. Vor Julius hatte sie eine Art von Ehrfurcht, weil er über die grenzen Deutschlands hinausgekommen war, was sie ihm auch, durch bescheidne Zurückhaltung, die seinem Verdienst den Vorzug einzuräumen schien, bezeigte. Luise ward einigen Damen aus der Nachbarschaft vorgestellt, und dann von Emilien, die sie mit besondrer Herzlichkeit empfing, in den Kreis um den Teetisch eingeführt. Ihr zunächst sass eine hübsche junge Frau, die lebhaft mit einem bleichen, sehr ruhig scheinenden, Mann redete, und sich oftmals ärgerlich von ihm abwandte, ohnerachtet sie es nicht lassen konnte, immer wieder hin zu hören, so oft er mit einem weichen, fast leisen Organ, etwas Beissendes sagte, was sie unwillkührlich zur Antwort reizte. Der Baron war indess mit einigen andern Herren hinzugekommen. Herr Werner, sagte die junge Dame zu einem derselben, tritt heute aufs neue wie der Baum der erkenntnis zwischen die unschuldigsten Genüsse der Menschen, und ist bemüht uns durch die Früchte seines Witzes die Augen zu öffnen. Ich wiederhole nur, erwiderte jener, gleichgültig mit seinen Lünetten spielend, die er eben abgenommen hatte, um Emiliens Stickerei genauer zu betrachten, ich wiederhole nur, was die öffentlichen Blätter sagen. Ein von der gnädigen Frau beschütztes Buch, R o d r i c h , ist darin wie ein Rezept zu einer Torte zerlegt, so und so viel Orangenblüten, Citronen nach Belieben, mehrere poetische Süssigkeiten, einige ergreifende Scenen als pikante Gewürze, und zuletzt zur Dekoration die Gruppe des Laokoon. Was meinen Sie dazu, Herr Professor, unterbrach ihn die Dame heftig, sich zu demjenigen wendend, welchen sie zuvor anredete, ich bitte Sie, was heisst das? – So viel als nichts, erwiderte dieser, das könnte man so ziemlich von den mehrsten Romanen sagen, die im Süden spielen; das bezeichnet äussre Zufälligkeiten, die keinesweges die idee des Ganzen darstellen. Allein wer diese richtig auffasst und sie angreift, ist meiner Meinung. – Werner lachte in sich. Ihrer Meinung? wiederholte die hübsche kleine Frau ganz betroffen, und stand von ihrem Stuhl auf, als wolle sie jenes nachteilige Urteil fliehn. Räume ihnen nicht das Feld, liebe Auguste! rief Emilie, verteidige den armen Rodrich, Du weisst wohl – Gnädige Frau, hub der Professor aufs neue an, Sie forderten mich auf; ich kann nicht anders als wahr sein. Nun denn, erwiderte Auguste, auf alles gefasst, so sagen Sie nur was Sie denken. Ich denke, fuhr jener fort, was Ihrem Scharfsinn bei näherer Betrachtung nicht entgehen kann, wenn der erste Eindruck mancher anziehenden Verhältnisse verwischt sein wird. Es ist in dem buch nicht sowohl die Rede von der Nichtigkeit des menschlichen Tun und Treibens in seinen verworrenen Richtungen, sondern ein völlig abwärts gehendes Streben bei früh erkanntem Ziel. Der Sündenfall n a c h d e r erkenntnis. Rosalie personifizirt das Ganze, absichtlicher Wahnsinn. Alle sind klug, besonnen, ermessen und prüfen, heben sich über sich selbst hinaus, und neigen sich am Ende zur gemeinen Alltäglichkeit herab. Das kann ich so strenge nicht tadeln, sagte Werner, das bezeichnet eine Ansicht wie eine Seite des Lebens; warum soll die nicht ausgesprochen werden? Störender ist mir, dass das Buch weder ein Roman, noch eine Novelle oder ein Mährchen ist; diese äusserliche Unvollkommenheit verrückt alle Augenblick den Standpunkt, aus welchem man es betrachten soll, und verwirrt es in sich selbst. Noch bemerke ich, dass die sogenannten poetischen Situationen gekünstelt und absichtlich erscheinen, und die einzige Wahrheit des Gefühls in der anspruchlosen Aline niedergelegt ist. Das eben, das eben, unterbrach ihn der Professor, ist das frevelhafte Spiel, was durch das ganze Buch geht. Das Heiligste wird niedergetreten, weil es schwach, ohnmächtig, abhängig, erscheint, indess die reichste Kraft sich in sich selbst zernichtet.
Für mich ist es immer schwer, von diesem buch reden zu hören, sagte Reinhold, im Guten sowohl als im Bösen, denn ich möchte gegen Beides anstreiten, und gerate deshalb unausbleiblich ins Gefecht, oft gar auch in ein kreuzendes Feuer, wie es mir zum Beispiel hier gehen würde. Aber eine blosse Gefühlsäusserung, die keinen Anspruch auf irgend eine richtende Kraft hegt, zieht wohl als ein friedlicher Gesandter durchhin, und ich will es daher nur dreist heraussagen, dass ich von dem Rodrich tief angesprochen werde, dann wieder unendlich hart abgestossen, dann wieder zum allerkühnsten Spott gereizt. Oft tritt er ganz fremd vor mich hin, als wäre gar keine Berührung zwischen uns Beiden, treibt mich durch gezierte Gesellschaften vornehm umher, erinnert mich an andre Bücher, die eben so vornehm tun und die ich nicht leiden kann, der Unwille runzelt meine Stirn, der Hohn schwebt auf meiner Lippe – und plötzlich brechen die Stralen des reinsten, seligsten Friedens hervor; das Wehmütigste aus meinem Leben, das Lieblichste aus meiner Kindheit tritt vertraulich kosend auf mich zu; ich zürne über meinen Hochmut, über meinen Spott, und lösche mit linden Tränen Rodrichs und meine Fehler zugleich aus. Gottlob! rief Auguste, das ist doch etwas Andres, als der blosse Verstand, das empfind' und begreife ich zugleich! Luise blickte zufrieden auf das edle Gesicht des jungen Mannes, das eine fromme, fast demütige, Rührung überzog. Lieber Reinhold, hub Werner an, Sie sagten mit Unrecht, dass Ihre poetische Ergiessungen wie ein Friedensbote durch jene Urteile hingingen; sie gehen darüber hin und schwemmen die einfache Wahrheit derselben