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dass er in Wien bleibe, da sie auf seine Bekanntschaft weiter nicht begierig sei. Julius fragte indess den Maler, indem er den Brief zusammenfaltete, was Fernando abgehalten habe, ihn sogleich zu begleiten. Eine Begebenheit seiner Art, erwiderte dieser. Die Blicke der Gesellschaft richteten sich bei dem Worte, das immer etwas Ungewöhnliches erwarten lässt, auf den jungen Mann, und schienen eine nähere Erklärung zu verlangen. Er fuhr auch sogleich fort: Es war wenig Tage vor meiner Abreise, als wir bei dem Herausgehn aus dem Schauspiel einen Knaben begegneten, welcher auf seiner schnarrenden Leier unaufhörlich dasselbe Lied spielte und die Vorübergehenden so um Almosen ansprach. Fernando warf ihm ein Stück Geld hin und bat ihn, zu schweigen; allein der Knabe folgte uns durch eine lange Strasse, immer dasselbe leiernd. Fernandos Ohr ward aufs äusserste verletzt; er wandte sich ungeduldig, um den Knaben zu fassen, der angstvoll vor ihm hinrannteindem öffnete sich die Tür eines ansehnlichen Hauses, an welchem beide streiften; der Knabe drängte sich hinein und riss Fernando in seinem Grimme nach. Gleich darauf fiel die tür wieder zu, die Leier ertönte einen Augenblick, dann ward alles still, der Knabe trat allein heraus und ging frisch und fröhlich an mir vorüber. Ich war noch voll Verwundrung über den seltsamen Zufall, als ich einen Mann in einem dunklen Mantel auf das Haus zueilen sah. Ich zog mich sogleich hinter einen hervorspringenden Pfeiler zurück, und bemerkte dass der Unbekannte an dem schloss drehte, dann unmutig mit dem fuss stampfte und sich auf der andern Seite der Tür hinter einem ähnlichen Pfeiler verbarg. Wir mochten beide ungefähr eine halbe Stunde auf diese Weise gestanden haben, als mir, bei einer unvorsichtigen Bewegung, der Stock aus der Hand fiel und mit ziemlichem Geräusch auf den Steinen hinrollte. Mein ungekannter Feind bog sich, auf den nahen Lärm, sogleich hervor, und da er mich in einer peinlich-lauernden Stellung wahrnahm, sprang er ungestüm auf mich zu und fragte keck nach der ursache meines Dortseins. Ich war nicht in der Stimmung, ihm auf eine geschickte Weise auszuweichen, noch weniger Rechenschaft von meinem Tun und Lassen abzulegen, daher antwortete ich eben so heftig, ohne eigentlich zu antworten. Das Gespräch erhitzte sich immer mehr und riss uns vom Gegenstand desselben zu persönlichen Beleidigungen fort. Während der Zeit war Fernando unbemerkt aus der tür geschlüpft. Von dem, was ihm eben begegnet war, konnte er sehr leicht auf die Veranlassung unsers Wortwechsels schliessen. Er trat daher zu uns, und nachdem er sich für meinen Reisegefährten und uns beide für Fremdlinge in dieser Stadt erklärt hatte, bewies er dem armen Betrognen, dass wir uns bei verschiednen, von einander abweichenden, Geschäften in dieser Gegend dies ausgezeichnete Haus, zum Wahrzeichen gemeinschaftlichen Zusammentreffens, ausersehen hätten. – Eine Flut von Worten und feinen Wendungen drückte jeden Zweifel in unserm Gegner nieder, der sich am Ende beschämt und reuig zurückzog. Kaum waren wir allein, so riss mich Fernando, unter tollem lachen, nach einem nahgelegnen Kaffeehause. Hier machte er endlich seinem Herzen Luft, und, während er seine eigne kleine geschichte als eine fremde Begebenheit erzählte, zog er die Aufmerksamkeit mehrerer Anwesenden auf sich. Der Zusammenhang war übrigens nicht schwer zu erraten. Die Leier hatte das Ende des Schauspiels und den Augenblick einer verabredeten Zusammenkunft anzeigen sollen. Fernandos Ungeduld verwirrte alles, indem er den Knaben mit Gewalt zu seinem Ziele drängte. Bei Annäherung der Töne sprang die tür auf, Fernando fuhr hinein, eine weiche kleine Hand drückte sich schmeichelnd auf seine Lippen und zwang ihn, zu schweigen. Er stand einen Augenblick unschlüssig; allein als dieselbe kleine Hand ihn ungeduldig fortzog, folgte er in der Dunkelheit durch mehrere Zimmer, bis ihn seine Führerin am Eingang eines schwach erleuchteten Vorsaals verliess. Alles war hier still, nichts regte sich, er blickte neugierig umher und sah endlich durch einen gegenüber hangenden Spiegel eine zierliche Gestalt, die sich, fast schwebend, auf den Zehen, in der Tür eines anstossenden Cabinets hielt und ihm winkte, sich zu nähern. Er tat, wie man ihm gebot. Ein lauter Schrei empfing ihn, den er indess, wie er lächelnd hinzusetzte, bald zu unterdrücken und die arme Kleine überall zu trösten verstand. Fernando gefiel sich so wohl in diesem Abenteuer, dass er auch noch das Ende desselben und das Zusammentreffen mit dem wahren Geliebten wiederholte, worüber ein kleiner, sehr weiss gepuderter Herr, der ein besondres Behagen an der geschichte fand, fast vor lachen sticken wollte. Er konnte sich gar nicht wieder von Fernando losreissen und nötigte uns beim Weggehn, den Abend bei ihm zuzubringen. Wir willigten ein, und er führte uns zu unserm Erstaunen in dasselbe Haus, das nun einmal der Schauplatz der lächerlichsten begebenheiten bleiben sollte. Wir traten endlich in das bekannte Cabinet, wo uns der Herr Rat mit vieler Artigkeit seiner halbtodt erschrockenen Gemahlin vorstellte. Fernandos geschickte Haltung beugte indess jeder Unvorsichtigkeit vor und erhielt uns den Abend in der besten Laune. Er hat nun einmal Zutritt bei der Familie und reisst sich vielleicht nicht so schnell wieder los, da ihn alles, was von der hergebrachten Weise abweicht, fesselt.

Luise war aufgestanden und redete mit der Baronin sehr eifrig über eine vor ihr liegende Handarbeit, die nach französischem Dessein gemacht war, Werner aber hörte nicht auf, von Fernando zu reden, und warnte Emilien vor seiner Bekanntschaft. Nach dem, was wir eben gehört, fiel Luise schnell ein