mein Bruder Eduard von Mansfeld – Viola lag schon längst zu meinen Füssen, drückte meine Knie an ihre Brust und rief unter lautem Weinen: ich – ich – die arme Viola. – Mit stummer Verwunderung blickte ich auf sie und den Grafen, der, eine kleine Verlegenheit verbergend, sich von mir abwandte; indess bald darauf mit beispielloser Ruhe sagte: hätte ich ahnden können, wie nahe jene Begebenheit Sie angeht, ich würde Sie unfehlbar vorbereitet haben, denn ich hasse sicher nichts so sehr als Erschütterungen, die den gebildeten Menschen aus dem schicklichen Gleichgewicht reissen. Jetzt ist indess die Entdeckung gemacht, und ich zweifle nicht, wir Alle gewinnen bald die Fassung wieder, die wir dem äussren Anstand schuldig sind. Die Gräfin lag wie zerschmettert am Boden, und schien auf nichts zu achten. Ich fuhr aufs neue wie ein Blitz durch den ruhigen gang seiner Rede, indem ich dringend nach meinem Bruder fragte. Verzeihen Sie, erwiderte er gütig, wenn ich dieser Frage nicht früher zuvorkam, ich glaubte Sie besser unterrichtet. Herr von Mansfeld ist wohl, und in diesem Augenblick auf einem Schiff, das nach Constantinopel unter Segel ging. Um jede verletzende Erklärung, fuhr er fort, schnell zu beendigen, sage ich Ihnen noch, dass Viola zwischen mir und dem Schleier zu wählen hatte, dass ein kurzer Aufentalt im Kloster, der Anfang des Probejahrs, sie auf immer mit einer so düstern, ihrem Gemüt wenig angemessenen, Zukunft entzweite, und sie es vorzog, eine fremde Blume, in deutschen Wäldern zu glänzen, als zwischen hohen Mauern zu verschmachten. – Lassen wir jetzt, setzte er lächelnd hinzu, die kleine Wolke vorüberziehn, glauben Sie mir, der heitre italienische Himmel durchbricht diese Nebelstreifen leicht! Ich blickte auf die schone Frau, der ich um so weniger feind sein konnte, da sie durch ihr unstätes Betragen jeden Einfluss auf das künftige Schicksal meines Bruders verloren hatte. Diese Sicherheit und die Freude, ihn wohl und kräftig neuen Unternehmungen entgegen eilen zu sehen, setzte mich schnell über die augenblickliche Störung hinaus. Ich wandte mich versöhnt zu Viola, die sich willig an mir aufrichtete und in ein andres Zimmer führen liess. Es gelang mir bald (indem ich sie französisch anredete) ihr Vertrauen ohne Rückhalt zu gewinnen. Sie klagte sich selbst mit vernichtender Reue an, und beweinte in ihrer dunklen Zukunft alle verlorne Freuden der Liebe. Allein während die glühendste Phantasie sie immer weiter und weiter fortriss, schuf sie sich selbst die besten Trostgründe, und endete damit, ein behagliches Licht auf ein Leben zu werfen, in welchem, wie in ihrem Ideengange, Eines ganz natürlich aus dem Andren zu entspringen schien. Ich kannte die Fertigkeit wenig, ursache und wirkung so geschickt zu folgern, dass alles gerade und eben dasteht, während der eigentliche Grund der Handlung in den innren Tiefen des Gemüts verschüttet wird. Daher blieb ich in dem künstlichen Netze gefangen, und schwieg, wie es mir nachher oft geschah, ohne gleichwohl eine innre Unbehaglichkeit los werden zu können. Mit unwiderstehlicher Anmut schmiegte sie sich darauf an meine Brust, und bat mich, sie nicht auf dem einsamen Wege zu verlassen, den ihr jetzt des Grafen kaltes Herz vorzeichne. Ich habe niemals dem Zauber ihrer Worte und Mienen widerstehen können, und wie bei ihr bestechende Erinnrungen die Ungleichheit unsrer Gemüter ausglichen, so hielt mich der glänzendste Farbenschmuck einer glühend weiblichen natur an sie gefesselt. Ich sicherte ihr eine Freundschaft zu, die durch lange Jahre unerschüttert blieb. Als wir bald nachher zu den Herren zurückkehrten, fanden wir sie im Gespräch vertieft über italienische Weine, und die Möglichkeit, ähnliche Sorten auf unsern kalten Boden fortzupflanzen. Ich musste aufs neue über die gemessne Haltung des Grafen staunen, die Violas Leichtigkeit, in jeden Gegenstand der Unterhaltung einzugehn, nichts nachgab. Ich geriet in Verlegenheit, die ganze Begebenheit für einen Traum zu halten, da auch die leiseste Erinnrung daran verwischt schien, und wirklich ist nie wieder öffentlich die Rede davon gewesen, ob wir gleich von da an fast unzertrennlich verbunden blieben. Ich brachte nach diesem Tage die meiste Zeit auf dem Falkenstein zu, wo die Gräfin bald ein neues Leben verbreitete, das fast spottend an dem alten Geist dieser Mauern vorüberzog. Der Graf sonnte sich im Glanz seines Hauses, und sah es gern, dass Viola den rauhen Einflüssen des Klimas wie dem farblosen Einerlei geselliger Unterhaltung zu hülfe kam, wobei Kunst und Sitte sie immer auf der Bahn des Schicklichen erhielten. Allein ohnerachtet dieser stets erneueten Anregungen, versank sie dennoch augenblicklich in eine Abspannung und ein Missbehagen, das sich nicht selten mit zerreissender Heftigkeit in bittern Tränen auflöste. Mir schien es oft, als ruhe irgend etwas in ihrer Brust, das sie drücke, ohne es gleichwohl kund geben zu wollen: weshalb ich auch niemals in sie drang. Zu diesen innren Störungen kam noch die gänzliche Unwissenheit, in der wir über Eduards Schicksal lebten. Ich hatte mich vergebens an den Gesandten in Constantinopel gewandt, und der Graf, der uns vielleicht allein behülflich sein konnte, verscheuchte jedes Vertrauen dieser Art. Unter so streitenden Einflüssen ward Julius geboren. Viola hatte sich eine Tochter gewünscht, und war mehr über das Dasein des Kindes gerührt, als erfreut. Oft sah ich ihre Blicke schmerzlich auf den seinen ruhen und Erinnrungen einer Zeit erwachen, wo Glück und Liebe Hand in Hand gingen. Als Du mir einige Jahre darauf, nachdem ich lange kinderlos blieb, vom Himmel geschenkt wardst, beschloss