tat es ungern, indess bin ich belohnt worden. Es ist ein ganz scharmanter Mann, von überaus feiner Bildung, sehr zuvorkommend, und dabei von vielen und grossen Kenntnissen. Er sagte dies Letztre teils aus überzeugung, teils um Luisen, die er durch frühere Aeusserungen verletzt glaubte, wieder zu versohnen, wobei er gutmütig verschlagen lächelte, der frühern schmerzlichen Rückblicke und sorgenvollen Aeusserungen uneingedenk. Als aber Luise ernst vor sich hinblickte, wechselte er auch schnell Ton und Mienen; wie aus einem augenblicklichen Vergessen aufgeschreckt und zutraulich ihre Hand fassend, sagte er: Gott stärke Sie. Ihre Gesundheit beunruhigt mich weiter nicht. Sie sind jung, fest, die natur beruhigt, das hat nichts auf sich; aber, aber –! Nun leben Sie wohl! Er blieb noch einmal vor Julius Bild stehen und ging dann mit den Worten: es ist doch Schade, sehr Schade! aus dem Zimmer.
Luise blieb von da an still und in sich gekehrt, wie jemand, auf dem das Leben gewaltsam lastet und der im inneren keinen Ausweg zu finden weiss. Sie sah, sie sprach Niemand. Viele Tage vergingen ihr so, ohne dass sie den Mut hatte, ihr Zimmer zu verlassen. Die Welt, ja die äussre lebendige natur schien ihr fremd geworden, sie gehörte nicht mehr zu ihr, sie hatte sie ausgestossen um der Frevel jener sinnverwirrenden leidenschaft willen. An ihre Mutter konnte sie nur mit Bangigkeit denken, und nichts hätte sie vermocht, den Fuss in das stille Wäldchen zu setzen, das ihr Grab beschattete. Der Prediger kam wohl von Zeit zu Zeit zu ihr und brachte ihr Blumen, die er mit vieler Liebe aufzog; allein er setzte sie schweigend an ihr Fenster, und ging, ohne ihr düstres Sinnen zu unterbrechen. Einmal indess, als sie ihm die Hand reichte und ihn mit dankbarem blick begrüsste, sagte er: es arbeitet recht schwer in Ihrer Seele, ob durch Gottes oder fremde Macht, das muss sich zeigen, ich will's indess nicht stören, da ich weder etwas nehmen noch geben kann. Doch lassen Sie es bald Tag in sich werden.
Noch am nemlichen Tage rief Luise Marianen zu sich. Ich muss ihn sehen, sagte sie, ich kann nicht eher ruhig sein, darum wollen wir fort, morgen oder heute noch – aber ganz in der Stille; hörst Du? Wohin denn? fragte Mariane zagend. Wohin? wiederholte Luise; kannst Du fragen? nach dem Falkensteine. Mariane schlug freudig in die hände. Gottlob! rief sie, Gottlob! nun wird alles wieder wie zuvor, nun gehen die schönen Tage wieder an, das wird ein jubel sein! Die schönen Tage? sagte Luise wehmütig; ach, armes Kind, die sind längst untergegangen. Ich will nur noch einmal beten, damit ich ruhig die Augen schliessen möge. Liebe Mariane, wie könnte ich sterben, wenn ich mich nicht zuvor in Julius Armen mit Gott versöhnte! Doch, Mariane, Niemand darf wissen, wohin wir gehen. Nenne meinen Leuten den ersten, besten Ort; sage, Geschäfte zwängen mich zu einer Reise. In der nächsten Station nehme ich Postpferde; kein Mensch weiss dann, auf welchem Wege wir sind.
Mariane war so voll Hoffnung, dass sie alles schnell betrieb, und sie nach wenigen Stunden schon im Wagen sassen. Bei den trüben herbstlichen Tagen und schlechten Wegen konnten sie indess nur langsam reisen. Luisens Herz klopfte voll banger Ungeduld. Oft beugte sie sich zum Schlage hinaus und maass mit unruhigen Blicken den Raum, der sie noch vom Ziele ihrer Reise trennte. Am Abend des folgenden Tages kamen sie endlich in die Nähe vom Falkenstein. Als Luise die Türme der alten Burg erblickte, liess sie halten. Den übrigen Weg wollte sie zu Fuss zurücklegen, deshalb stieg sie, von Marianen begleitet, aus, und befahl dem Postillon, sie zu erwarten. Wie sie ging, rauschten die Wipfel der alten Tannen in wunderlich gebrochnen Tönen; ein feuchter Wind blies ihr unbehaglich entgegen und jagte das Gewölk über einzelne hervorblickende Sterne, so dass es oft ganz dunkel um sie her ward und die zagende Mariane nichts als den Schleier ihrer Gebieterin sah, der, vom Winde gehoben, Luisens Gestalt umspielend, wie eine weisse Wolke vor ihr hin zog.
Als sie in den Schlosshof traten, leuchteten ihnen einzelne Lichte matt aus dem obern Stockwerk entgegen. Das weite Portal stand offen, die Torflügel schlugen knarrend im Winde hin und her, kein lebendiges Wesen begegnete ihnen. Einen Augenblick blieb Luise am Eingang stehen, dann aber eilte sie durch die langen Gänge hin in eine Gallerie zunächst an Julius Zimmer, welches, den inneren Raum eines der Schlosstürme einnehmend, so weit von Aussen hervorsprang, dass man von der Gallerie zu den Fenstern hinein in das Innre desselben sehen konnte. Luisens erster blick traf den bleichen Julius, zusammengesunken, in einem Armsessel sitzend, den Kopf in die Hand gestützt, während die andre matt zu dem kleinen Hunde hinabhing, der neben ihm auf einem niedren Tabouret lag, und von Zeit zu Zeit liebkosend an ihm aufblickte. Nach einer Weile fuhr Julius wie aus einem Traume auf. Er stand auf, schwankte zum Clavier, auf welchem er einzelne tiefe Akkorde anschlug, deren bebende Töne Luisen zu rufen schienen. Ohne weiteres Besinnen öffnete sie in dem Augenblick die Tür und sank sprachlos vor Julius nieder. Ach Luise, meine Luise! rief dieser in der heftigsten Erschüttrung.