1810_Fouqu_019_18.txt

den blick verdunkelt und den Geist mit bleiernen Gewichten zu dem kurzgesteckten Ziele hinabdrängt."

Alle lachten, denn seine Augen schienen noch jetzt von diesen bleiernen Gewichten herabgezogen. Der Engländer aber meinte, es gehe ihm wie den Somnambülen, die im Schlafe das Beste zu Tage fördern; denn, setzte er hinzu, im grund hat er doch eine Saite angeschlagen, die jeden mehr oder weniger trifft. Wahr ist es am Ende, dass wir alle nach und nach von der inneren Regsamkeit verlieren, und dass selbst das wackerste, mit Lust und Liebe unternommne Geschäft den Mehrsten unter den Händen zum abschmeckenden Einerlei wird. Das müde Auge heftet sich dann auf irgend einen befreundeten Gegenstand, und starrt ihn so lange gedankenlos an, bis es gar nichts mehr sieht und alle Dinge in einem trüben Dämmerlichte vor ihm hinziehn.

Der Professor ward von einem kleinen Froste überfallen, den ein unterbrochner Schlaf allemal zurücklässt; er schüttelte sich gähnend und sagte dann, um die an ihn gerichtete Rede einigermassen zu beantworten: was sich nicht unaufhörlich aus sich selbst erzeugt, das gehört einer fremden Gewalt an, die mit tausend Händen nach uns greift und uns ohne Leben und Bewegung in ihren Banden gefesselt hält. Viele schmachten, sich selbst unbewusst, in diesem Zustande, indess Andre den innren Funken im eignen Dunstkreis ersticken und sich überreden, Eines sei wie das Andre und das Nächste das Beste. Eines ist wie das Andre, sagte Werner kalt; der Rangstreit, dächte ich, wäre lange abgemacht. Freilich, erwiderte der Professor, durch diesen Widerspruch schnell aufgeregt, freilich alles ist schön und herrlich, wie es der wache Sinn erkannt und geprüft in sich trägt, aber das innre Licht soll in tausend Blitzen durch den festen Kern glühen und ihn überstralen, dass man es inne werde, welch ein Geist hier waltet. In der Liebe, sagte Reinhold, Emiliens Hand, die er noch immer in der seinigen hielt, sanft drückend, wird das jedem anschaulich. Alles ist ihr Zeichen, Hindeutung überschwenglicher Fülle; unter ihrer Berührung erweitert sich das beschränkteste Dasein und ruft Kräfte hervor, die sonst wohl ewig schliefen. Bei den Mehrsten, fiel der Engländer ein, währt dieser Zustand des inneren Wachens nur nicht lange. Sie sinken sogleich in den vorigen Traum von Leben und Tätigkeit zurück und blicken höchst vornehm auf die wenigen lichten Punkte ihrer dunklen Wirksamkeit. Wer es nicht scheut, fuhr er fort, in sich selbst zurückzugehn, wird über die kunstreichen Wiegenlieder erstaunen, mit denen man sich selbst in träge Ruhe singt. Das ist es aber eben, erwiderte der Professor, was fast ein jeder scheut. Das Denken ist dem ungeübten Denker wirklich eine Last. Wie sich die dunkle Flut von Ahndungen, Begriffen, Empfindungen und Ideen regt, reisst sie das blöde Auge mit sich fort, bis es sich angstvoll verschliesst und nur den gewohnten Kreisen eröffnet. Ohne gewaltsamen äussren Stoss wiederholt selten jemand ähnliche Versuche, bis die innre Beweglichkeit immer mehr stockt und der Geist zuletzt nur noch bang an die enge Klause anpocht und sich durch ein gespenstisches Rauschen verkündet. Das gilt doch nur von einzelnen Augenblicken, sagte Reinhold, in andren regt sich in eines jeden Brust irgend ein laut, der sein innerstes Wesen kund gibt. Bei dem tod eines geliebten Freundes, oder beim Erwachen der natur durchzieht ihn ein wehmütiger Ruf, den er versteht, wie man Gott fühlt und empfindet, ohne eigentliche Worte für dies Gefühl zu haben.

Werner, dem jene Rührung in Luisens Seele nicht entgangen war, hatte sich indess zu ihr gestellt und fragte sie um ihre Meinung über den eben behandelten Gegenstand. Sie dachte an ihre Mutter und die Bibel, und sagte mit bewegter stimme, dass, wenn den Frauen auch das eigentlich künstliche Denken fremd sei, sie dennoch in Religion und Liebe eine stete innre Anregung fänden, der sie sich nur überlassen dürften, um vor der gefürchteten Dumpfheit sicher zu sein! – Indem trat der Baron mit einem jungen Mann in das Zimmer, den er der Gesellschaft als Künstler und Freund des Hauses vorstellte, welcher, nach geendigten Reisen, in seine Heimat zurückkehre. Es war der Sohn des Pfarrers aus dem dorf, von dem Baron früh hervorgezogen, und, bei der Entdeckung eines aufblühenden Talents, auf alle Weise begünstigt. Emilie begrüsste ihn herzlich und machte ihn sogleich mit allen Anwesenden bekannt. Der junge Mann hörte nicht sobald, dass sich der Graf Falkenstein hier befinde, als er aus seiner Brieftasche ein Schreiben hervorzog, welches er Julius sogleich einhändigte. Von Fernando! rief dieser, angenehm bei dem Anblick der Schriftzüge überrascht. Wo verliessen sie ihn? In Wien, erwiderte der Maler, wohin wir von Venedig mit einander reisten. Dort, setzte er lächelnd hinzu, wird er nun wohl so lange bleiben, als ihn seine Grillen fesseln.

Julius hatte indess das Siegel erbrochen und stellte sich hinter Luisens Stuhl, so dass Beide folgende Worte lasen.

"Du weissst, lieber Julius, ich liebe die Coltsequenz im Leben. Du hast geheiratet, und das ist weise; ich durchziehe die Welt, und das ist ebenfalls weise. Jetzt bin ich hier, die deutsche Häuslichkeit zu bewundern, von der ihr selbst viel Aufhebens und einige schlechte Schauspiele gemacht habt. Dass ich nächstens nach Deinem Hexensteine komme, begreifst Du wohl; der Himmel bewahre mich dort nur vor Bezaubrung."

Luise entfärbte sich etwas, und sagte, ohne das Ende des Briefes abzuwarten, sie wünsche,