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schwere, unnütze, Kämpfe erkauft. Die kleine Unruhe wird sich legen. Es war Luisen, als zupfe sie etwas am Kleide. Sie sah sich um; der Hund ihrer Mutter sprang spielend um sie her. Wie vor einem menschlichen Auge schreckte sie bei dem Anblick des kleinen Tieres zusammen. Ihr war, als müsse er zeugnis der dunklen, verbotnen Tat ablegen. Ach Fernando! rief sie angstvoll, verbirg mich vor mir selber. Ja, Unglückliche! rief eine bekannte stimme, verbirg Dich in die innerste Tiefe Deiner Seele. Luise erkannte, laut schreiend, Julius. Wie das rächende Schicksal trat er vor Beide. Alle zurückgedrängte Glut seiner entzündeten Brust flammte lodernd auf. Er griff Fernando heftig beim Arm. Verflucht! rief er, verflucht sei die Stunde, wo Dich Deine Mutter gebahr, unwürdiger Freund! Lösche Dein Verbrechen mit Deinem oder meinem Blute. Er warf ihm ein Pistol hin. Fernando hob es still auf. Sie stellten sich gegenüber. Luise sank sprachlos zu Boden, indem sie ihre arme flehend gegen Beide aufhob. Um aller Heiligen Willen! rief der Mönch herzustürzend, haltet ein, ihr seid Brüder, Fernando ist mein, ist Violas Sohn; ich bin Eduard von Mansfeld! Der Knall beider zugleich abgedrückten Pistolen fuhr schneidend durch die Luft, ehe er noch endete; Fernando fiel blutend in seine arme.

Zweites Bändchen

Erstes Buch

Nach langem Todesschlaf blickte Luise zuerst, wie durch einen Zauberspiegel, in die Umgebungen ihrer Kinderwelt. Hell, wie der Morgen des Lebens, stralten ihr die blassroten Wände ihres kleinen Zimmers in der mütterlichen wohnung entgegen. Alles stand und lag hier wie ehemals. Die reiche Sammlung bunter Schmetterlinge, die Julius mit unsäglicher Liebe in der Schweiz und Italien für sie sammelte und in Rahmen von seltnen Holzarten einfassen liess, hing wie sonst an den Pfeilern umher. Vom Kamin glänzten noch all die bunten Steinchen, Kristallspitzen und die tausend Spielereien, die er ihr ebenfalls von den Alpen und seinen andren Reisen mitbrachte. Ach! und die vielen Schildereien, unter denen sein Bild und das ihre so still aus jenen Tagen herübersahen, dass Luise unbewusst lächelte und durch die schneeweissen Gardinen des jungfräulichen Bettes wie in leichten, wogenden Morgenduft hineinsah.

Ihr Innres war zusammengestürzt. Die Vergangenheit lag in dunkler Tiefe verschüttet, keine Spur führte dahin zurück, der gewaltige Schlag lag betäubend auf allen ihren Sinnen. Da traf ein leises Wimmern ihr Ohr. Sie richtete sich schnell in die Höhe, und sah Marianen, wie an jenem Tage, als der erste Schmerz ihr nahete, unter stillem Weinen an ihrem Bette stehen. Luise sah sie starr an, dunkle Gestalten schwebten an ihr vorüber, sie wollte sie festalten, behielt aber nichts als das Bild des Todes. Schaudernd sank sie in die Kissen zurück. Allein das tiefe Schweigen ihrer Brust war nun gebrochen, die erstorbne Welt regte sich darin, und zahllose Erinnrungen fuhren wie Geister aus ihren Gräbern herauf. Von allen Seiten fasste es sie mit unnennbarer Angst, so dass sie laut aufschrie und die arme fest auf der Brust zusammenschlang, als wolle sie das beginnende Leben darin ersticken.

Ihr banger Ruf hatte mehrere der Umstehenden herbeigelockt. Unter ihnen trat der alte Geistliche zunächst zu ihr hin, und fragte sie leutselig: ob sie irgend einen Schmerz empfinde. Aber Luise antwortete nicht, sondern ergriff mit Heftigkeit seine Hand, die sie vor wenig Monaten an Julius Seite einsegnete. Zufällig heftete sie den blick auf die verschlungnen hände. Der Trauring glänzte hell an ihrem Finger, und mahnte sie, wie das leuchtende Antlitz des Greises, an den gebrochnen Eid. O mein Gott! o mein Gott! stammelte sie wiederholt, und verhüllte unter lautem Schluchzen ihr Gesicht in die Decke. Der fromme Alte sah sie verwundert an. Ihm war wenig von der Veranlassung ihres Kummers bekannt, und wäre er auch davon unterrichtet gewesen, er würde schwerlich Luisen verstanden haben, da er durch ein langes, gedrängtes Leben jeder Widerwärtigkeit nur mit stillem Sinn zu begegnen wusste. Wenn Sie sich etwas sammeln könnten, hub er nach einer Weile an, ein Brief des Herrn Grafen wartet schon so lange auf Sie, vielleicht würde Sie dieser beruhigen. Luise sah auf, ihre Tränen stockten, ihr war, als bräche das Strafgericht über sie ein. Zitternd, ohne Mut, das unvermeidlich scheinende abzuwenden, sass sie aufgerichtet im Bette. Der Prediger hielt diese beredte Zeichen für eine stille Einwilligung. Den Brief vor sie hinlegend, stand er auf, und eilte, durch ein Amtsgeschäft berufen, sich für den Augenblick zu entfernen. Luise erbrach das Siegel, ohne recht zu wissen was sie tat, und las Folgendes:

"Lass Dich nicht von dem Anblick dieser Zeilen erschrecken, liebe Luise. Es steht alles besser als Du denkst. Fernando lebt, und wird im Kloster bei den frommen Brüdern bald genesen. Ich bin ja nun auch nicht so unglücklich, als ich hätte werden können; und doch liegt es so schwer, so entsetzlich schwer auf meiner Seele, ich weiss auch nicht, wie das jemals anders werden soll! Ueberhaupt kann ich nicht mehr an den nächsten Augenblick denken. Es ist alles so losgerissen, so dunkel; ich weiss mich in nichts zu finden. Du eiltest auch so schnell vom Falkenstein! Ach Du hattest wohl Recht! Was solltest Du auch bei mir! Ich war Dir nichts, konnte Dir nie etwas sein! Ich habe das immer mit unsäglichem Schmerz gefühlt;