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lange dort in stiller Beschauung mochte gestanden haben. Er ging ihm, wie gewöhnlich, mit herzlicher Freude entgegen. Fernando achtete nicht viel darauf. Er war um Luisen beschäftigt, die, heftig erschüttert, ihre Tränen nicht zurückhalten konnte. Hätte ich früher, sagte er leise, einen Begriff von dieser zarten Regsamkeit gehabt, wäre es mir überall gegeben, in Ihrer Nähe lange zu überlegen, glauben Sie sicher, ich würde jene grauenvolle Erscheinung nie an Ihnen vorübergeführt haben. Werden Sie mir verzeihen? fragte er schmeichelnd. Luise lächelte freundlich unter ihren Tränen, und nickte wiederholt mit dem kopf, ohne ein Wort sagen zu können. Werden Sie mich eben so wenig roh und ungeschickt nennen, fuhr er fort, wenn ich die rührende Beweglichkeit ihres Sinnes nicht ganz verstehe, und Sie frage, was Sie eigentlich so ungewohnt bewegt? Ich weiss es nicht, erwiderte sie, sich fassend, ich weiss es durchaus nicht; allein mir ist, als wären mir einige der erwähnten Personen nicht fremd, als ginge es mich mit an. Als ginge es Sie mit an? unterbrach sie Fernando, ihre Worte falsch deutend; LuiseSie stand auf und wandte sich zu Julius, der mit dem Mönch auf sie zutrat. Guten Abend, lieber Vater! rief sie dem Letztren zu. Dieser blieb einen Augenblick in sich versunken, dann sagte er mit bewegter stimme: der Herr segne und behüte Euch! und schlug einen andren Weg zum Kloster ein.

Was war das, rief Fernando! seltsam! wie sich heute alles in mir verwirrt! –

Sie traten Alle jetzt den Rückweg zum schloss an, und trennten sich dann alle drei in eignen Vorstellungen befangen.

Luise warf sich geängstet in ihrem Bett hin und her, ohne einen Augenblick Ruhe zu finden. Die Scheu gegen Fernando, und das Misstrauen, das ihr früher sein Lächeln eingeflösst, kämpften peinlich mit Wohlwollen und Bewundrung. Umsonst suchte sie ihre gestrige Stimmung hervorzurufen, umsonst blieb sie bei jeder zweideutigen Aeussrung stehen, umsonst drängte sie sein Bild von sich weg, es rang sich tief aus der gepressten Brust herauf, und riss sie in einen Wirbel widersprechender Gefühle fort. Die Nacht dehnte sich in ewig langen Stunden hin, in denen der unsichre blick, durch nichts Aeussres angezogen, hin und her schweifte, und, wie in Fieberträumen, immer nur das Gefürchtete sah. Am Morgen endlich raffte sie sich aus dem Taumel empor. Mit den ersten Lichtstralen ward es klarer in ihrer Seele, die bangen Vorstellungen wichen immer weiter und weiter zurück. Der junge Tag sah ihr wie ein neues Leben frisch und freudig entgegen. Lieber Gott, sagte sie bewegt, gieb mir einen stillen Sinn, deinen Frieden rein in meiner Brust zu bewahren. So sah sie, wohl noch etwas schwankend, aber doch mit offner empfänglicher Seele ins Freie, als man ihr folgenden Brief der Baronin überbrachte.

"Erlauben Sie, meine junge Freundin, dass ich Ihre gütige Zeilen in Emiliens Nahmen beantworte. Vieles darin ist ohnehin an mich gerichtet, und ich will sogleich von dem Vorrechte Gebrauch machen, welches Sie mir, mit der liebenswürdigsten Hingebung, einräumen. Man beschuldigt jeden, dessen Wirksamkeit beschränkt ist, und vorzüglich Frauen in meinen Jahren, dass sie gern Rollen in fremden Angelegenheiten übernehmen, und sich sehr wichtig auf dem platz erscheinen, den ihnen Alter und Erfahrung ganz natürlich anweisen. Die Eitelkeit schleicht sich wohl oft unbemerkt in unsre Herzen, und wirft einen vornehmen Schein über nichtswürdige Motive; dennoch kann ich hier wohl mit Wahrheit versichern, dass mich die allerherzlichste Teilnahme an Ihnen zu der freien Mitteilung meiner Gesinnungen zwingt, zur der Sie mich gewissermassen auffordern.

Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, Ihr Brief hat mich erschreckt. Es ist ein gewisses unsichres Herumfassen nach fremder hülfe darin sichtbar, eine Angst vor sich selbst, die sich unter unnatürlichem Hass gegen einen Unbekannten verbirgt. Was reizt Sie zu dieser Heftigkeit, die Sie in sich selbst irre macht? Glauben Sie mir, es ist den Frauen selten etwas gefährlicher, als einem ausschliessenden Gefühl für irgend einen Mann, der nicht der ihrige ist, Raum zu geben, am wenigsten aber dürfen Sie es sich und Andren so klar und mit dieser Leidenschaftlichkeit aussprechen. Hass und Liebe berühren sich schon darin, dass uns der Gegenstand beider Empfindung niemals gleichgültig ist, und gleichgültig sollte Ihnen der fremde Jüngling billig sein. Was haben Sie mit seinen Fehlern und Tugenden zu schaffen? Lassen Sie ihn ruhig neben sich hingehen, Ihre Wege sind ohnehin von einander geschieden. Und von mir, liebes Kind, von meinem Rat erwarten Sie die schickliche Haltung in Ihrer misslichen Lage? Fühlen Sie wirklich diese schon in irgend einem Augenblick verloren zu haben? Welch Gefühl, ich bitte Sie, ist so mächtig in Ihre Brust, dass es die grosse Ehrfurcht vor dem äussren Anstand, vor Ihrer ganzen Lage und Ihren Verhältnissen, nur in mindesten schwächen könnte? Bewahren Sie doch um Alles das ruhige Gleichgewicht Ihres Seins und Wirkens, ohne welches Sie die strenge vorgezeichnete Bahn leicht übertreten könnten. Ich sollte vielleicht schweigen, und Sie ruhig neben dem Abgrund fortgehen lassen. Vielleicht sicherte Sie eigne angeborne Kraft, vielleicht sähen Sie selbst noch klarer die Gefahr. Ich würde es darauf ankommen lassen, wenn Ihre freundliche Einladung und das Drängen meiner Hausgenossen, sie anzunehmen, mich nicht zu reden zwänge. Sie wissen, wen ich Ihnen zuführe. Sein Sie auf Ihrer Hut. Morgen Abend umarme ich Sie