, setzen Sie den Geist wie das Zartgefühl des Fräuleins durch solche Warnung sehr herab, da sie gewiss etwas Edleres zu würdigen versteht. Werner zuckte spöttisch mit der Oberlippe, und meinte, sie gerade lasse dem fräulein keine Gerechtigkeit wiederfahren, da es ihren Reizen wohl gegeben sei, solchen Unbeständigen zu fesseln. Nach der Annahme des Aristophanes beim Platon, fuhr er fort, der ich nun einmal zugetan bin, waren die Korper ursprünglich sphärisch geformt und beschrieben ungestört ihre Bahnen. Nach dem Fall der ganzen Welt wurden sie mitten von einander geteilt und laufen irrend umher, bis ein jedes seine Hälfte findet. Wer sagt uns nun, dass fräulein Emilie nicht die Hälfte ist, welche der interessante Fremde unter tausend vergeblichen Bemühungen aufzusuchen strebt? – Emilie lachte. Wer ist denn eigentlich dieser Fernando? fragte die Baronin. Ein in der Tat sehr liebenswürdiger Mann, erwiderte Julius, von den seltensten Anlagen, aus guter Familie und von einem Vermögen, das ihm eine unabhängige Existenz sichert. – Hm – sagte die Baronin beifällig. – Carl aber fragte schnell, ob er auch ein Dichter oder sonst so etwas sei. Mein Gott! rief Emilie, und zuckte die kleinen, beweglichen Schultern, lassen Sie ihn doch sein was er will; es ist ja noch die Frage, ob wir ihn jemals sehen, er gefällt sich so gut in Wien. Alle lachten über ihre naive Ungeduld. Luise blieb indess unruhig und verbarg es sich auch weiter nicht, dass sie eine Scheu vor Fernandos Ankunft habe, die sie hinderte, an der Heiterkeit der Gesellschaft teil zu nehmen, weshalb sie des andern Tages auch gern ihre Rückreise antrat und sich von den neuen Bekannten, in der Erwartung, sie nächstens auf dem Falkenstein zu sehen, ohne sonderlichen Kummer trennte.
Sie fuhren durch ein trübes, feuchtes Wetter hin. Der graue Nebel lag schwer auf Luisens Seele. Sie sprach wenig; auch Julius war einsilbig. So trat sie, beklommen, mit einer ängstigenden Leere im Innren, in ihre Zimmer. Julius ging seinen Geschäften nach; sie blieb allein, ohne ein lebendiges Wesen, ausser die bewegliche Flamme im Kamine, um sich zu haben. Gedankenvoll trat sie an das Feuer, und warf einzelne Blumen, die sie aus einer nahstehenden Vase zog, hinein. Da hörte sie einen Postillon blasen; ein Wagen rollte in den Hof, hielt vor der Tür. Sie fühlte im Augenblick, wer es sei, und blieb unbeweglich, den Kopf zwischen beiden Händen auf dem Kamin gestützt, in dunklen Ahndungen verloren. Julius trat mit einem jungen, schönen Mann herein, welcher sie auf den ersten blick Fernando erkennen liess.
Drittes Buch
In einem Gemisch von Bangigkeit und Ueberraschung begrüsste Luise ihren Gast, mehr kalt als würdig; er hingegen mass sie mit einem seltsam lächelnden blick, der sich gleich darauf unter den schönsten Wimpern senkte, und dem beweglichen Mienenspiel einen Anflug von bescheidner Zurückhaltung gab. Julius Augen ruheten forschend auf Luisen. Er fürchtete jedes störende Gefühl in ihrer Seele und eben deshalb ihr Missfallen über Fernandos Ankunft. Allein sie verbarg alles was in ihr vorging unter einer scheinbaren Gleichgültigkeit, und beschäftigte sich angelegentlich bei dem Teetisch, den man vor den Kamin gestellt hatte. Fernando setzte sich ihr gegenüber; die Unterhaltung blieb einsilbig. Julius fühlte wohl, dass sein gewandter Freund leise auftrat, um erst den herrschenden Geist seiner Umgebungen aufzufassen; er suchte ihn daher durch die Frage: was ihn so schnell zu einer Reise nach Deutschland bewogen habe? mehr auf sich selbst zurück, und zugleich einen Gegenstand herbeizuführen, über welchen beide öfter schon mit vieler Laune gestritten hatten. Sonst, fuhr er fort, lag Dir solch ein Gedanke sehr fern; Berlin und Novazembla stellten sich Dir ziemlich unter einem Bilde dar. Du hast unmöglich, erwiderte Fernando ernstaft und mit weicher stimme, Du kannst keinen Begriff von einem Gemüt haben, was ewig zu suchen und nie zu finden verdammt ist. Luise sah ihn zum erstenmal genauer an. Er hatte sich etwas vorgebeugt, so dass die Flamme aus dem Kamin einen hellen Schein auf sein Gesicht warf und den Glanz seiner Augen erhöhte. Mich, fuhr er fort, schleudert das Schicksal vielleicht noch durch ganz Europa, indess Dich das schönste Glück gefesselt hält. Ein los wie das Deinige könnte mich auf ewig mit mir selbst entzweien, da ohnehin die Täuschungen der Jugend immer schneller und gedrängter an mir vorübergehn! Seit Wien –? fragte Julius lächelnd. O mein Gott! rief jener, aufspringend, solche Erinnerungen können wohl niemand bis hieher begleiten, am wenigsten finden sie in diesem Zimmer Raum. Luise blickte unwillkührlich auf. Dasselbe zweideutige Lächeln schwebte um seinen halbgeöffneten Mund und wandte sie schnell wieder von ihm ab. Ueberall, fuhr er fort, sie scharf ins Auge fassend, möchte ich die Vergangenheit unberührt lassen, sie passt nicht zur Gegenwart, und ich will in dieser gern ganz und ungeteilt leben.
Luisens Verlegenheit ward jetzt noch vermehrt, da man Julius abrief und sie nun allein mit dem gefürchteten Fremden blieb. Es fiel ihr schwer aufs Herz, dass solche Augenblicke oft wiederkehren und sie der peinlichsten Unruhe aussetzen würden. Sie beschloss daher bei sich, noch diesen Abend die Baronin dringend zu einem Gegenbesuch einzuladen, und die dortige bunte Welt um sich zu versammeln. Fernando weidete sich schweigend an der Verwirrung, die über ihr ganzes Wesen ausgegossen war. Er sah wohl, dass sie auf eine gleichgültige Anrede sann, die das Gespräch