hier was vor, es ist seit einiger Zeit ein gewaltiges Gepolter in den langen Gängen. Gestern fiel's in der Rüstkammer, dass der Boden dröhnte. Ich sagte es heute Morgen dem Herrn Grafen. Wir gingen hinein, und fanden das breite Schwerdt mit dem Siegelring am Knopf, von dem ich Ihnen oft erzählte, halb aus der Scheide heraus, am Boden liegen. Der Herr Graf nahm's auf, besah's und hing's still wieder an, aber der Nagel war in der Mauer los geworden und fiel heraus. Da hat's der Herr Graf mit auf sein Zimmer genommen. Jungfer, das ist ein Unglückszeichen. Der Todesengel wird kommen und sich's abfordern. Sagen Sie, dass ich's gesagt habe. Heute ist's nun schon dreimal um das Schloss geritten, und so oft ich hinaus sah, war nichts da. Gott bewahre uns! rief ich, was sind das für wunderliche Grillen! aber ich zitterte, wie ich das sagte, und konnte den alten Georg nicht ansehn, der mir in der Angst ganz fremd vorkam. Da rief er mit einemmale: Herr Jesus, was war das! Ich hatte nichts gehört und nichts gesehen; aber ich erschrak so, dass ich mir mit beiden Händen die Augen zuhielt und nicht eher wieder aufsah, als bis der Jäger fluchend hereintrat und den fremden Herrn verwünschte, der nichts als Teufeleien im schloss anfange, wodurch ehrliches Gesinde geschoren werde. Er solle, sagte er, noch spät in der Nacht mit einem Handpferde nach Harzgerode reiten und dort Order erwarten. Der Herr Graf sei auch noch ausgegangen, das alles gelte sicher so ein italienisches Stückchen, eine Streiferei im Gebürge, die der Fremde angezettelt habe. Georg sass während dem immer noch mit gefalteten Händen, sein kleines schwarzes Mützchen weit über die Augen gezogen, ohne ein Wort zu sagen. Ja, ja, der Fremde! rief er jetzt, schob sich die Mütze aus den Augen und wankte zur Tür. Der Jäger folgte ihm. Ich war nun ganz allein, und so angst und bange, dass ich mich aufs Bett warf und die Decke dicht über den Kopf zog. Zuletzt mochte ich wohl eingeschlafen sein, als ich's leise um mich herum gehen hörte. Der Atem stockte mir, ich zitterte am ganzen leib, und konnte nicht einmal beten, so schnürte mir's die Brust zusammen. Da hörte ich meinen Nahmen; es zog erst sacht, dann stärker an meiner Decke, eine Hand fuhr mir über die Augen, so dass ich sie halb öffnen musste; da standen Sie, gnädige Gräfin, nein niemals werde ich's vergessen, Sie standen in den langen, dunkelroten Shawl gewickelt, blass wie der Tod neben mir, und sagten mit zitternder stimme: steh auf, Mariane, lass anspannen, wir müssen fort, geschwind, geschwind. Ich weiss nicht, wie ich auf die Beine und zur Tür hinaus kam. Im Flur stiess ich auf Georg. Ich wiederholte ihm Ihren Befehl. Schon gut, sagte er, ohne weiter zu fragen, als wisse er alles. Ich konnte mich lange nicht finden, endlich erinnerte ich mich, dass Sie schon am Vorabend Anstalten zur Reise machten, dass ich eingepackt hatte und noch mancherlei besorgen müsse. Als ich nach einer Weile zu Ihnen zurückkehrte, standen Sie noch, wie zuvor, an mein Bett gelehnt, ohne sich um etwas zu bekümmern oder weiter zu befehlen. Endlich fuhr der Wagen vor. Auf sein erstes Geräusch gingen Sie zur Tür. Georg öffnete sie und sagte: es ist nun so weit. Im hof fanden wir das Gesinde versammelt. Der Jäger hielt zu Pferde mitten unter ihnen. Im wald, hörten wir, sei ein Schuss gefallen, einer sei verwundet, der Herr Graf sei auch dabei; mehr konnten wir in der Eil nicht erfahren, denn Sie, gnädige Gräfin, riefen wiederholt: fort, um Gotteswillen fort! Ich und die Andern glaubten Anfangs, Sie wollten nach dem wald fahren, der Kutscher lenkte auch dahin; aber als wir bei dem Wasserfall vorbei kamen, sagten Sie aufs neue: Mariane, mach' dass wir nach Quedlinburg kommen, aber bald, recht bald! Wir nahmen den Weg dahin. Sie legten darauf den Kopf auf meine Schulter und schienen einzuschlafen. Da ward mir nun vollends erst recht beklommen. Sie lagen so kalt und unbeweglich in meinen Armen, dazu ward die Nacht immer finstrer, ich konnte nicht vor, nicht neben mir sehen, und wenn wir denn so hart an den Bäumen hinfuhren und die langen, dürren Zweige oft raschelnd an die Wagenfenster schlugen, dann fuhr ich zusammen und wusste vor Angst nicht meines Bleibens. So lange wir im Gebürge reisten, kam mir's immer so vor, als ritte jemand neben dem Wagen, ich konnte aber nichts erkennen. Gegen Morgen zu hörte ich auch einmal ein Pferd dicht neben mir schnauben, dabei pfiff es wie ein kalter Wind durch den Wagen. Mir schauderte, wenn ich an alles zurückdachte. Als wir endlich in die Stadt kamen, redeten Sie ein paar Worte. Wir mussten Pferde wechseln, und Sie verlangten ausdrücklich, hierher gebracht zu werden. Nach einigen Stunden wurden Sie aber ganz still. Ihre Augen schlossen sich, die Brust flog wie im heftigsten Krampfe. So kamen wir hier an. Ich konnte vor Angst und Tränen kaum sprechen.