Mutter auf sie herunter und wiederhole jene Worte: Wie sollte ich an Deinem Glücke zweifeln, wie solltest Du je etwas Wünschenswerteres begehren können!
So mit sich und ihrem Loose zufrieden, setzte Luise ihre Reise fort, während sie mit Julius jede Möglichkeit erwog, wie den armen Leuten dauernd zu helfen sei, und den kleinen Unfall segnete, der so viel Glück herbeigeführt hatte. Julius schämte sich seiner vorigen Heftigkeit, daher ging er um so eher in Luisens Pläne ein, das kleine Unrecht auf diese Weise vor sich selbst wieder gut zu machen.
Es war indess spät geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, von den Wiesen stieg ein frischer Dampf herauf, der sich wie ein Flor über die grüne Fläche hinzog. Glühwürmchen leuchteten, herabgefallnen Sternen gleich, aus den büsche, und kreisend durchzogen einzelne Vögel die Luft, um dann von den letzten Geschäften des Tages auszuruhen. Luise fuhr unwillkührlich zusammen, als Julius freudig rief: das ist der Falkenstein! Sie blickte auf. Graue Türme sahen im bleichen Mondenlicht zwischen Felsenwänden und dunklen Tannen hervor. Das ist der Falkenstein, wiederholte sie langsam. Sie fuhren jetzt einem Wasserfall vorüber, der sich in einen breiten Graben ergoss. Eine wohlerhaltne Zugbrücke führte über letzteren in den Schlosshof hinein. Luise trat mit wankenden Knien aus dem Wagen, in das weite Portal, wo die Dienerschaft des Hauses sie unter tausend Glückwünschen erwarteten. Willkommen, meine Luise! rief Julius aus bewegter Brust; willkommen! tönte es von mehrern Stimmen durch die gewölbten Hallen. Luise neigte sich freundlich gegen Alle und folgte Julius die Steintreppe hinauf zu Violas Zimmer, die er, als die heitersten und schönsten, für sie bestimmt hatte. Sie ward angenehm überrascht, als sie in einen kleinen wohlerleuchteten Saal trat, dessen Wände, grün, mit Basreliefs von der auserlesensten Arbeit verziert waren. Ringsumher standen, auf kleinen Fussgestellen, hohe Vasen mit Blumen, dazwischen Statuen, Abgüsse der besten Meister. Einem grossen Spiegel gegenüber sah man durch eine geöffnete Glastür in einen blühenden anmutigen Garten, der am Abhange des Felsen angelegt war. Mariane, eilig bemüht alle Herrlichkeiten in Augenschein zu nehmen, trat voll Freude aus demselben hervor, und begrüsste Luisen wie eine liebe Bekannte. Alles gewann hier ein lustiges, vertrauliches Ansehn. Der düstre Eindruck des alten Gebäudes verschwand, jede Spur, jede Erinnerung daran war durch Violas Andenken verwischt. Mit liebevoller Ehrfurcht nahm Luise von den übrigen Gemächern Besitz, die noch aller Zauber ihrer ehemaligen Bewohnerin erfüllte. Ahndungen und Sorgen waren vergessen. Matilde und die Gräfin schienen ihr überall zur Seite zu gehen und sie zu jedem reinen Genuss zu ermuntern.
Die schöne Zeit, wo der Mensch mit erwachender Lebenslust eine neue Laufbahn betritt, wo die Seele sich in den weitren Kreisen dehnt und jede Kraft mutiger übt, hob auch Luisen über innre Störungen hinaus und öffnete ihr ein frisches tätiges Leben, das der reinste Wille und die andächtige Feier entschwundner Geliebten mehr und mehr veredelte. Die arme Familie im wald wurde in dieser Stimmung am wenigsten vergessen. Ihre Segnungen tönten in Luisens Herzen wie der Ruf des himmels zu neuen guten Werken.
Julius ging indess seinen einsamen Weg. Zu Anfang war es wohl, als wenn Luisens erheitertes Dasein auch erfrischend durch ihn hinzöge; allein er fiel bald wieder in sich selbst zurück. Die sorge für die Dauer ihres Glückes beschäftigte ihn ängstlich, und machte ihn über die Mittel, es zu erhalten, unschlüssig. Gleichwohl vermochte er nicht, mit ihr darüber zu reden, weil er überall dem inneren Reichtum seiner Gefühle keine Worte leihen konnte, weshalb er in ihrer Gegenwart einsilbig, oft verlegen blieb. Dieser innre Druck ward noch dadurch vermehrt, dass ihn Luise, so oft sie bei einander waren, drängte, ihr etwas vorzulesen, Klavier zu spielen, oder auf einem Spaziergange den Mönch aufzusuchen, den sie oftmals antrafen, und für den sie eine grosse anhänglichkeit gewann. Julius fühlte wohl, dass die Armut seiner Unterhaltung nach und nach alle gegenseitige Mitteilung hemmen und Luisens lebendigen Sinn mit Gewalt nach Aussen treiben werde. Er versuchte es daher mit der gutmütigsten Anstrengung, sich freier und lebendiger zu zeigen; allein die natur widersteht jeder Absichtlichkeit, und nur in einzelnen Augenblikken, wenn irgend eine Saite seines Innren ungewohnt berührt ward, rauschte der Klang erschütternd durch ihn hin, und sprengte die Bande, die den edelsten Geist gefesselt hielten. Der Mönch verstand es fast allein, solche Momente herbeizuführen. Durch ihn lernten Beide die Bibel kennen, die sie bis dahin nur, als ein notwendiges Glied in der Stufenfolge menschlicher Entwicklung, geschichtlich, betrachtet hatten. Er sagte ihnen oft: wenn es nur zu wahr ist, dass der schwankende Mensch äussrer Anregungen bedarf, wo kann er sie würdiger finden, als grade hier? Das Leben, fuhr er fort, ist reich in Vergangenheit und Gegenwart, die Entwicklung des einen, ewigen, Geistes in natur und Menschen sichtbar; allein dies in jeder Zeit wahrzunehmen, erfordert einen wachen, geübten blick. Das halbgeöffnete Auge schweift an den grossen Offenbarungen vorüber, die, wie einzelne Chiffern, nur dem eine lesbare Schrift sind, der ihren Sinn erkannt in sich trägt. Die leisere Fühlbarkeit, das schnelle Erfassen und Vereinen vorüberfliegender Töne, ist nur einem sehr reichen, in sich beweglichen Gemüt gegeben, einem solchen, dem alles durchsichtig erscheint, und das ohne fremde Kraft die äterischen Regionen durchzieht, die sein eigentliches Lebenselement sind. Die Meisten wollen einen lauten, ans