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leugnen; ja, er sagte so etwas, mit dem kalten, spitzen Ton, was ich nicht ganz verstand, was doch aber so zweideutig klang, und wie ich es nicht leiden mag, dass man über Sie redet. Ich bat mir eine Erklärung aus. Da lachte er höhnisch, und meinte, die läge in der natur der Sache, wie er sich denn immer so gelehrt ausdrückt. Ich versicherte ihn aber, ich verstände ihn noch nicht. Mein Himmel, sagte er, was ist denn Dunkles darin, dass ein hübscher, junger Mann sein Glück bei einer hübschen Frau versucht? Nun verstand ich ihn freilich, aber es kochte auch alles in mir, ich hätte ihn mögen zum Fenster 'raus werfen. Er blieb aber fest und keck bei seinem Satz, und, wie nachher Julius herzukam und sich nach der ursache unsers Streites erkundigte, wiederholte er auf eine recht geschickte Manier beinahe dasselbe, so dass er eigentlich nichts widerrief und man ihm auch nichts anhaben konnte; dabei sah er unverändert so ruhig und blass aus, wie immer, indess ich über und über glühete. Wir gingen darauf ruhig auseinander, aber Julius kriegte doch einen Stich weg, das merkte ich ihm an. Er zuckte ein paarmal mit der Oberlippe, konnte aber kein Wort hervorbringen.

Armer, armer Julius, dachte sie, als sie eben wieder das finstre Schloss betraten, und ihr eigenes Leid und das seine ihr doppelt schwer auf's Herz fielen. Sie wollte fort, nach dem Landhause ihrer Mutter; von dort aus wollte sie Fernando schreiben und ihn dringend bitten, diese Gegend zu verlassen. Ihr ödes, freudloses Leben, hoffte sie, solle so nicht lange währen. Sie machte im Geheim alle Anstalten zu ihrer Reise, und als ihre Gäste sie nun endlich gegen Abend verliessen, suchte sie Julius auf, und sagte ihm so ruhig als sie konnte, dass sie schon längst den Wunsch gehegt habe, das Grab ihrer Mutter zu besuchen, und daher gesonnen sei, auf ein paar Tage nach ihrem kleinen Dörfchen zurückzukehren. Julius drückte ihr gerührt die Hand und sagte: geh' nur, meine Luise, wohin Dein guter Geist Dich ruft. Der Maler und Fernando kamen darauf, sie zu einem Spatziergang abzuholen, und alle Viere bestiegen die nahen Berge. Luise, sagte Fernando, als sich Julius, eben mit dem jungen Künstler in einem Gespräch verwickelt, abwärts wandte, ich erinnre Sie an Ihr Versprechen. Hoffen Sie nicht, mir zu entgehn. Bei allem was heilig ist, ich muss Sie sprechen. Sie zögernBei dem ew'gegen Gott, Sie wissen nicht was Sie tun! Ich zerreisse alle Bande, ich ehre kein Gesetz, nichts mehr. Auf diesen Armen trage ich Sie weit, weit weg von hier, wo keine Pflicht Sie bindet, wo Sie nichts hindert, mein zu seinjetztLuisejetzt in diesem Augenblick! – Er trat mit einer Heftigkeit auf sie zu, dass sie zusammenfuhr und ihre hände flehend gegen ihn aufhob. – Um Gotteswillen, eine Entscheidung! ich ertrag' es nicht länger! Der Traum von Freundschaft ist hin, ich fühle nichts als die glühendste, zerstörendste leidenschaft; ich muss Sie sprechen, heute nochgewiss, Luise, heute nochoder wir sehen uns nie wieder, oder dieser Augenblick ist der letzte meines Lebens. Er trat dicht an den Abhang des Felsens; den Kopf weit vorgebeugt, sah er schwindelnd in den Abgrund. Ich will, ich will Sie ja sprechen! rief Luise. O, mein Gott, wann! fragte er mit einem wilden blick. Ich weiss es nicht, sagte sie zitternd. Ach Gott! wie soll ich in der TodesangstNun denn, hub er milder an, diesen Abend, wenn alles schläft, dann erwarte ich Sie da drüben in dem stillen Buchengange vor dem Kloster. Luise schauderte zusammen. Fernando hatte sich schnell zu dem rückkehrenden Julius gesellt. Sie hatte nicht die Kraft, den Fuss von der Stelle zu bewegen. Wie gebannt stand sie an die Felswand gelehnt. Luise! rief Julius, Du wirst Dich in der feuchten Abendluft erkälten. Sie schwankte unsicher an seiner Seite zum schloss zurück.

Als nun in der Nacht die Uhr, welche die Todesstunde ihrer Mutter anzeigte, Eins schlug, hüllte sie sich in einen Shawl und ging, die Hölle in der Brust, dumpf und zagend zur Gartentür hinaus. Sie warf einen scheuen blick auf Julius Fenster. Das Licht brannte hell dahinter. O Gott, dachte sie, wenn er ahndeteSie lief, ohne sich umzusehen, mit klopfender Brust, bis sie plötzlich vor dem Mönch zurückprallte, der ihr wie ein Geist aus dem Gebüsch entgegentrat. So spät, sagte er verwundert, in dem kalten Nebel! – Ich muss, guter Vater, erwiderte sie, ohne zu wissen was sie sagte; ich muss, ich kann nicht schlafenArmes Kind! rief er ihr wehmütig nach. Armes Kind, wiederholte sie; ja wohl, armes, armes Kind! Sie weinte heftig, als ihr plötzlich der Anblick des nahen Klosters ein unbeschreibliches Grausen einflösste. Hier! rief sie, ohne zu wissen was sie mit diesem Hier ausdrückte. Fernando trat ihr entgegen. Sie sank schweigend an seine Brust. Täusche Dich nicht, meine Luise, sagte er sanft, Dir ist dieser Augenblick so erwünscht als mir; du hast ihn durch