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anknüpfen sollte; er wusste eben so wohl, dass es ihm ein kleines Wort kostete, um dieses in den gang zu bringen; allein er sah ruhig zu, wie sie die Tassen hin und her rückte, übermässig Zucker hineinschüttete, für weit mehr Menschen Tee eingoss, als ihr kleiner Cirkel in sich fasste und endlich höchst trocken fragte: ob er den deutschen Maler schon lange kenne, da er ihn sich zum Reisegefährten gewählt habe? Ich kenne, erwiderte Fernando, die Menschen entweder gar nicht, oder sehr lange. Sie gehen unbemerkt neben mir hin, oder ein unwiderstehlicher Zug reisst mich ihnen nach; dann schliesst sich meine ganze Seele auf, und strömt wie eine Feuerflut in die ihrige über, so dass ich sie plötzlich durchdringe und kenne. – Er hatte sich Luisen genähert und fasste ihre Hand, die spielend das siedende wasser in den Teetopf tröpfeln liess. Ich bitte Sie, fuhr er fort, schöne Gräfin, vergessen Sie es nicht, dass ich ein Fremdling in ihrem Norden bin, messen Sie mich nicht mit dem gewohnten Massstab Ihrer einmal angenommenen Weise. Die deutschen Frauen, sagt man, sind sehr ernst und an einen ruhigen, besonnenen Umgang gewöhnt; übersehen Sie daher die Funken, die bei der leisesten Berührung aus diesem glühenden inneren sprühen, und denken Sie darum nicht nachteiliger von mir alsJulius trat herein. Ich habe, fuhr er fort, diesem die andre Hand reichend, nur kurze Zeit in einem Familienkreis verlebt und wenige Erinnrungen aus meiner Kindheit von so friedlichen Augenblicken gerettet; allein sie wollen hier wieder erwachen, und ich bitte zwei gute Menschen, mich auf eine Zeitlang in ihre Mitte aufzunehmen. Julius umarmte ihn gerührt; Luise sagte mit unsichrer stimme; sie wünsche, dass er sich in den einförmigen Umgebungen gefallen könne, und eilte dann in ihr Cabinet, folgende Zeilen an Emilien zu schreiben.

"Sie ahnden schwerlich, dass ich Ihnen aufs neue den Nahmen jenes berüchtigten Fremden nennen, und Sie von dessen plötzlicher Erscheinung benach richtigen will. Er ist wirklich hier, und was noch mehr ist, gesonnen, lange hier zu bleiben. Sein Anblick hat den Eindruck nicht verwischen können, den sein früher aufgefasstes Bild in mir zurück liess. Ich weiss es nicht, warum mir alles, auch das Einfachste in ihm, zweideutig und falsch erscheint; allein in dieser Stimmung muss ich befangen und wir alle drei müssen in einem gespannten verhältnis bleiben. Vielleicht wirkt er auf Andre günstiger, vielleicht sehe ich auch hier in meiner Einsamkeit zu ängstlich auf ihn und lasse mich von Kleinigkeiten stören, die sonst wohl unbemerkt hingingen. Ich wage es daher, liebe Emilie, Ihre Mutter an die Erfüllung ihres Versprechens zu erinnern, und erwarte Sie mit allen Ihren Gästen in diesen Tagen auf dem Falkenstein. Sagen Sie ihr, dass ich, an die Leitung der besten Mutter gewöhnt, ihrer feinen Gewandteit und Weltkenntniss bedürfe, um eine schickliche Haltung zu gewinnen, und dass ich sie dringend bitte, mir den Beistand nicht zu versagen, den sie mir so mütterlich zugesichert habe.

Leben Sie wohl, beste Emilie. Empfehlen Sie mich Ihrer gelehrten Welt und dem guten Carl, wenn er noch bei Ihnen ist. Vergessen Sie auch nicht, den Maler mitzubringen, der Fernando vielleicht am besten unter uns allen kennt."

Als Luise siegelte, hörte sie im hof ein italienisches Lied singen; gleichwohl war Julius mit seinem Freunde im Nebenzimmer. Francescadachte sie, und sprang zum Fenster. Ein finstres, ältliches Gesicht sah ihr zwischen zwei Mantelsäcken entgegen, die Fernandos Bedienter auf beiden Schultern geladen, dem haus singend entgegen trug. Sie holte tief Atem. – Warum auch nicht? fragte sie beschämt. Warum? – wiederholte sie heftigwelche Unschicklichkeit! wenn er hier – – Sie mochte den Gedanken nicht festalten, und eilte zu ihrem kleinen Geschäft zurück. Julius unterbrach sie auf's neue, indem er sie freundlich erinnerte, Fernando nicht so geflissentlich zu meiden, was ihn notwendig verletzen müsse. Sie machte ihn darauf mit ihrem Vorhaben bekannt, mehrere Menschen um ihren Gast zu versammeln, der ohnehin wohl die deutsche Häuslichkeit sehr tot finden werde. Julius war es gern zufrieden, worauf sie beide in den Saal zurückgingen.

Fernandos lebendiger Sinn durchbrach sehr bald die Schranken überlegter Zurückhaltung, die er sich für den Augenblick selbst gezogen hatte. Er konnte den gewohnten gang der Unterhaltung, den ruhigen Strom der Worte, die in gegenseitiger Mitteilung still hinfliessen, und in ihrem Lauf Gedanken und Gefühle allmählich entwickeln; er konnte das nicht ertragen, ohne wie ein ungeduldiges Kind einen Stein hinein zu werfen, dass die Wellen kreisend über einander schlugen und sich alles verwirrte. Ueberdem wusste er, dass solch plötzliches unterbrechen, solch gewagter Wurf oft die klarsten Gemüter befängt, und man bei kühnem Vordringen leicht den Platz einnimmt, den man behaupten will. Er liess sich daher von seiner Phantasie ungestört forttragen, und bemerkte nicht ohne innre Lust Luisens Kampf, mit dem sie gegen das Feuer seiner Unterhaltung anstritt, um sich vor sich selbst in ihrer angenommenen Kälte zu behaupten.

Als sie am folgenden Abend bei dem Wasserfall nicht weit vom schloss sassen und sich alle drei unwillkührlich in das stille Rauschen verloren, ohne die innren Gefühle laut werden zu lassen, sagte Julius endlich: Du hast uns immer noch so wenig von Deinem eignen Leben erzählt, lieber Fernando, und dennoch ist es sicher reich an merkwürdigen begebenheiten. Mein Leben? erwiderte dieser