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Wir brachten Sie gleich in das nächste Zimmer und schickten eilends zum Doktor, der auch diese Tage immer hier blieb, während Sie im stärksten Fieber und dem ängstlichsten Schlaf dalagen und von nichts wussten, was um Sie vorging. In vorletzter Nacht ward der Doktor abgerufen. Er sagte, er müsse fort, versprach aber, heute vor Abend hier zu sein. Ich bin, so lange er fort ist, ganz trostlos gewesen. Ich glaubte gewiss, Sie müssten nun sterben. Ach Gott! was wäre dann aus mir geworden. Sie beugte sich bei diesen Worten über Luisens Hand, die sie unter stillen Tränen küsste.

Mariane hatte kaum geendet, als ein Wagen in den Hof fuhr, aus welchem Carl und der Doktor stiegen. Luise erfuhr nicht so bald, wer angekommen sei, als sie eine tiefe Beschämung fühlte, Jemand wiederzusehn, mit dem sie die letzten Tage auf dem Falkenstein verlebte. Sie war noch unschlüssig, ob sie nicht Carls Besuch abweisen sollte, als dieser schon hereintrat. Gottlob! rief er, Sie eben. Aber lieber Himmel, wie sehen Sie aus! Er blieb eine Weile schweigend vor ihr stehen. Ich möchte mir eine Kugel durch den Kopf jagen, fuhr er fort, wenn ich denke, dass ich an allem dem Schuld bin! Und doch ist's so; mein verfluchter Streit mit dem Werner hat Sie erst recht in's Elend gestürzt. Und dazu verliessen wir Sie wie feige Buben. Sie hatten nun die Qual im Herzen und Angst und Gefahr von allen Seiten, da mussten Sie sich wohl an den Gott sei bei uns selber wenden. Denn dass Sie unschuldig sind, darauf verwette ich meine Seligkeit! Lieber Carl, sagte Luise sehr erschüttert, lassen Sie das Vergangene ruhen. Es lässt mich aber nicht ruhen, fiel er heftig ein. Ich kann an nichts anders denken, und Sie, wenn Sie aufrichtig sein wollen, haben zuverlässig auch keinen andren Gedanken. Zu was sollen wir einander hintergehn und hin und her sprechen, während uns ganz andre Dinge im Sinne liegen. Ich kann mir wohl vorstellen, wie Sie sich innerlich abquälen und doch gegen alle, die um Sie sind, nichts äussern dürfen. Gewiss, Ihre Lage ist recht trostlos!

Der Doktor näherte sich jetzt, nachdem er draussen überall weitläuftige Erkundigungen eingezogen hatte. Nun es geht ja gut, sagte er, Luisens Hand ergreifend. Sein blick ruhete dabei mit seltsam zurückgedrängter Neugier bald auf Carl, bald auf Luisen. Sie müssen nur Ihr Gemüt beruhigen, fuhr er fort, denn was sich da verletzt und zerstört, kann ich nicht ausheilen, und das hat einen ganz erstaunlichen Einfluss auf den Körper. Das ist wohl leicht gesagt, unterbrach ihn Carl, aber beruhige einer mal, wenn es so recht wurmt und sticht. Der Doktor zuckte die Achseln. Der Wille tut viel, sagte er, indem er den Mund etwas nach der Seite und die Augenbraunen zusammen zog, was er gewöhnlich tat, wenn er gerührt war, und dennoch die äussre, mit seinen Geschäften verbundene, Ruhe behaupten wollte. Der Willewiederholte Carl, den hat erst alles recht zum Besten, Menschen, Umstände und so mancherlei in uns, was ich nicht nennen kann, was aber recht wie der Teufel hinterm Busche 'rausguckt und einen anpackt, dass man nicht wieder los kann. Das, dächte ich, hätten wir erst gestern gesehen. So ein gescheuter Mann, so fest und ruhig, und nun hin, dass es ein Erbarmen ist. Der Doktor winkte hier Carl bedeutend. Ja so! sagte dieser, und trat einige Schritte zurück. Der Doktor redete hierauf noch einiges mit Luisen und setzte sich dann, eine Zeitschrift aus der tasche ziehend, in ein Nebenzimmer, um zu lesen.

Carl, sagte Luise, der jener Wink nicht entgangen war, ist es Julius, den Sie eben jetzt meinten? Ich bitte Sie um Gotteswillen, sagen Sie mir die Wahrheit, ist er krank? gefährlich krank? Weiss der Himmel! rief jener nach kurzem Besinnen, wie mir's bei Ihnen mit meinen Geheimnissen geht! Wenn ich einmal unversehens anschlage, so kommen Sie gewiss gleich auf die rechte Spur und erfahren allemal was Sie nicht wissen sollen, denn ableugnen kann ich nicht, und auf solche Kunststückchen, Sie auf falsche Fährte zu lokken, verstehe ich mich gar nicht. Also ist es so! rief Luise ganz ausser sich. O Gott, auch das noch! Beunruhigen Sie sich nicht vor der Zeit, sagte Carl, das Schlimmste ist noch nicht da, ist vielleicht noch sehr entfernt; aber wahr ist's, Julius leidet viel. Ich traf gestern den Doktor auf dem Falkenstein, wohin ihn Georg in der Herzensangst rufen liess. Julius hat ein paarmal heftige Fieberanfälle gehabt und sieht sich kaum noch ähnlich. Ich erschrak, als ich zu ihm hineintrat. Er sass da, bleich und abgefallen, wie ein Schatten. Guter Carl, sagte er, als ich ihm die Hand gab, Du hast es immer ehrlich mit mir gemeint, in unsern Kinderspielen wie im Leben selbst; ich danke Dir. Mir gingen diese Worte durch die Seele. Sie klangen wie ein Abschiedsgruss. Ich betrachtete ihn schweigend. So kurze Zeit, und diese Verändrung. Ich kam mir selber steinalt vor. Meine ganze Jugend sah ich mit ihm zu grab gehen. Du weissst doch, fuhr er fort, und die