1810_Fouqu_019_42.txt

Welt weiss es wohl auch schon, was ich gefunden und verloren habe. Wollte Gott, rief ich, Du hättest nichts gefunden, so hättest Du auch nichts verloren! Das mag ich nicht denken, sagte er, immer gleich sanft und ergeben, Gott wollte sicher alles ganz anders, aber ein jeder von uns bat, wie es so oft im Leben geschieht, den eignen Wünschen gefolgt, und nun kreuzt sich's so bunt durcheinander. Du gutes, treues Herz! rief ich unaussprechlich gerührt, was hast Du denn dabei verschuldet? So manche Ahndung, sagte er ernst, flog warnend an mir vorüber, ich habe sie überhört, und selbst das Netz geschürzt, worin ich nun gefangen liege. Ich fragte ihn, wie er das meine; allein er schüttelte schweigend den Kopf, und sah vor sich hin, ohne weiter auf mich zu merken. Mir schossen die Tränen in die Augen, so oft ich ihn ansah. Deshalb ging ich hinunter in den Garten. Aber da war es nun vollends erst recht traurig. Das Laub ist in den wenigen Tagen ganz gelb geworden, vieles liegt vertrocknet auf dem Boden, dort in den langen Alleen rauschte es unter meinen Füssen, oder zitterte knisternd an den Zweigen. Ich ging rasch an dem Rasensitz vorüber, wo wir den Tag versammelt waren, als die Bergleute kamen, es war mir gar zu wehmütig, an die kurze Freude zu denken; aber wo ich ging und stand ward mir zu Mute, als käme ich Nachts an einen Kirchhof. Ihre Blumentöpfe lagen meist vom Winde umgeworfen. Von dem einen Myrtenbaume hing die abgebrochne Krone am Bande, womit er angebunden war, und schlenkerte in der nassen Luft hin und her. Ich mochte nicht zu Ihren Fenstern aufsehn, und machte dass ich wieder in das Schloss zurückkam. Auf der Treppe begegnete ich dem Doktor. Ich befragte ihn über Julius. Er meinte, es sei in dem Augenblick vielleicht weniger Gefahr als man denke; allein es arbeite so vieles in seinem Innren, was über den Ausgang nicht entscheiden lasse.

Als ich am Abend mit Julius allein war, redete er sehr viel, und so schnell und heftig, wie ich es nie von ihm gehört hatte. Aber immer kam er auf den Vorgang im wald zurück, und konnte sich nicht von den Erinnrungen losmachen, die ihn sichtlich ängsteten. Mir selbst ward ein paarmal ganz wunderlich, wenn er mich mit beiden Händen fasste und ausrief: Carl, denke Dir's doch, denke Dir's, es war ja mein Bruder, auf den ich zielte; Herr Jesus, wenn ich ihn getroffen hätte! Ich fragte ihn darauf, wie ihm das Pistol auch sogleich in die Hand und er in den Wald gekommen sei. Ich weiss nicht, erwiderte er, wie ich mir selbst vorkomme, wenn ich an alles zurückdenke! Werners Worte lagen mir immer im Sinn und befleckten und zerrissen mir alles, was mir bis dahin allein lieb war, weniger um das, worauf sie deuteten, als dass sie überall laut werden konnten. Mir war den ganzen Tag, als sei der Boden unter mir aufgewühlt, ich konnte nirgend fest auftreten. Nach langem Hin- und Hersinnen nahm ich mir vor, mit Fernando recht offen zu reden, und zu überlegen, was so unberufne Urteile könne veranlasst haben. Ich ging in dieser Absicht den Abend spät nach seinem Zimmer. Die Tür war angelehnt, er nicht darin, wohl aber der Maler, was mich befremdete, schlafend im Nebenzimmer. So wird Luise vielleicht noch wachen, dachte ich, und wandte mich dortin. Sie wollte am andern Morgen verreisen, und ich muss die arme zagende Seele zuvor noch beruhigen. Allein auch hier fand ich die Tür, die nach dem Vorsaal geht, nur angelehnt. Ich trat hinein, alles war still, Luisens Kleider hingen über einem Stuhl, ihr Bett war noch unberührt, sie selbst nirgend zu finden. In dem Augenblick überfiel mich eine Angst, dass ich mich kaum aufrecht erhalten konnte. Ich stellte das Licht auf Luisens offnen Schreibtisch und lehnte mich an einen davor stehenden Stuhl, um Atem zu schöpfen. Meine Blicke fielen zufällig auf zerstreut liegende Papiere, deren Schriftzüge ich lange anstarrte, ohne zu wissen was ich las; doch nach und nach traten die Worte wie Nachtgesichte vor mich hin und fuhren schneidend in mein Innres. Ich besann mich; es waren fliegende Blätter aus Luisens Tagebuch, die vor mir lagen. Ihr Inhalt schüttelte mich wach. Ich erkannte damals, wie jetzt, die Qual, mit der sie rang, und beschloss, sie zu retten, gleichviel wie. Mit den Pistolen unter dem Arm, stürzte ich aus dem haus. Im hof traf ich den Jäger, der aus dem wald zurückkam. Ich fragte ihn, ob er dem Fremden begegnet sei. Ja wohl, sagte er, der muss was auf der Spur haben; ich sah ihn, durch die Schonung kommend, rechts über den Graben setzen und dann den Weg nach dem Kloster nehmen. Nach dem Kloster? fragte ich. Mich schüttelte es wie Fieberfrost. Sattle zwei Pferde! rief ich, reite nach Harzgerode und erwarte dort Nachricht. Ich weiss nicht recht, warum ich das sagte; ich dachte wohl an ein Unglück, an mögliche Flucht für Fernando; deutlich war mir nichts, selbst nicht mein Wille. Am Eingang der Buchenallee, die zum Kloster führt, sprang mir