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, dass ihm ein Fremder auf den Fuss folge, der sich im wald verirrt habe und hier den Aufgang des Mondes abwarten wolle. Er zündete dabei eine kleine Handlaterne an, und machte sich bereit, wieder hinaus zu gehen, um, wie er sagte, den Leuten und Pferden des Reisenden ein Obdach im nächsten Holzschuppen zu suchen, derweil die Frau für das Abendessen sorgen solle.

Luise fürchtete auf irgend einen Bekannten zu stossen, und bereuete sehr, nicht nach Ballenstädt gefahren zu sein, wo sie im Gastofe ein einsames Zimmer finden konnte. Sie trat daher zu Marianen, dieser ihre Besorgnisse mitzuteilen, während ihre Wirtin draussen beschäftigt war. Von dem altväterlichen, weit hervorspringenden Schrank verdeckt, redeten Beide mit einander, als die Tür aufging, und der angekündigte Gast, im dunklen, weiten Reisemantel und mit heruntergeschlagnem hut, eintrat. Ei, sieh da! rief er, zum Bergmann tretend, alter Gesell, treff' ich Dich hier? Wie steht's mit dem Golde, ist es bald heraufbeschworen? Die Sünde, sagte dieser, hat das Gold verflucht; Ihr müsst Euch erst entsündigen, ehe ich den Schatz hebe! Da wird's Weile haben! rief jener lachend, und warf Mantel und Hut auf den nächsten Sessel. Herr Gott im Himmel! schrie Luise, die beim ersten Ton der fremden stimme bebte, und jetzt mit Entsetzen Fernando vor sich sah. Dieser wandte sich betroffen zu ihr. Von dem eignen Geschick ergriffen, welches ihn unwillkürlich zu dem trieb, was er vermeiden wollte, blieb er eine Zeit lang unbeweglich vor ihr stehen, dennoch aber, sich bald darauf fassend, sagte er mit unsichrer stimme, welche die innre Bewegung seines Gemütes verriet: Sie sehen, schöne Luise, wir können einander nicht entfliehn. Da sei Gott vor! rief sie heftig, indem sie eine Bewegung machte, als wolle sie den frechen Ausspruch Lügen strafen. Wo wollen Sie hin? fragte Fernando schmeichelnd. In der Dunkelheit können Sie unmöglich weiter reisen. Luise erinnerte sich, dass sie den Postillon fortgeschickt, und sich, unbewusst, die schmerzlichste Verlegenheit bereitet hatte. Wie gebannt stand sie nun in dem engen Stübchen, von der erwachenden Liebe und allen Schrecknissen ihrer Lage hin und her geworfen. Vor ihr Fernando mit der süssen, lockenden Gestalt, daneben der wahnsinnige Alte, der, mit geschlossnen Augen, wie im Traume, seltsame Töne auf der Citer anschlug. Ihre Sinne schwankten verworren umher. Lassen Sie mich! lassen Sie mich! rief sie wiederholt, als solle Fernando sie frei geben. Luise, sagte dieser sehr ernst, ich fühle was Sie sich, was Sie der Welt schuldig sind, sein Sie versichert, ich fühle das. An mir ist es zu gehen. Ich zögre auch nicht, so bald Sie's wollen. Nur hören Sie mich zuvor einen Augenblick. Er führte sie zu einer kleinen Bank im nächsten Fenster, und sich behend auf den Rand derselben zu ihr setzend, fuhr er leiser fort: missverstehn Sie sich nicht, liebe Luise, Sie sind aufgeschreckt, in sich zerrissen, unsicher, Sie wollen mir, sich selbst entfliehn! geben Sie Acht, dass Sie sich nicht ganz elend machen. Glauben Sie mir, Ihr Streben ist fruchtlos, Sie reissen sich nicht von mir los. Das ist das Vorrecht reiner Seelen, dass sie nur ein Bild in dem klaren Spiegel ihres Innren dulden können und es für alle Zeit darin bewahren. Das ist so wahr, dass Sie jetzt, jetzt, wo Sie mich zu hassen meinen, dennoch einer zärtlichern Regung nicht Herr werden können, die aus Ihren Blicken, ja aus dem süssen Zittern Ihres ganzen Wesens, spricht. Sie erschrecken; aber ich muss es dennoch sagen, liebe Luise: wir können nicht anders, wir müssen einander ewig lieben. Luise wollte hier aufstehn; allein er hielt sie bittend zurück. hören Sie mich aus, sagte er; ich gehe, so gewiss ich Sie liebe, wenn Sie es dann noch wollen. Wir sind nicht umsonst durch tausend schmerzhafte und herbe Aufopferungen verbunden, um uns, wie zwei feindliche Kräfte, zu fliehen, die, nach zufälliger Berührung, in ihrem Grimm auseinander sprengen. Sagen Sie selbst, ist in Ihrem Herzen wohl ein recht wahres Gefühl, das mich verdammt? Was ist denn auch so Unerhörtes geschehn, das den Fluch des himmels herabzöge! Die natur ist mächtiger als alle menschliche Weisheit, daher verspottet sie jene kränkliche Verträge, die man ein Band der Gesellschaft nennt. Meine Luise, sei stärker als die Zeit in der Du lebst; gestehe Dir's nur, Du gehörst mir, mir, keinem Andern! O wie viel Jammer hätte uns meine Mutter erspart, wenn sie, die Formen verachtend, freier, ja freimütiger handelte. Sieh, was davon herkommt, geselligen Verträgen zu Lieb, sich selbst und die Wahrheit seiner Gefühle aufzuopfern! Schone sie, schmeichle Du ihnen jetzt immerhin, Du bist doch mit ihnen zerfallen. Die Welt verdammt Dich, Julius ist für Dich tot. Luise schauderte schmerzlich zusammen, ein tiefer Seufzer drang aus ihrer Brust; sie fühlte es wohl, sie war verloren. Wie eine abgerissne Blüte hing sie in der frechen Hand, die sie um alle Hoffnungen des Lebens betrog. Unfähig, zu reden, lehnte sie den Kopf abwärts an das kleine Fenster, und die Stirn fest an die kalten Scheiben drückend, starrte sie