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, mit dem er schon vor einem Paar Tagen Bekanntschaft gemacht hatte, konnte er nicht umhin, ihn wegen der Königstochter zu befragen, ob man nicht in deutschen Landen höre, wie lange sie schon mit dem Fürsten verheiratet sei, und wie es ihr mit ihm ergehe?

Ei mein Gott, wisst Ihr das nicht? sagte der Jäger. Da ist an keine Heirat zu denken, und wer weiss, ob das schöne fräulein nicht längst in Not und Elend vergangen ist. Der König bestand wohl auf diesen Eidam, sie aber soll einen Andern im Herzen getragen haben, oder der Bräutigam war ihr sonst zuwider. Da gebot ihr der König kraft seiner väterlichen sowohl als herrschaftlichen Gewalt, sie solle sich des nächsten Sonntages in der Kirchen einstellen, geschmückt, wie es einer fürstlichen Braut gezieme. Sie kam auch dem Befehl mit allem Gehorsam nach, vom Priester aber befragt, entgegnete sie laut vor allem volk, wie sie zwar wohl wisse, dass sich keine Magd ohne Vergunst ihres Vaters verehelichen dürfe, dass sie aber auch ein so heiliges Sakrament, als die Ehe, nicht durch eine lieblose, aus weltlichen Rücksichten gegebne, Einwilligung, entweihen könne. Bitte derohalben um erlaubnis, dieser Verbindung überhoben zu sein, und sich erst dann einem Gemahl zu ergeben, wenn solcher, als ein vom Himmel beschiedner, dem Willen ihres Herrn Vaters und ihrem eignen Gemüte gleich angenehm sei. – Alle Leute verwunderten sich und erfreuten sich über die sittsame Festigkeit, mit welcher sie diese Worte vorzubringen wusste. Der Bräutigam aber ritt im Zorne davon, und der König zog seine Hand gänzlich von ihr ab. Sie könne heiraten wem sie wolle, erklärte er feierlichst, solle sich aber bei Todesstrafe nicht länger an seinen Hoflager sehen lassen. Nachdem sie mit demütigen Tränen auf's unterwürfigste Abschied genommen, hat zum grössten Leidwesen der Untertanen Niemand erfahren können, wohin sie gekommen sei, ob sie noch zu den Lebendigen, oder schon lange zu den toten gehöre.

Hiermit schloss der Jäger seinen Bericht, und Adelhof, von einem heissen Reumut durchdrungen, dachte nur daran, wie er seine verkannte und verlassne Geliebte, (denn als solche erkannte er nun die fromme Weberin wohl) nach Gebühr an ihm selbst rächen wolle. Als daher die Alte nach Verlauf der neun Tage ihm das Gewand einhändigte, bat er, sie möge, da ihm die Dame doch so gnädig gewesen sei, ihr noch seine Bitte um mündliche Empfehlung und Danksagung vortragen. Die Alte berichtete zurück, wie die schöne Dame sehr betrübt gewesen sei, und nach einem schweren Seufzer gesagt habe: Herr Gott, auch das noch! aber er mag nur kommen.

Adelhof fand sie in tiefe Schleier gewickelt, in welchen sie ihm unerkannt zu bleiben meinte; er aber liess sich vor ihr auf ein Knie nieder, und während er ihr seinen Dolch darreichte, sprach er: Wollet zu der mir erzeigten Huld auch noch die fügen, schöne Königstochter, einem törichten, undankbaren, aber bereuenden Jüngling mit Euern Händen den verdienten Tod zu geben, und ihm solchermassen zur Ruhe zu verhelfen. Ich habe schwer an Euch gesündigt, und wohl wissend, wie ich Eurer gänzlich unwert bin, erbitte ich mir nur noch diese einzige Milderung meines Elends. Sie aber schlug die Schleier zurück, und, ihn in all ihrer Schönheit und Frömmigkeit anlächelnd, sagte sie: willkommen sei, mein süsser Freund und Gemahl. Mein Vater hat mich der Schuldigkeit entbunden, die mich von Dir geschieden hielt. Hast Du mich nun noch lieb, so ist mein Leid in Freude verwandelt, und wir wollen als liebevolle Eheleute mit einander leben, das Eine jedoch bedungen, dass Du aller Klag' und Schmähung gegen meinen Herzgeliebten, den edlen Ritter Adelhof, entsagst. – Hierauf breitete sie ihm ihre zarten arme entgegen, und er, sie umfangend, sagte: O lieber, getreuer Gott, wen Du auf Erden froh, im Himmel selig haben willst, dem gieb zur Geleiterin eine fromme deutsche Frau.

Der welschen Fürstin ward fortan unter den Beiden nicht mehr gedacht, und nach langem, freudvollen Ehestande hinterliessen sie ein zahlreiches und höchst ruhmwürdiges Geschlecht." Als Stein geendet hatte, legte er das Buch schweigend aus der Hand. Niemand redete. Manchem hatte die Erzählung Langeweile gemacht, Andren riefen jene einfache Töne alter fester Zeit wehmütige Vergleiche mit der zerfallnen, zerstückelten, Gegenwart herauf. Luise allein lebte ganz in den vorübergeführten begebenheiten. Diese stille Sicherheit, im schwersten Kampf zwischen Neigung und Pflicht, dies reine Wollen und Vollbringen, ja die ganze prunklose Tugend altdeutscher Sitte, der ungetrübte Spiegel einer jungfräulichen Seele, warf einen so klaren Schein zurück, dass sie scheu in sich zurückbebte. Ich will fliehen, dachte sie, weit weg von hier, zu dem grab meiner Mutter. Ach meine Mutter! sie schlug die schönen Augen gegen Himmel, rufe mich zu dir, sagte sie leise, wo keine Sünde ist, und kein Verbrechen dein schwaches Kind irre leitet!

Wollen wir noch einen gang im Freien machen? sagte die Baronin aufstehend. Die Luft wird Allen nach dem gestrigen Tanze wohltun. Sie hatte nicht viel auf die Vorlesung geachtet, ihr lagen andre Dinge im Sinne, daher sie auch, sobald sie einige Schritte mit Luisen vorausgerückt war, anhub: Wir verlassen Sie diesen Nachmittag, liebes Kind, es ist Zeit, glauben Sie mir, auch für Emilien! – Fürchten Sie, fiel Luise ein, dass Fernando? –