die Gräfin sogleich eure Verbindung. Dieser Gedanke beschäftigte sie angenehm und liess sie den Verlust eigner Glückseligkeit weniger empfinden. Wie sie alles an sich zog, was sie gewinnen wollte, so hingst auch Du mit solcher Liebe an ihr, dass Du nie von ihrem Arm fortzulocken warst, und jener Augenblick, der noch in Deiner Erinnrung lebt, war einer von den vielen, wo sie Deine Aufmerksamkeit durch Gesang und Erzählung fesselte, ohnerachtet noch kein festes Bild in dir haften konnte. So verfloss uns die Zeit in Hoffnung und Glauben an eine heitre Zukunft unsrer Kinder, als ich bei der Gräfin ein trübes Nachdenken wahrnahm, das sie häufig von allem Aeussern abzog. Sie verschloss sich Stundenlang in ihr Kabinet und ging öfter als gewöhnlich zur Messe ins benachbarte Kloster. Einst begleiteten ihr Gemahl und ich sie dortin. Auf dem Wege sprachen wir über die seltsame Lage des Gebäudes, das in sumpfigem grund, von Klippen umgeben, recht wider Gewohnheit der Klöster, öde dasteht. Darüber, sagte der Graf, gibt die geschichte meines Hauses völligen Aufschluss, und wenn auch der dumpfe Glaube meines Ahnherrn manches Wunderbare hinzusetzte, so liegt doch eine zuverlässige Wahrheit zum grund. Wir drangen in ihn, uns das Nähere mitzuteilen. Frauen, erwiderte er lächelnd, lieben alles, was sie aus dem eintönigen Gange ihrer Bestimmung hinauszieht, und staunen mit offnen Sinnen an, was diese beweglichen Sinne ungewohnt anregt, vorzüglich hat Sie, liebe Matilde, ihr abgeschlossnes Leben noch begieriger auf dergleichen gemacht, und darum hören Sie nur.
Vor mehrern hundert Jahren herrschte eine Frau von Falkenstein über diese Gegend, die, wie die Sage erzählt, in geheimer Verbindung mit den Geistern des Waldes stand. Durch diese wusste sie, dass ihre Söhne einander nach dem Leben trachten und Unheil über ihr Geschlecht bringen würden. Sie beschloss daher, zu Gunsten des Einen den Andern bald nach seiner Geburt aufzuopfern, und liess ihn zwischen diesen Klippen, die damals ein reissender Bach durchzog, aussetzen. Der Aeltere wuchs nun ungestört heran, ward tapfer und fromm, weshalb er auch eine Reise nach dem heiligen land unternahm. Die Mutter verwaltete während dem die Geschäfte, und erwartete ungeduldig seine Rückkehr; allein nach zwei langen Jahren kamen seine Begleiter ohne ihn zurück und meldeten seinen Tod. Die Frau vom Falkenstein sah nun alle ihre Erwartungen vereitelt, entzweite sich mit der Welt und ihren verbündeten Geistern und beschloss keinen Fuss aus ihrer Burg zu setzen, weshalb auch nach und nach Sand und Steine die Zugänge bedeckten. Da trat einst ein Bettler in ihren Hof, und bat sie dringend um die erlaubnis, den Schutt von ihrer Schwelle wegräumen zu dürfen. Sie gestattete das, ohne sich um die ursache einer so seltsamen Bitte zu bekümmern. Nicht lange darauf kam der Bettler voller Freuden zu ihr hin, zeigte ein breites, schönes Schwerdt, das er unter dem Schutte gefunden hatte und welches er für das seine erklärte, wobei er eilend hinzusetzte, dass er, in der Wildniss aufgewachsen, endlich in eine Schmiede geraten sei und dies Gewerbe mit Lust gelernt und getrieben habe. Nun sei vor kurzem ein kleiner, grauer Mann auf einem weisslichen Pferde gekommen, welches er habe beschlagen lassen. Während der Arbeit habe er ihm einen goldnen Siegelring gegeben und gesagt: er solle das dazu gehörige Schwerdt, welches am Knopf ein ähnliches Zeichen führe, sorgfältig unter Trümmern und Steinen alter Vesten suchen, und müsse er auch Jahrelang als Bettler umherwandern; beides gehöre seinem Vater, und werde ihm zu hohen Ehren bringen. Die beglückte Mutter erkannte sogleich die Waffen ihres Gemahls, und den Bettler für den einst freventlich geopferten Sohn, den sie unter besonderm Schutz der Geister wähnte und ihn mit erhöhtem Glauben in seine Würden einsetzte. Sie beschloss sogleich, hier am rand des Baches eine Kapelle zu erbauen, und ging oft mit ihrem Sohn dahin, der Arbeit zuzusehen. Da kam eines Tages derselbe kleine Mann im Gefolge eines schwarzen Ritters auf sie zu, indem er neckend sagte, jetzt sei es Zeit, das gefundne Schwerdt zu brauchen, worauf er sich schnell wieder zwischen den Klippen verlor. Der schwarze Ritter aber rief der erschrocknen Frau zu, warum sie es dulde, dass ein Fremdling in seinem Eigentum herrsche, und ob sie so seine Rückkehr zu feiern gedächte? Ohne eine Erklärung zu erwarten, fielen sich nun die Brüder in wildem Grimm an und stürzten bald darauf sterbend nieder. Der Bach stockte den Augenblick, nur die Erde blieb feucht von dem Blute der Erschlagnen.
Der Graf lachte hier laut über mein ängstliches Aussehen, da ich wirklich unwillkührlich zusammen fuhr, wie wir über den nassen schlüpfrigen Boden hingingen. Das Abenteuerliche der geschichte abgerechnet, fuhr er fort, ist es wahr, dass sich hier zwei Brüder erschlugen, und dass die Mutter auf derselben Stelle das Kloster errichten liess, weshalb ihr steinernes Bild noch darin aufbewahrt ist. Jesus! rief Viola, und ich sah sie bleich und zitternd an des Grafen Brust sinken. – Mein Gemüt war so ergriffen von den eben empfangenen Eindrücken, dass ich überall ähnliche Schrecken sah und ganz trostlos rief: sie stirbt, sie stirbt! Der Graf, durch nichts erschüttert, trug Viola zu einer Anhöhe, die eine freie Aussicht in das Feld eröffnete, aus welchem uns die Luft rein und erfrischend entgegen wehete. Hier erholte sich die Gräfin bald genug, um über einen Zufall zu lächeln, der, wie sie sagte, leicht hätte glauben lassen, jene mährchenhafte Sage könne solche