Ihr Wille in jedem Augenblick heilig ist, ich gehe; allein, Luise, wenn ich Sie jetzt ruhiger verlasse, wenn die Rührung Ihrer Engelseele mich entzückte, wenn ich mich einen Augenblick einer glücklichen Zukunft überliess, werden Sie fest bleiben? werden Sie nicht auf's neue, durch tausend Grillen erschreckt, wanken, und ein flüchtiges Wohlwollen bereuen, was mich auf ewig an Sie kettet? Nein, nein! rief sie aus vollem Herzen, ach nein, ich kann ja nicht anders als Ihnen vertrauen! Werden Sie das immer? fragte er, auch wenn Zweifel Sie ängsten, auch wenn weise Ratgeberinn – O still, still! unterbrach ihn Luise, und drängte ihn bittend zur Tür.
Als sie zur Gesellschaft zurückkam, fand sie Emilien zwischen Carl und dem Maler, nachlässig auf einen Stuhl geworfen und ziemlich unwillig über den allzuoffnen Vetter, der sie, ohne Rücksicht auf ihren Nachbar, mit Fernandos Vernachlässigung und scheinbarer Erkaltung neckte. sehen Sie! rief er, da sitzt er wahrhaftigen Gotts, tiefsinnig wie ein Engländer! er sieht nicht, er hört nicht. Wissen Sie was, wir wollen einmal mit einander walzen, vielleicht sieht er das, er wird eifersüchtig – Auf Sie? fragte Emilie spöttisch. Cousinchen, erwiderte Carl, werfen Sie die deutschen Männer nicht weg, es ist Verlass auf sie; die Fremden sind Zugvögel, sie bauen sich hier keine Nester. Der Maler wollte sticken vor lachen. Emilie stand endlich auf und ging zu ihrer Mutter, die sehr eifrig mit Stein redete. Der ernste Russe hatte sich zu Luisen gesetzt, und sprach verbindlich und mit vieler Einsicht über das Charakteristische deutscher Geselligkeit. Bei der unvermeidlichen Annahme und notwendigen Verschmelzung fremder Sitten, meinte er, sei eine eingeborne Würde, ein gewisses häusliches Zusammenhalten und meistenteils grössere Tiefe des Gefühls ganz unverkennbar, was vorzüglich die Frauen sehr anmutig zwischen die Engländerinnen und Französinnen stelle, und auch den Umgang der Männer, ohnerachtet ihres frühen Zurückziehens von aller geselligen Mitteilung, dennoch interessant mache. Sie war genötigt, so verbindliche Worte aufmerksam anzuhören, und, indem sie sie schicklich erwiderte, das Gespräch länger als sie wünschte fortzusetzen. Fernando hatte sich ihr indess genähert, und flüsterte, über ihren Stuhl gebeugt: Sie ahnden nicht, wie wehe Sie mir tun; müssen Ihre Freunde so schnell zurückstehn? Sie ward höchst verlegen, antwortete höchst einsilbig und unpassend, worauf der Obrist auch geschickt abbrach und sich zurückzog.
Mehrere der Fremden hatten noch einen weiten Weg zu machen; man trennte sich daher nach und nach, und die Baronin, die durch ihr Gespräch verstimmt schien, erklärte, dass es überall Zeit sei, der Ruhe zu geniessen, worauf alles für heute auseinander ging.
Fernando hatte mit Recht neue Erschütterungen in Luisens Seele vorausgesehn. Sie war nicht sobald allein, als sie eine Bangigkeit befiel, die Hand in Hand mit der eingebornen Scheu vor dem Unrecht geht. Es regte sich jenes Zagen in ihr, was zuerst die Bilder lockender Erinnrung unruhig hin und her wirft, bis das verlangende Auge nicht mehr darauf haften kann. Und wie dann alles so innerlich erzittert, so fliehen die Ahndungen höherer Liebe, die ein Gott uns einhaucht, die Erde öffnet ihren Schoos und zeigt uns alle Schrecken, die unsrer warten. Dazwischen hörte Luise Werners zernichtende Worte. Alles fiel ihr plötzlich zusammen. Sie erschien sich strafbarer, verlorner, als sie war; sie wusste nicht, wie sie sich selbst entfliehen sollte. Ach es war ja so wahr, so unwidersprechlich wahr; sie liebte ihn mit allen Kräften ihres empörten Herzens. Unter tausend Qualen war sie spät am Morgen eingeschlafen, als Julius vor ihr Bett trat. Sie schreckte bei dem leisen Geräusch auf. Ich wollte Dich nicht stören, sagte er, gutmütig besorgt, aber ich bin Deinetwegen beunruhigt, liebe Luise, und muss Dich endlich fragen, was so schwer auf Deiner Seele drückt? was Dich so ausschliessend beschäftigt, dass Du fast für nichts ausser dem Sinn hast? Liebe, liebe Luise, verhehle mir doch nichts; glaube nur, ich habe Deine Schmerzen, ohne sie zu kennen, zerreissend gefühlt. Ach ich trage ja kein andres Leben in mir, als Dein Glück, Deine Ruhe. Sie sank weinend in seine arme. O wäre er mein Bruder, dachte sie. Erinnerst Du Dich, fuhr er fort, was die Mutter sagte: Luise hat nun niemand auf Erden als dich, verlasse sie nie, stehe ihr im entscheidenden Augenblick zur Seite. Meine Luise, sei offen. – Wie Himmelstau fielen diese Worte in ihr Herz; sie rang noch einen Augenblick mit der Furcht, Julius durch ein freimütiges geständnis wehe zu tun; dann aber siegte die Wahrheit, ihr Innres schloss sich auf, die Worte schwebten auf ihren Lippen; da stürzte Mariane herein und sagte eilig, der Herr Jagdjunker und Herr Werner seien im Vorzimmer in heftigem Wortwechsel und sie habe von Schiessen und Schlagen gehört. Julius sprang auf; er fürchtete Carls Ungestüm, und eilte, einem Unglück vorzubeugen. Nach einer Weile kam er sehr bleich und erschüttert zurück. Es ist nichts, sagte er angestrengt; ein Missverständniss, das sich schon wieder aufgeklärt hat. Sonst nichts? fragte Luise, wirklich nichts? Nein, nein, wirklich nicht, erwiderte er und ging dann schweigend auf und nieder. Luise erwartete mit klopfendem Herzen, dass er das vorige Gespräch wieder anknüpfen und auf's neue in sie dringen sollte