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in ein unsichres Rauschen der Gefühle weg. O! nichts weiter, sagte Auguste ungeduldig, wir wollen uns lieber auf dem warmen Strom seiner Gefühle hin und her schwingen, als mühsam an Ihre Weisheit hinanklimmen! Die Baronin, der das Gespräch schon lange nicht angenehm war, weil es durch seinen Gegenstand kein allgemeines Interesse gewinnen konnte, schlug der Gesellschaft einen Spaziergang vor, und man machte sich bereits auf den Weg, als Herr Aaron, wie vor sich selbst redend, bemerkte, dass man dem Buch zu viel getan habe, da es doch wirklich mehrere glückliche Momente und eine grosse Pracht und Reichtum der Phantasie entalte. Ich lasse mich hängen, flüsterte Carl Luisen zu, wenn das alles nicht eine abgeredete Karte ist; der Jude steckt mit dem Buchhändler unter einer Decke und hat den Andren zugeredet, das närrische Zeug anzugreifen, damit man neugierig werden und es lesen möchte. Carl, sagte Luise sehr ernstaft, Ihr Vorurteil macht Sie boshaft. Nehmen Sie sich in Acht, Ihre Gutmütigkeit läuft Gefahr, von einem hässlichen Gifte befleckt zu werden. Emilie, die herzu gekommen war, drückte ihr die Hand und sagte (einen strafenden blick auf Carl), wie ist es möglich, dass Sie Herrn von Stein fähig halten – O ich weiss, ich weiss, unterbrach sie jener, Reinhold nicht beachtend, der ihn in dem Augenblick gutmütig umfasste und durch einige freundliche Worte beschämt in sich selbst zurückdrängte. Trauen Sie dem wilden Jäger nicht, er geht auf eine gefährliche Jagd aus, lispelte Werner im Vorübergehen. Gefährliche Jagd? wiederholte Carl; was soll das heissen. Gott weiss, sagte Reinhold, aus dem wird niemand klug; aber lassen Sie ihn nur, er meint es nicht böse.

Luise dachte anders, sie konnte sich einer inneren Scheu nicht erwehren, die ihr Werners höhnende Ruhe aufdrang. Uebrigens gefiel sie sich ganz wohl in dem gemischten Kreise und beantwortete Emiliens vertrauliche Liebkosungen, wie der Baronin feines Zuvorkommen, mit dankbar frohem Herzen. Bei einer grossen Empfänglichkeit für fremde Eindrücke, ward es ihr leicht, den herrschenden Ton der Gesellschaft aufzufassen, wodurch sie, zu ähnlich freier Mitteilung angeregt, sehr bald vorteilhaft ausgezeichnet wurde. Der kleine Triumph entging ihr nicht, so wenig wie Augustens Empfindlichkeit darüber, die sich verstimmt zurückzog, indess die unbefangne Emilie nur noch liebreicher und heitrer wurde. Gewohnt, Huldigungen zu empfangen, war diese niemals bemüht, irgend eine Aufmerksamkeit gewaltsam an sich zu reissen, sondern alles gehen zu lassen wie es gehen wollte und konnte, weshalb sie auch das Wohlwollen der Männer, bei ganz veränderter Beziehung des Gefühls, immer rein erhielt.

Ein kleiner Regen trieb die Gesellschaft in die Zimmer zurück. Emilie verbarg sich unter Luisens Shawl, und, indem sie sich Beide umschlangen, rannten sie schnell dem haus zu. Der weiche indische Stoff, der sich um die schlanke Gestalten schmiegte, bildete eine Gruppe, die von allen Herren unter lautem Beifallruf bewundert wurde. Nun nur schnell Musik! rief Auguste im Hereintreten, durch jenes Lob verletzt, die Worte tödten uns sonst heute in der ängstlichen Stubenluft; Herr von Stein, Sie versagen mir es nicht! Reinhold, immer bereit, Andren Freude zu machen, trat zum Clavier; Werner stellte sich zu Augusten, und, während er die Gruppe von vorhin in farbigem Papier sehr geschickt ausschnitt, lockte er ihr unter künstlichen Wendungen die ursache ihrer trüben Laune ab. Die andern hörten indess auf folgendes Lied:

Ein weiches Herz im Busen,

Ein krieg'risch glüh'nder Sinn,

Manch holder Wink der Musen,

Das ward mir zum Gewinn.

Und früh besonnte Bahnen,

Sie schlossen mir sich auf;

Beifällig sah'n die Ahnen

Auf ihres Enkels Lauf.

Wie schnell, wie hart geendet!

Wie nah' der Freude Grab!

Vom weichen Herzen wendet

Die kluge Welt sich ab.

Die ehmals tapfre Klinge

Blitzt matt in Trümmern auf,

Und wenn ich Lieder singe,

Wer hört in Liebe drauf? –

Zwar edle Kränze rauschen

Fernher zu meinem Preis;

Die möchte' ich gerne tauschen

Um ein demüt'ges Reis.

Um's Reis der süssen Minne,

Das welkend mir verblich.

Umsonst! Im stillen Sinne

Verzehrt mein Sehnen mich. – –

Emilie reichte mit ihrer gewohnten Gutmütigkeit, Reinhold, nachdem er geendet, die Hand, und liess ganz rücksichtslos die Rührung blicken, welche jene Worte in ihr erregten. So viel Teilnahme überraschte ihn. Er drückte die schönen Finger an seine Lippen, während er, über ihren Stuhl gelehnt, einen langen, fragenden blick auf sie richtete. Luisens Herz klopfte unwillkürlich. Eine seltsam dunkle Ahndung stieg in ihr auf, ihr Atem stockte, helle Tränen drangen aus ihren Augen; da unterbrach Werner die augenblickliche Stille mit einem lauten Gelächter und zeigte auf den Professor, der in einer Ecke des Sophas in guter Ruhe schlief. Geschwind, Herr Professor, rief Auguste, geschwind eine Vorlesung über die Trägheit der Menschen. Der kleine Mann rieb sich die Augen, sprang mit einem Satze auf, als treibe ihn angeborne Schnellkraft, während er sich mit zusammengebissnen Zähnen die Sporen gab, setzte sich mitten ins Zimmer und hub dann mit einer stimme, die noch heiser vom Schlafe war, folgendermassen an.

"Keine Gefahr steht dem Menschen näher, als zu jener trägen Dumpfheit herabzusinken, die, indem sie die Regsamkeit der Sinne hemmt, oder doch nur einseitig und mechanisch übt, den inneren Reichtum der Gefühle einengt,