte beziehungslos in sie selbst zurück, und drängte das Bild ihres verwaisten Daseins immer peinigender vor sie hin. Dazu verscheuchte der hereinbrechende Winter noch die letzten Spuren lebendiger Regsamkeit. Ueberall, überall war nichts als der Tod. Die einsamen Abende, die ewig langen Nächte, wanden sich drückend an der beklommnen Luise hin, die alles, bis auf die Träume, floh. Als lege sich der schwarze Saum der Nacht auf ihre Brust, so sah sie den Tag sinken und versank mit in die gestaltlose Dunkelheit.
Aber wie auch Wünsche und Erwartungen welken, so dass sie wie dürre Halme höhnend auf den entschwundnen Frühling hinweisen, so regt sich dennoch tief an ihrer Wurzel die ewige sehnsucht, die erst leise, dann immer mächtiger sich dehnend, das Innre plötzlich mit solcher Gewalt erfasst, dass sich's, auf's neue aus sich herausgedrängt, mit schmerzlichem Verlangen in die bunte Welt stürzt und das ungekannte Gut an sich reissen möchte. Luise konnte sich tausendmal sagen, es ist vorbei, es ist alles vorbei! so ergriff sie dabei eine Angst und eine Ungeduld, die zerstörend mit der gänzlichen Trostlosigkeit und dem Druck ihrer Lage stritt. Unwillkührlich sann sie auf Rettung, mass