ich fliehen, an welche treue Brust ich mich verbergen könnte. Julius geht so still, so ruhig neben mir hin. Mein Julius – ach Gott bewahre mich vor dem Frevel, Dein reines Herz mit diesem Misston zu verletzen! Die Baronin drängt sich wohl an mich, aber sie weiss nicht was sie tut. Ein Spiel, mein Kind, sagte sie diesen Morgen, ein freches Spiel treibt er mit ihnen. O fühlt sie's nicht, wie das die wunde Seele vollends zerreisst! Soll ich denn mit Gewalt verachten, was ich mit unsäglicher Qual u n d Verzweiflung liebe?
Es ist geschehen! Der Schleier ist zerrissen! Das innre Gift und meine Tränen nagten unaufhörlich an dem luftigen Gewebe. Was es verdeckte, liegt nun offen dar. Es ist laut geworden ihm und mir, was tief in Nacht das Licht scheuete. Was ist die Kraft, was der Stolz edler Naturen, wenn fremde Mächte so mit uns spielen! In sein Herz legte ich alle meine Sorgen nieder! Mir war so wohl, so unaussprechlich wohl. Der Friede lachte mir nach langem Streit. Ich war mit allem ausgesöhnt, ich scheuete Niemand, auch Julius nicht. Ach, ich hätte ihn umfangen und mit voller Wahrheit an meine Brust drücken mögen! Kann der Himmel auch die Hölle bergen? Um ein paar vorüberfliegende Sonnenblicke zu erhaschen, gab ich Ruhe und Glück, ja das Leben selbst hin. Denn ist das ein Leben zu nennen, was unaufhörlich das Leben zerreisst? Wie Grabesnacht sehen mich meine Umgebungen an, und drüber hinaus zieht es wie ein buntes Spiel, das nicht zu mir gehört. O Erinnrungen, könnte ich euch ersticken, dass ihr nicht mit euren Zauberklängen die Sinne wach erhieltet! Aber immer, immer werde ich die stimme hören, die bald schmeichelnd, bald drohend mein Ohr berührte. Sie riss mich fort; ich musste folgen! Ich muss auch jetzt – O Julius, Julius! das herbste Gift ward Dir durch mich bereitet. Jetzt musst Du alles wissen, das ist das härteste von allem, ich darf Dich nicht mehr schonen. Ach schonungslos zerriss ich ja Dich wie mich! –"
Luise legte das Blatt still vor sich hin. Das also, dachte sie, hat Julius gelesen; so unverstellt lag die Wahrheit da, dass ihm kein Zweifel, ach nicht eine arme Hoffnung übrig blieb. Was kann ich ihm jetzt noch sagen, als dass wir Beide untergehn und einer wie der Andre das Leben beweinen müssen!
Sie blieb lange Zeit nachdenkend, als Carl auf's neue zu ihr hereintrat und sie ungeduldig fragte, ob sie geschrieben habe und ihn nun mit ihren Befehlen beehren wolle, da er im Begriff sei, abzureisen. Grüssen Sie Julius, lieber Carl, erwiderte sie verlegen, sagen Sie ihm, wie Sie mich gefunden haben; ich kann heute nicht schreiben, mir ist alles noch so verworren, ich brauche Zeit. Also nicht? unterbrach sie Carl; das ist Schade! Ich habe mich so gefreut! Und Julius weiss nun nichts von Ihnen; denn was soll ich ihm sagen, als dass Sie betrübt sind und nicht schreiben mögen? Guter Mensch, erwiderte Luise, ihm dankbar die Hand reichend, Julius weiss wohl mehr von mir, als Sie und ich ihm sagen können. Aber beruhigen Sie sich, er soll dennoch bald von mir hören, recht bald. Gewiss? fragte Carl. Gewiss, sagte sie, worauf er sich voll neuer Hoffnungen von ihr trennte.
Am andern Morgen sprach Luise noch einige Augenblicke den Doktor, der, ohne sie nach ihrem Wohlsein zu fragen, viel von der eignen Schlaflosigkeit und den beunruhigenden Gedanken erzählte, die er seit den traurigen begebenheiten nicht los werden könne. Und wie er sich unaufhörlich der verstorbenen Mutter erinnere, die, nur in der Zukunft lebend, alles so wohl darin begründet glaubte, dass sie ohne Sorgen diese Welt verliess. Luise drängte ihn über diese Betrachtungen mit der Bitte hinaus, ihr oft und bald Nachricht von Julius zu geben. Er zuckte bei diesen Worten unsicher die Schultern, und meinte, darüber lasse sich jetzt noch nichts Bestimmtes sagen, die natur sei noch in der Arbeit, sie müsse erst selbst den Weg angeben, wo man ihr näher treten könne. Indess zog er aus einer Brieftasche eine Pergament-Tafel, auf welcher er gewöhnlich alle bevorstehende Geschäfte, Krankenbesuche, Aufträge u.s.w. anzeigte, um auch jetzt Luisens Wunsch anzumerken und dem überhäuften Gedächtniss zu hülfe zu kommen. Das früher Aufgeschriebene laut, und durch Nachsinnen unterbrochen, noch einmal überlesend, nannte er – Kloster Augustin. – Luise machte eine rasche Bewegung. Dort war Fernando. Eine flammende Röte überzog ihr Gesicht, doch erstarb die Frage auf ihren Lippen. Hm – sagte der Doktor, ihre Erschütterung flüchtig beachtend, da steht es gut. Es war nur eine Streifwunde in der rechten Seite unter den Rippen weg. Die Mönche greifen uns in's Handwerk, und da es sogenannte Heilige sind, darf man nichts sagen. Hier, wo es nun nicht viel auf sich hatte, ging es mit der natürlichen Heilkunde wohl so ab, sonst haben dergleichen Pfuschereien schon manchem sein Grab bereitet. Der Herr Graf, fuhr er fort, indem er die Brieftasche schloss, und wieder zu sich steckte, der Herr Graf forderten mich auf, als ich auf dem Falkenstein war, dem Kranken einen Besuch zu machen. Ich