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Luisens Hund entgegen. Er lief hin und her, bald vor- bald rückwärts. Ich folgte ihm atemlos, mit klopfender Brust, wie ein Getriebener. Plötzlich stand ich vor Beiden. O erlass mirich bitte Dich – – Er schwieg. Ach Gott, ich wusste ja das Uebrige und weinte aus Herzensgrunde mit ihm.

Luise hatte nicht den Mut, die Augen aufzuschlagen. Carls Worte fielen schonungslos in ihre Seele. Seine treue Schilderung zeigte ihr die Dinge wie sie waren, und gestatteten durchaus kein Verkleiden der Wahrheit, die sie derb anfasste, und zwang, ihr in das strenge Antlitz zu sehen. Hier stand es mit Flammenzügen, die keine Macht der Erde auslöschte, sie habe das Böse herauf beschworen, dadurch, dass sie sich seinen frühesten Lockungen zagend hingab. Jetzt, das fühlte sie, hatte es sie berührt, und alles was ihr lieb war, bis auf die heiligsten Erinnrungen befleckt.

Der arme Julius, hub Carl auf's neue an, hat nun seit dem nirgend Ruhe. Er sagte mir einmal, was ihn am meisten quäle, sei, dass er nicht wisse, wo er mit den eignen Gedanken hin solle. In der Vergangenheit sei ihm alles zusammengestürzt, die vertrautesten Bilder sehen ihn fremd an, er suche und suche, und finde weder Kindheit noch Jugend. Die Zukunft aber stehe wie ein bleiches Gespenst da; ihn schaudre wenn er darauf hinblicke. Ich sprach ihm Mut ein, und sagte, es könne ja noch alles besser werden. Was soll werden? fragte er; es ist ja nichts da, was werden könnte! Das ist mein Elend, dass nichts, nichts von allem dem wirklich ist, worin ich lebte, und ich nur wie eine dunkle Wolke an Luisens Himmel hinziehe. Es muss wohl so sein, wie er sagt, denn recht von Herzen ging es ihm, mir ward fast wie ihm dabei zu Mut.

Der Doktor war indess, mit einem Licht in der Hand, vor die tausendmal gesehenen und besprochnen Schildereien getreten. Julius Bild, als Knabe gemalt, sprang in voller Beleuchtung hervor. Das Kind sah sinnend und sehr ernst aus grossen etwas tief liegenden Augen hervor. Schlichtes Haar, nur an den Spitzen gekräuselt, teilte sich auf der Stirn, so dass diese, fast frei werdend, eine Falte über den Augenbrauen sehen liess, die dem Gesichtchen etwas Ungewöhnliches, überaus Hohes, gab. Nur um den Mund schwebte ein kindliches Lächeln, das man fast schmerzlich nennen konnte, so wehmütig fühlte man sich davon ergriffen. Ganz erstaunt getroffen, sagte der Doktor halbleise zu Marianen, die mit ihrer Arbeit zunächst dem Bilde sass; nicht wahr? zum sprechen. Luise hielt sich nicht länger. Ja, ja, es spricht! rief sie. Du liebes, frommes Kind, öffne nur den verschlossnen Mund, und nenne mein Leid und das Deine! Der Doktor wandte sich erschrocken zu ihr. Er glaubte sie zu sehr im Gespräch mit Carl vertieft, um auf jene rücksichtslos gesprochnen Worte zu achten. Luise begegnete seinen Blicken, die sich voll gutmütiger Teilnahme auf sie richteten. Lassen Sie immerhin Ihr Gefühl laut werden, mein alter Freund, sagte sie gerührt, das Schweigen ist nun gebrochen; ach! und es liegt ja auch ohnehin alles so hell am Tage, mein Unglück und mein Vergehn!

Der Doktor ward lebhaft von der grossen Störung eines ruhig bürgerlichen Verhältnisses ergriffen, das früher unter seinen Augen entstanden und in seiner Gegenwart bestätigt war. Diese Störung mehr als das persönliche Leid in's Auge fassend, sagte er mit finsterm Ernst: mein Gott, wer hätte dies vor einem halben Jahre denken sollen, als wir alle das letztemal hier versammelt waren. Ich ahndete es lange, erwiderte der alte Geistliche, der von den Andren unbemerkt schon eine Weile im Zimmer war. Mir stellten sich recht wider Willen unheimliche Ahndungen in den Weg, und im entscheidenden Augenblick ging ich zum erstenmal im Leben zagend an meinen Beruf. Tod und Leben begegneten einander so wunderbar auf demselben Wege Die befangnen Sinne fassten alles unsicher auf, Niemand verstand sich selbst, der Schmerz riss Alle im Taumel fort. So im Streit mit Gottes Willen und den eignen Wünschen soll der Mensch nicht über sich bestimmen wollen. Die Liebe sollte siegen, aber der Tod mit seinen Qualen drängte sie zurück.

Carl stand mit gefalteten Händen vor dem Greise. Reden Sie nicht mehr vom tod, sagte er erschüttert, ich habe ihn seit gestern immer vor Augen, und das ängstet mich entsetzlich. Der Alte sah den frischen lebenslustigen Jüngling an, nahm seine Hand und sagte: nun, so wollen wir vom Engel des Friedens reden, der alle bösen Träume und auch den Tod verjagt. Er sei uns hier und dort nahe.

Alle schwiegen. Luisen fasste ein leiser, wonniger Schauer. Der Friedensengel neigte sich zu ihr und küsste ihre wunde Brust. Dort und hier? dachte sie. Was birgt das dunkle Jenseit? Sollen dort Blumen blühen, die mir hier fremd waren? Ist der Himmel nicht der ewig Eine? Still dämmernd brach ein neuer Morgen in ihre Seele herein. Sie fühlte eine unaussprechliche sehnsucht nach Julius, der versöhnend aus der Ferne winkte und das feuchte Auge voll Schmerz und Liebe auf sie heftete. Dahin, dahin, dachte sie, führt der Weg zum Himmel.

Haben Sie gelesen? fragte der Prediger, auf Julius Brief zeigend. Ja, ach ja, erwiderte