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Herz dringenden Ruf, der sie fast unwillkührlich erweckt. Sie sind verloren, wenn sie sich hingebend und erwartend eignen Einwirkungen überlassen. Ich fühle das oft beschämt, und flüchte zur Bibel, als dem vollsten und reichsten Schatz ans Licht getretner Herrlichkeit. Was die geschichte im Aeussren und Allgemeinen darstellt, den Menschen in der Folgereihe fortlaufender begebenheiten, das Zusammenfallen grosser Naturerscheinungen und innrer Umwälzungen, das tritt hier wie ein Blitz der Offenbarung unmittelbar, und in der beredtsten, dem Herzen verwandtesten, Sprache aus dem Innren hervor. Luise fühlte besonders die Wahrheit des Letztren, denn sie konnte nie ohne tiefe Rührung die Worte der Schrift lesen, und blieb noch lange nachher in einer weichen, jedem bessren Eindruck offnen, Stimmung.

Um diese Zeit traf Carl, seinem Versprechen gemäss, bei ihnen ein, und beredete sie freundlich, ihn auf eine kleine Lustreise zu dem Landsitz seines Onkels zu begleiten. Es sei dort, setzte er hinzu, jetzt bunter als jemals; Gelehrte und Ungelehrte, Pharisäer und Leviten, Jude und Teufel, alles ginge Hand in Hand. Luise fürchtete ein wenig die Baronin; allein Julius sah es als eine Art von Schuldigkeit an, sie dieser vorzustellen, und willigte um so lieber ein, da er sich von Carls Gesellschaft und seinen naiven Anmerkungen manche Freude versprach.

Schon des andern Tages machten sie sich bei heiterm Wetter und der besten Laune auf den Weg. Carl ward nicht müde, von dem glänzenden Kreis zu reden, in den sie eintreten wollten, und dabei die Gelehrten und Dichter zu verspotten, welche Letztre er nun einmal in den Tod hasste und gradehin für Lückenbüsser in der menschlichen Gesellschaft erklärte. Ich habe nicht viel gelernt, setzte er mit komischer Zuversicht hinzu; allein ich gehe meinen Weg rüstig fort, und stosse ich auf irgend ein Hinderniss, so räume ich es weg, oder kehre still um, ohne die ganze Welt zum Zeugen aufzurufen; solch Himmelskind hingegen weiss niemals ob es fest auftreten darf, und fasst bei aller gelegenheit nach einem tüchtigen Arm an den es sich halten kann. Julius lächelte, ohne Carls Meinung anzugreifen, da sie ihm vielleicht notwendig war, um ruhig in den Schranken auszuhalten, die seine individuelle natur ihm gesteckt hatte. Allein Luise sagte, Sie nannten die Dichter vielleicht mit Recht Himmelskinder; gönnen Sie ihnen also ihre eigne Welt, und wundern Sie sich nicht, wenn sie der unsrigen fremd bleiben. So sind die Frauen, rief Carl ungeduldig aus, solch unzusammenhängendes Wesen gefällt ihnen. Liebe, schöne Gräfin, wer in den Himmel will, muss auch auf der Erde zu haus sein, sonst hätte ihn unser Herr Gott weggelassen. Und übrigens sind die Herren auch nicht so himmlisch wie es in den Büchern aussieht; sie greifen mit allen Sinnen umher wie jeder andre Erdensohn, und geniessen wo es etwas Gutes gibt. Wenn so einer von Nektar schlürfen redet, denn weiss ich schon was die Glocke geschlagen hat. Die Seligkeit kenne ich auch, wo alles blau ist wie der Himmel über uns! Diese Gleichstellung des phantastischen Dichterrausches mit den gemeinen Wirkungen des Weines brachte alle zum lachen, und niemand stritt weiter mit Carl, der im zug des Erzählens blieb. Sie werden, fuhr er fort, bei dem Onkel wunderliche Heilige erblicken, zu deren sekte ich mich nun einmal nicht bekennen mag. Einer ist indess unter ihnen, den ich ausnehme. Ein braver, excellenter Junge, ehemaliger hannöverscher Offizier, der bei der Auflösung der Armee auch um seinen Degen kam, und nun vor Angst und Kummer Dichter geworden ist. Seitdem klagt er ein bischen zu viel über sein eigen Leid; allein das gehört nun einmal zu seinem Gewerbe, sonst ist er noch eben so gut und anspruchlos wie ehemals. Auch hat die Tante eine gewisse Vorliebe für ihn, weil er von guter Familie ist, denn bei aller Verachtung andrer Vorurteile hält man doch in dem haus gewaltig auf den alten Erbadel, als ein Ueberbleibsel des Rittertums, das jetzt wieder bei den Gelehrten in Ansehn kommt.

Sie hatten indess mehrere Meilen zurückgelegt, und sahen nun von fern das Ziel ihrer Reise, ein schönes, im modernen Styl erbautes Landhaus, von hohen italienischen Pappeln und Schwarztannen beschattet. Unmittelbar daran schloss sich ein englischer Garten, an welchem sie jetzt vorüberfuhren, und die Gesellschaft auf einem frischen Rasenplatz, zwischen verschiednen Gruppen ausländischer Bäume, beim Tee versammelt fanden. Luise bemerkte zuerst eine junge Blondine, die mit gefälligem Wesen zu mehrern jungen Männern redete und sie fast allein zu beschäftigen schien, während sie nachlässig mit ihnen unter den Bäumen hin und her ging. Ihr Haar war vorzüglich schön geordnet und schmiegte sich lockig an die weichen Umrisse des Gesichtes. Das ist Emilie, rief Carl, der werden die Poeten auch noch den Kopf verrücken! Der hübsche, junge Mann an ihrer Seite ist jener Offizier, von welchem ich ihnen zuvor sprach, ein Herr von Stein, in der Gelehrtenwelt Reinhold genannt; ihm zunächst geht ein Engländer mit einem Juden, der ihm die deutsche Dichtkunst um ein Billiges ablässt. – Hier trat ihnen die Baronin, von ihrer Ankunft benachrichtigt, entgegen. Luise ward durch die Schönheit und Würde ihrer Gestalt überrascht. Ohnerachtet sie von Matildens Alter zu sein schien, war die fast plastische Ruhe ihrer Züge, durch ein gleichförmig fortlaufendes Leben, ungestört geblieben, und ihre Schönheit über die Zeit hinausgehoben. Sie redete mit der einfachen Sicherheit, die ein längerer Umgang mit der Welt fast einem Jeden gibt