. Allein Julius sagte kein Wort. Sie selbst hatte nicht den Mut, wieder anzufangen. Ueberdem war der rechte Augenblick vorüber, und so blieb es zwischen Beiden still, bis Mehrere hinzukamen und im Allgemeinen ein leidliches Gespräch in den gang brachten. Ein flüchtiger blick zeigte Fernando die Wolken auf Julius Stirn und Luisens trübe, gesenkte Augen. Er neigte sich daher zu Emilien und redete auf's neue angelegentlich mit ihr. Werner trat zu Stein, der in einem alten buch, das er in jenem Schreine fand, verblichene, kaum noch kenntliche, Holzschnitte betrachtete. Die Worte darunter schienen häufig gelesen, denn zwischen den feinen Blättern lagen mehrere Zeichen, Goldfäden, auch Stückchen farbiger Stoffe, die wohl eine längst vertrocknete Hand da hinein gelegt hatte. O lassen Sie sehen! rief er, als Reinhold eben ein Blatt umschlagen wollte und er die Worte in kunstreich gezirkelten Buchstaben las: V o n g e t r e u e r u n d s i t t s a m e r M i n n e . Die Andren näherten sich nach und nach auch. Man ward begierig, die Bedeutung der Bilder zu wissen. Eine innre Ehrfurcht vor den alten, ehrenwerten Gestalten, ja vor dem buch selbst, das wie ein edler, fremder Geist mitten unter ihre neue Ansichten und Gefühle trat, verscheuchte jede Spötterei. Man drang in Stein, die kleine geschichte vorzutragen, und er, ohne sich lange bitten zu lassen, fing sogleich an:
Von getreuer und sittsamer Minne.
"Ein sehr edler und schöner Ritter hatte sich in die Tochter des Königs verliebt, die unter allen fürstlichen Jungfrauen weit und breit, nicht allein als die anmutigste und liebreizendste, sondern auch als die sittigste und in aller wohlanständigen Geschicklichkeit erfahrenste, berühmt war. Wie nun die Liebe von keiner Macht in der Welt gesetz annehmen will, half es auch ihm nichts, dass er sich die Schwierigkeiten, ja die Torheit eines solchen Beginnens, unablässig vor Augen stellte. Jemehr er sich schalt, um desto mehr entbrannte er in den gewaltigen Flammen, von denen sein ganzes Gemüt durchhitzt war, und es hätte wohl noch ein frühes Ende mit seinem Leben genommen, wenn ihm nicht ein günstiger Zufall, (so deren viele, sagt man, im Solde des Liebesgottes stehen sollen,) zu hülfe gekommen wäre. Auf einem grossen Jagen nämlich, als er sich in den tiefsten Wald begeben hatte, um seinen schwermütigen Gedanken nachzuhängen, begab es sich, dass er auf die Prinzessin traf, indem sie durch ihren scheuen Zelter weit von dem ganzen Hofgefolge auf ungebahnten Wegen fortgerissen ward. Er tat dem wilden Tiere Einhalt, und nachdem er die schöne Jungfrau herabgehoben hatte, wollte sie sich nicht wieder der einmal bestandnen Gefahr anvertrauen, sondern zog es vor, sich von dem jungen Helden zu Fuss nach dem schloss heimgeleiten zu lassen. In dem dunkelgrünen, sonnendurchblitzten Laubholz schlug dem Ritter das Herz immer höher und höher; er sing an zu bedenken, dass, wenn es doch einmal umgekommen sein müsse, der Schrecken ein schnellres und leichteres Ende bescheere, als der Gram, und dass er lieber an der Grausamkeit seiner Dame, als an der eignen Zaghaftigkeit sterben wolle. Deshalben begann er erst mit stotternder, dann mit überströmender Zunge und weinenden Augen, der Schönen sein Leid zu klagen. Sie gedachte ihn anfänglich zum Schweigen zu verweisen, aber weil der einsame Weg so gar lang währte, konnte sie letztlich das Heben und Senken ihrer zarten Brüstlein, das Erröten ihrer Wangen, das Blitzen ihrer Augen sich und dem Ritter nicht länger verbergen. Sie gestand ihm, dass sie vor allen Männern auf der ganzen Erde nur ihn allein mit herzlicher Treue meine, und hiermit zu ihrem Verlobten auserwähle. Als sich nun der Liebhaber recht versann, dass er nicht etwa dergleichen bloss im Traum, oder sonst in phantastischen Gesichtern erblicke, sondern in der Tat die schöne Königstochter ihm ihre Liebe gewähre, dachte er vor Freuden zu sterben, wie noch wenige Stunden früher vor Herzeleid. Kaum aber dass er sich ein wenig erholt hatte, so schlug er eine Menge Mittel vor, wie sie beide recht bald zu dem ehrlichen Ziel ihres Liebhabens in einer vergnügten Ehe gelangen möchten. Die kluge Jungfrau aber sagte: Lasst es uns wohl bedenken, mein herzlieber Herr Adelhof, (denn also war der Ritter bei seinem Taufnamen geheissen,) dass wir auf ein gar ängstliches und gefährliches Unternehmen ausgehn. Mein Vater, wie Euch nicht fremd sein kann, ist gar ein ernster und hochtrachtender Herr, eines recht fürstlichen Heldengemütes, der nimmermehr zugeben wird, dass seine Tochter einem Vasallen zu teil werde, es sei denn, dass sich dieser durch unerhörte Taten den regierenden Häuptern gleich zu stellen wisse. Nun aber habe ich das gute Vertrauen zu meinem Gott (wohl spürend, dass meine Liebe keusch und rein, und seines heiligen Schutzes wert sei), dass er Euch eine gelegenheit geben wird, Euern schon erprobten Rittermut zum Heil des Königs und des lieben deutschen Landes auf eine solche Weise leuchten zu lassen, dass Euch meine Hand als ein billiger Ehrenpreis nicht versagt werden mag. Wollet deshalb damit zufrieden bleiben, süsser Freund, dass meine unsterbliche Seele, nächst Gott, Euch allein angehört, und in Geduld stehen, bis sich eine günstigere Zeit offenbart. Auch wollet nichts von heimlichen Zusammenkünften oder dergleichen Leichtfertigkeiten begehren, sintemal das Euerm eignen künftigen Eheweib eine grosse Schmach sein würde.
Unter dergleichen liebevollen, doch