Luise war es zufrieden, indem sie des andern Tages Pferde aus Ballenstädt bekommen konnte. Auf das Geräusch war die Frau aus dem haus getreten. Sie erkannte nicht sobald Luisen, als sie freudig aufschrie und sie liebkosend in das bekannte kleine Stübchen führte.
Luise ward im Hereintreten seltsam von einer Gestalt ergriffen, die ihr das helle Kaminfeuer in unsichrem, flackernden Lichte zeigte. Es war ein alter, sehr bleicher Bergmann, der, der Flamme gegenüber, eine Citer im Arm, mit geschlossnen Augen, fast regungslos da sass. Zu seinen Füssen spielte die kleine Marie, die, in die Händchen klopfend, wiederholt rief: mehr, mehr singen! worauf der Alte die saiten rührte, und, die erstorbnen Lippen öffnend, folgende Worte sang:
Im Tannenschatten ganz allein
Den Berg hinan auf öden Wegen,
Wenn Sterne sehe'n zum Wald herein,
Zu Hauf' in Wolken zeucht der Regen,
Da mag ich doch zum liebsten sein.
Ich klopf' an' Berg, ich sag' ein Wort
Davor sich's regt in seinem Herzen.
Mein Bub' erwacht am dunklen Ort
Und ruft nach mir, und will mich herzen,
Nur will die Steinwand noch nicht fort.
Musst fort zuletzt, du Stein, so hart;
Mein Spruch kann härtre Ding' erweichen.
Horch! wie der Bub' schon drinnen scharrt.
Er wird den seltnen Schatz mir reichen,
Der ihm im Berg' zu Teile ward.
Ich weiss den Schatz, ich nenn' ihn nicht,
Er ist ein Gold ohn' alle Schlacken,
Und kenntet ihr sein süsses Licht,
Ihr leute', ihr kämt mit Spat' und Hacken,
Und fändet doch den Holden nicht.
Ihn kann aus seinem finstren Grab
Nur ein sündlos geschöpf erwecken,
Drum fuhr mein frommer Bub' hinab.
Im Anfang tät's mich doch erschrecken,
Nun schüttl' ich alles Bangen ab.
Die Frau hatte indess, das Lied wenig beachtend, Stühle herbei geschoben, abgewischt und Luisen wiederholt zum Sitzen genötigt, als diese sie unter innrem Schauern fragte, wer der wunderliche Alte sei. Es ist der wahnsinnige Claus, erwiderte diese leise. Sollten Sie den nicht auf dem Falkenstein gesehen haben? Er ist des alten Georgs Bruder, und streift überall umher. Ostern werden es vier Jahr, da verlor er sein einzig Kind, einen bildschönen Buben von funfzehn Jahren, der im Schacht verschüttet ward. Seitdem ist er irre geworden. Zu Anfang sass er Nacht und Tag auf der Felswand und pochte an, und hoffte, der Knabe solle ihm antworten. Damals mocht' er wohl das Lied zuerst singen, was er zeiter gehend und stehend hören lässt. Nun geht er nur ab und zu nach dem Berge, wo das Unglück geschah. Er sagt, es sei noch nicht an der Zeit. O er spricht Ihnen so vernünftig darüber, dass man wirklich denken sollte, es wäre alles so, wie's ihm vorkommt. Er tut keinem Menschen etwas. Zur Winterzeit kommt er zu den Leuten in die Häuser; da hängen sich die Kinder ordentlich an ihn, und keines sagt ihm ein Leidwort. Da oben hinauf, im Gebürge, erzählen sie, er sei von je absonderlich gewesen, und habe wunderliche Dinge gesprochen von dem was unter der Erde vorgeht.
Marie war indess an den Alten hinangeklettert, und strich mit ihren kleinen Fingern die saiten der Citer. Du! sagt' er ernst, schweig' jetzt, hörst Du nicht wie's im Feuer klingt? Ei, lasst's klingen, sagte die Frau, indem sie das Kind von seinen Knieen hob, und rückt Euch da ein Bischen von der Seite, damit die gnäd'ge Frau auch Platz finde. Der Alte sah sie finster an. Ihr sprecht, wie Ihr's versteht, sagte er; die Elemente reden seltsamlich mit einander, und geben Kunde von dem, was hier und dort vorgeht. Hat sie doch der alte Schlund geboren, der nun ächzt und stöhnt nach den rebellischen Kindern. Die kreisen derweil, und formiren in den Lüften und üben Gewalt über die Creatur, die sie nicht mehr versteht und ihrer nicht Herr werden kann. Dann aber hat Gott Erbarmen und sendet seine Engel, die wilde Brut mit dem alten Geist zu versöhnen, damit Friede werde im Himmel wie auf Erden. Mein Knab' war einer von diesen, er musste hinunter in die Tiefe, und wenn er wiederkehrt, bringt er zum Unterpfand den reichen Schatz an's Tageslicht. Mein Knab' war schön wie die Engel sind, er verstand die Sprache der Tiere und jeden laut in der natur. Er hat mir's seitdem zu Nachts gelehrt, dass ich nun weiss was kommen wird, und ruhig bin. Des Alten Blicke leuchteten, während er sprach, er hob sich immer mehr und mehr, so dass er gerade und feierlich da sass, als er mit gehobner stimme sagte: vernehmt Ihr des Windes Rauschen und das Schwirren der Vögel, die langsam durch den Wald hinziehn? Dazu bricht sich die Flamme in wunderlichen Farben und zischt wie der alten Schlange Ruf. Es nahet irgend ein sündbeladnes Haupt, und drüber hin zieht der Tod.
Luisen fasste ein entsetzliches Grausen. Mariane war schon längst hinter einen grossen Schrank geflüchtet und verhüllte auge' und Ohren. Da trat Anton herein; die Anwesenden flüchtig grüssend, wandte er sich zu seiner Frau, und sagte ihr